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Ist Big Data ein Allheilmittel gegen Versicherungsbetrug?

18.04.2017 – marcin_mekler_sollersVon Marcin Mekler. Versicherungsbetrug verursacht nicht nur bei den Versicherern enorme Verluste. Auch die Versicherungsnehmer müssen letztlich über höhere Prämien für die Kosten von Betrugserkennung und erwarteten Verlusten aufkommen. Insurance Europe kommt in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass globaler Versicherungsbetrug etwa zehn Prozent der gesamten europäischen Schadenaufwendungen entsprechen könnte.

Neue Technologien und Big-Data-Analysen können zwar bei der Betrugserkennung helfen, zur Betrugsprävention allerdings müssen Stakeholder auf andere Optionen zurückgreifen und ihr Repertoire an Analyse-Tools erweitern. Heute sind Versicherer in der Lage, durch die Anwendung von Analysemethoden versuchten bzw. erfolgten Versicherungsbetrug zu erkennen. Die Verfügbarkeit riesiger, exponentiell wachsender Datenmengen sowie die Verknüpfung von Big Data (Korrelationsanalyse) mit Small Data (Kausalitätsanalyse) – beispielsweise durch Netzwerkanalysen – sind effektive Wege, wie Technologie zur Betrugserkennung eingesetzt werden kann.

Wenn es allerdings um Prävention geht, sind die Möglichkeiten von Big und Small Data begrenzt. So kann Technologie bei der Neukundengewinnung zwar potenzielle Falschinformationen identifizieren und den Versicherern anzeigen, welche zukünftigen Schadensmeldungen einer intensiveren Prüfung unterzogen werden sollten. Der Einfluss auf die Zahl der Betrugsversuche ist hier allerdings nur schwer zu messen, und er dürfte tatsächlich auch nur marginal ausfallen. Insofern sind Versicherer zur Verbesserung ihrer Betrugspräventionsstrategie auf andere Lösungen angewiesen.

Eine solche Strategie hängt zunächst ganz offensichtlich davon ab, um welche Betrugsart es sich handelt. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Prävention von so genanntem Opportunistic Fraud. Hierbei handelt es sich nicht um die Simulation oder die absichtliche Herbeiführung von Schadensfällen, sondern um die Manipulation legitimer Forderungen, etwa durch die Übertreibung der Schadenshöhe. Um hier Präventionsansätze ausarbeiten zu können, ist es wichtig, die tieferliegenden Ursachen des Betruges allgemein zu verstehen.

Versicherungsbetrug wird lediglich als Kavaliersdelikt angesehen

Versicherungsbetrug wird in weiten Teilen der Bevölkerung nicht als schwerwiegender Gesetzesverstoß betrachtet, sondern lediglich als Kavaliersdelikt. Der Insurance Research Council berichtet in seiner Studie Insurance Fraud: A Public View von 2013, dass 25 Prozent der amerikanischen Bevölkerung Übertreibungen bei Schadensmeldungen als Kompensation für Selbstbeteiligungen für zulässig halten. 18 Prozent hielten es zudem für vertretbar, die tatsächliche Schadensumme zu überbewerten, um sich selbst für jahrelange Beitragszahlung ohne gemeldete Schadenfälle zu entschädigen.

Auch die öffentliche Wahrnehmung der Versicherungswirtschaft ist ein Faktor, der Betrug begünstigen könnte. Einige Studien kommen zu dem Ergebnis, dass das negative öffentliche Bild der Branche einen messbaren Einfluss auf die Bereitschaft hat, beim Abschluss von Versicherungsverträgen Falschangaben zu machen. Ein signifikanter Teil der Kunden habe den Eindruck, dass ihre Versicherer durch den Vertrieb abstrakter Produkte unangemessen hohe Profite erzielten und die Schadensabwicklung für den Kunden absichtlich zu einem beschwerlichen Prozess machten.

Diese Ergebnisse legen einen Zusammenhang zwischen dem negativen Image der Versicherungsbranche samt ihren Produkten und der relativ hohen Bereitschaft zum Versicherungsbetrug nahe. Sollte eine schnelle Änderung der öffentlichen Wahrnehmung unrealistisch erscheinen, könnten Versicherer kurzfristig durch Leistungs-Upgrades und verbesserte Kundenbeziehungen möglicherweise die Betrugsrate reduzieren – zumindest dann, wenn es sich um Gelegenheitsbetrug handelt.

Versicher müssen verschiedene Stellschrauben drehen

Das Image ist dabei nur eine Stellschraube, über die Versicherer langfristig Einfluss auf die Betrugsbereitschaft ihrer Kunden nehmen können. Eine andere Möglichkeit bieten positive psychologische Anreize, die Versicherungsunternehmen in ihre Produkte integrieren können. Insurtech-Startup verfügen oft nicht über die nötigen Informationen, um Betrug auf herkömmlichem Wege zu bekämpfen und sind daher auf alternative Modelle angewiesen. So spendet der P2P-Versicherer Lemonade beispielsweise nicht beanspruchte Beträge für wohltätige Zwecke am Ende eines jeden Jahres, und Friendsurance erstattet nicht genutztes Geld ganz einfach an die Versicherungsnehmer zurück.

Versicherer sollten sich bewusst machen, dass Technologie alleine ein komplexes Problem wie Versicherungsbetrug möglicherweise dauerhaft nicht lösen kann. Vielversprechender ist daher ein dualer Ansatz, der die Vorteile moderner analytischer Methoden mit einem tiefgreifenden Verständnis der psychologischen Grundlagen von Betrug kombiniert.

Bild: Marcin Mekler ist Manager bei Sollers Consulting (Quelle: Sollers)

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