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Insurtechs ein Produkt von Versicherungs-Missmanagement?

28.03.2018 – Digitalisierung, Big Data - quelle GDVDer Versicherungsmarkt befindet sich weltweit im Wandel. Das Schlagwort von der digitalen Transformation macht die Runde. Während es in früheren Zeiten meist aber nur um marginale Veränderungen ging, steht jetzt nahezu das gesamte klassische Geschäftsmodell zur Disposition. Befindet sich die Versicherungsbranche also am digitalen Scheideweg?

Eine unübersichtliche Produktwelt mit immer neuen Varianten, Nachwuchssorgen im Vertrieb, sehr viele Vermittler, die vor der Pensionsgrenze stehen und seit Jahrzehnten vorhandene Vertrauensprobleme der Außendienst-Mitarbeiter in der Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit, kratzen am Image einer zweifelsohne volkswirtschaftlich bedeutenden Branche.

In dieser ohnehin schon schwierigen Konstellation, entsteht in Form von Insurtechs eine neue parallele Versicherungswelt, die den etablierten Unternehmen das Fürchten lehren kann. Experten sind nicht darum verlegen, diese Start-Ups bereits als Leuchttürme einer Branche zu sehen, die sich enorm drehen muss, um nicht vollends abgehängt zu werden.

Mehr als 82 Mrd. Dollar flossen allein 2016 in den digitalen Versicherungsmarkt. Die Allianz X, neue Start-Up-Abteilung des Weltkonzerns, investierte dreistellige Millionensummen in neue Insurtechs. Thomas Münkel, CEO des Start-Up-Unternehmens Coya, bringt es auf den Punkt. Der “alten” Versicherungswirtschaft sei es bisher kaum gelungen, die Bedeutung des Produkts Versicherungen positiv in das Bewusstsein der Kunden zu bringen“. Versicherung werde meist mit einem Problem assoziiert.

Überspitzt formuliert bedeute das “Keiner will es, jeder braucht es”. Der ausgewiesene Fachmann muss es wissen. Er war zuletzt Chief Operating Officer bei der Uniqa in Wien, davor 20 Jahre bei der Allianz, zuletzt als Chief Governance Officer und Chief Administrative Officer. Auch erkläre der Versicherer nach Meinung Münkels sein Produkt dem Kunden nicht direkt. Das überlasse er fast immer dem Vermittler.

“Mit der Digitalisierung aber haben wir die Möglichkeit, unmittelbar und sehr individuell mit vielen Kunden gleichzeitig in Kontakt zu treten. Das geht in einer Intensität und Geschwindigkeit, die früher undenkbar war“. Damit könnte man in einer ganz anderen Qualität auf dessen Bedürfnisse und Verhalten eingehen. Das kommt besonders jungen Menschen entgegen, die schon in Perfektion auf vielen anderen Gebieten im digitalen Zeitalter angekommen sind, darin aufwachsen und agieren.

Für viele von ihnen ist die persönliche Vermittlung von Versicherungen durch einen Außendienst-Mitarbeiter keine Alternative mehr. Sie sind ausschließlich digital unterwegs. Im Ergebnis braucht es daher schnelle, simple, transparente und flexible Versicherungsprodukte, die individuell auf spezielle Bedürfnisse angepasst sind und so eine Versicherungslösung darstellen, bei der nur bezahlt wird, was auch wirklich notwendig ist.

Nun reden alle Versicherer über die Digitalisierung in ihren Häusern. Doch meist geht es um Arbeitsprozesse, die Vereinheitlichung von Datenformaten und die Verschlankung von Arbeitsabläufen. Aber nur jedes zweite Unternehmen hat tatsächlich eine allumfassende Digitalisierungsstrategie mit einem strategisch definierten Produktfolio. Es gibt noch keinen Versicherer, der als eindeutiger “Digital Leader” gelten kann.

Aber auch bei den Start-Ups vollzieht sich ein Wandel. Der zu Beginn vorhandene Run vieler InsurTechs auf E-Commerce-ähnliche Vertriebsmodelle “stößt in der komplexen Versicherungswelt an seine natürlichen Grenzen”, berichtet die Unternehmensberatung Oliver Wyman und der Zweitmarktverwerter für Lebensversicherungen Policen Direkt im “InsurTech Radar 2017″. Zwar hat sich die Zahl der neuen Unternehmen auf 110 mehr als verdoppelt. Die Start-Ups zielen nun aber auf andere Bereiche des Versicherungsgeschäfts wie Schadenabwicklung, Bestandsverwaltung und Kundenkommunikation.

Und sie haben inzwischen andere Ambitionen als manch ein forscher Vorgänger. Neue Start-Ups streben eher eine Kooperation mit Versicherern an. Auch bei diesen ändert sich deren Einstellung. Während in der Entstehungsphase die Branche InsurTechs belächelte, verkünden inzwischen immer mehr Kooperationen oder gar Beteiligungen an Geschäftsmodellen das Interesse der Klassik am Modernen. Keineswegs ist mehr die Rede davon, dass die “Neuen” nur eine vorübergehende Modeerscheinung sind.

Die Vorteile der Start-Ups liegen auf der Hand: Sie wollen mit künstlicher Intelligenz die Schadenabwicklung der Versicherer beschleunigen, die Video-Identifizierung per App ermöglichen oder bei der Einbindung von intelligenten Chatbots in der Kundenkommunikation helfen. Zum Vorteil für beide Seiten.

“Die neuen Anbieter können mit ihren Technologien als ‘Enabler’ wirken und viele Chancen sowohl für sich selbst als auch für die etablierten Versicherer eröffnen”, sagt Klaus Wiener, Chefvolkswirt des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft. Davon profitierten nicht zuletzt auch die Kunden. “Zum Beispiel kann durch die Digitalisierung von Geschäftsprozessen der Versicherungsschutz effizienter angeboten werden”.

Doch es gibt auch den anderen Trend: den Angriff der Neuen auf das Kerngeschäft der Assekuranz. Mittlerweile haben eine ganze Reihe von Start-Ups eine Versicherungslizenz beantragt oder planen diesen Schritt. Um in Deutschland als Risikoträger Versicherungsgeschäfte zu betreiben, braucht es eine solche Lizenz. Andernfalls müsste sich ein Start-Up immer einen etablierten Versicherer als Partner mit ins Boot holen.

In der ersten Angriffswelle hatten die Start-Ups eine Risikoträgerschaft noch gescheut – auch weil die finanziellen und regulatorischen Hürden deutlich höher sind als bei der Gründung eines Online-Maklers. Das ändert sich nun, wenngleich die Zahl der Lizenzanträge noch überschaubar ist. Als erste haben der digitale Krankenversicherer Ottonova und der Sachversicherer Element das anspruchsvolle Bafin-Verfahren erfolgreich hinter sich gebracht.

GDV-Chefvolkswirt Wiener bleibt im Gegensatz zu anderen Meinungen optimistisch für die Branche: Dass die neuen Anbieter die Traditionsunternehmen verdrängen, ist seiner Ansicht nach nicht zu erwarten. Gründe dafür seien zunehmende Innovationsanstrengungen auch der etablierten Anbieter, die geringen Monopolisierungstendenzen des Versicherungsmarktes, vergleichsweise geringe Skaleneffekte und der nicht vorhandene Patentschutz für Versicherungsprodukte. ”

Am Markt erfolgreiche Lösungen werden meist schnell auch von anderen Anbietern aufgegriffen und in deren Geschäftsmodell integriert”, sagt Wiener. Zurücklehnen können sich die etablierten Versicherer aber angesichts der Herausforderungen nicht: “Nur wer Produkte und Dienstleistungen anbietet, die Kunden in einer digitalen Welt haben wollen, wird in Zukunft überleben – ganz gleich, ob Start-Up oder traditioneller Anbieter”, betont der Chefvolkswirt. (wo)

Bildquelle: GDV

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