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Kfz: Versicherer wird zentraler Schadenmanager

18.12.2017 – christoph_wetzel_hdiVon Christoph Wetzel. Der Auto-Versicherungsmarkt schrumpft um 60 Prozent! 80 Prozent der Kfz-Versicherungsprämie brechen weg! Versicherungen drohen Milliardenverluste! Wahre Horrorszenarien zum Kfz-Versicherungsmarkt geistern durch die Medien. Angeschoben durch Studien wie zum Beispiel von KPMG oder Morgan Stanley.

Diese gehen davon aus, dass durch die zunehmende Automatisierung des Fahrens dies immer sicherer wird, die Unfälle signifikant zurückgehen und Kfz-Versicherer als Folge vor massiven Veränderungen stünden. Müssen sich die Kfz-Versicherer in den nächsten Jahren also auf den Zusammenbruch ihres Geschäfts einstellen?

Aus meiner Sicht greifen diese Prophezeiungen jedoch zu kurz. Denn das technisch Machbare wird nicht kurzfristig auch 1:1 im Straßenverkehr umgesetzt. Im Gegenteil. Die Entwicklung vom unterstützten bis hin zum automatisierten oder sogar zum autonomen Fahren ist ein Prozess, der sich über Jahre oder sogar Jahrzehnte hinziehen wird. So spielen neben den technischen eine ganze Reihe anderer Faktoren eine entscheidende Rolle.

Zum Beispiel die Akzeptanz beim Autofahrer, die Kosten und die Lebenszyklen älterer Fahrzeuge. Zum einen werden sich viele Autofahrer, die es gewohnt sind Fahrentscheidungen selbst zu treffen, schwer damit tun, diese an ein System abzugeben. Ein System, das sie nicht oder nur in Grenzen kontrollieren können. Und bereits heute liegt das durchschnittliche Fahrzeugalter von in Deutschland zugelassenen Pkw bei 9,3 Jahren. Tendenz steigend.

Kraftfahrzeugbestand und Haftungssystem

Mit einer spürbaren Präsenz automatisierter oder sogar autonom fahrender Fahrzeuge, bei dem das System die Fahraufgaben dann vollumfänglich erfüllt, dürfte somit erst nach 2030 zu rechnen sein. US-Studien sehen den relativ höchsten Anteil von Fahrzeugen in den USA selbst 2040 noch im Segment des teilautomatisierten Fahrens. Das heißt: Lenkung und Geschwindigkeitsregelung werden für einen spezifischen Anwendungsfall übernommen. Der Fahrer muss das Fahrzeug und den Verkehr während der Fahrt dennoch dauernd überwachen und jederzeit in der Lage sein einzugreifen.

Tatsächlich ist zu erwarten, dass mit zunehmender Automatisierung der Fahrzeuge die Zahl der Verkehrsunfälle sinken wird. Entsprechend dürfte sich auch die Anzahl der Kfz-Schäden reduzieren. Gleichzeitig wird jedoch der Schadenaufwand pro Einzelschaden steigen, zum Beispiel durch die in den Fahrzeugen verbaute immer aufwändigere Sensor- und Informationstechnik.

Der GDV kommt daher zu dem Ergebnis, dass sich der Kfz-Schadenaufwand insgesamt bis 2035 in Deutschland um maximal 16 Prozent verringern wird. Zudem steigt die Fahrzeugdichte in Deutschland seit Jahren kontinuierlich. Trotz Sharing-Angeboten und ÖPNV wuchs der Bestand laut Kraftfahrtbundesamt auf heute 62,6 Millionen Kraftfahrzeuge (Stand: 01.01.2017). Das entsprach einem Zuwachs von mehr als einer Million Kfz im Vergleich zum Vorjahresstichtag. Der Bestand an PKW stieg 2016 um 1,6 Prozent. Nutzfahrzeuge legten im selben Zeitraum um 2,8 Prozent und Motorräder um 2 Prozent zu.

Szenarien, die das Ende der Autoversicherung vorhersagen, erscheinen mir vor diesem Hintergrund übertrieben. Auch angesichts der fortschreitenden Automatisierung der Kraftfahrzeuge bleibt der Versicherungsschutz für das einzelne Fahrzeug unverzichtbar. Der Gesetzgeber hat festgelegt: Das bisherige bewährte Haftungssystem bleibt auch in Zukunft bestehen.

Denn egal, ob der Fahrer oder die Technik fehlerhaft reagiert und ein Unfall passiert: Das vorhandene Haftungssystem schützt das Verkehrsopfer. Die Säulen des Verkehrsopferschutzes gelten auch somit auch für die hoch- und vollautomatisierten Fahrzeuge der Zukunft. Denn auch diese Fahrzeuge werden künftig Schäden erleiden oder in Unfälle verwickelt sein und entsprechenden Versicherungsschutz benötigen.

Der Kfz-Hersteller kommt stärker ins Spiel

Eine gewichtige Änderung steht der Branche dennoch bevor. Mit fortschreitender Automatisierung könnte ein Partner stärker ins Spiel kommen, der bislang bei der Haftung eher eine Nebenrolle gespielt hat: Der Kfz-Hersteller. Der Grund: Bei Fehlern der Fahrsysteme als Unfallursache kommt eine Haftung des Herstellers aus der Produkthaftung heraus in Betracht. Hier gilt es für den Versicherer noch häufiger als heute zu prüfen, ob bei einem Schadenfall ein Systemfehler ursächlich gewesen sein kann.

Entscheidend für diese Prüfung ist auch die Verfügbarkeit der Fahrdaten. Für Fahrzeuge mit automatisierten Fahrfunktionen hat der Gesetzgeber deshalb die Speicherung von drei Datensätzen in einer „Blackbox“ vorgesehen: den Wechsel der Fahrzeugsteuerung Fahrer/System, die Aufforderung des Systems an den Fahrer zur Übernahme und das Vorliegen einer technischen Störung. Die Versicherer können im Rahmen der Schadenbearbeitung künftig einen Anspruch auf Übermittlung dieser Daten geltend machen.

Der Rolle des Versicherers kommt damit eine neue Bedeutung zu. Er agiert künftig nicht nur zwischen direkt beteiligten Unfall-Parteien, sondern wahrscheinlich bezieht er viel häufiger auch den Player Kfz-Hersteller mit ein. Auf Augenhöhe macht er ihm gegenüber bei einem Systemfehler Ansprüche seines Kunden geltend.

Der Aspekt der partnerschaftlichen Zusammenarbeit von Versicherer und Kfz-Hersteller bekommt so einen neuen Stellenwert. Denn mehr noch als heute übernimmt der Versicherer in Zukunft die Rolle als zentraler Schadenmanager.

Bild: Christoph Wetzel ist Vorstandsvorsitzender der HDI Versicherung AG. (Quelle: HDI)

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