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“Heutige Problemfelder sind morgen Wachstumsmärkte”

19.05.2017 – Severin Marcus - BlackrockMarcus Severin, Leiter des Versicherungsgeschäfts in Deutschland und Österreich des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, ist ein ausgewiesener Kenner des deutschen Versicherungsmarktes. Wie er die Entwicklungen der Branche sieht, warum Versicherer ihren Vertrieb schulen müssen und warum er Vertrauen in den Markt hat, verrät er VWheute in einem Exklusiv-Interview.

VWheute: Wie bewertet Ihr Haus den deutschen Versicherungsmarkt und wie wird sich das Beitragsaufkommen in den nächsten fünf Jahren verändern?

Marcus Severin: Die Branche hat sich behauptet und ist relativ stabil aus der Finanzkrise gekommen. Gleichzeitig erschweren und verändern mehrere Aspekte das Geschäft. Zum einen ist da Solvency II zu nennen, das zu erheblichen Veränderungen im Bereich der Belastungen geführt hat und zudem das Geschäftsmodell verändern wird.

Ein weiterer Aspekt ist das anhaltend niedrige Zinsumfeld, das in Verbindung mit dem Aufbau der Zinszusatzreserve zu Problemen bei den Versicherern führt.
Und das Dritte ist der digitale Wandel, der dank Insur- und Fintechs neue Vertriebswege zur Folge haben wird.

Das alles spielt sich vor dem Hintergrund eines großen Kostendrucks ab, den besonders Lebensversicherer spüren.

VWheute: Und die Beitragseinnahmen?

Marcus Severin: Bei Lebensversicherungen haben wir den Peak bereits gesehen. Es gibt im Gesamten gesehen eine Stagnation. Wenige Anbieter wachsen weiter, die meisten rücken vom klassischen Geschäft ab – offiziell oder inoffiziell. Die Garantien sind einfach zu teuer.

Ob und wie sich die neuen, nicht mehr mit einer Lifetime-Garantie ausgestatteten Produkte am Markt durchsetzen werden, ist noch nicht sicher.

Im Bereich der Unfall-, Kranken- und Sachversicherung sieht die Sache anders aus. Im Bereich der Krankenversicherung wird es darauf ankommen, wie sich die politische Lage entwickelt. Generell sehen wir im Bereich der Vollversicherung eine Stagnation und bei den Zusatztarifen eine Steigerung. Im Schaden- und Sachbereich ist noch Wachstum möglich. Genau in diese Bereiche versuchen die Versicherer auszuweichen.

VWheute: Sie haben viele Probleme angesprochen, dennoch sind auf dem Markt derzeit kaum Zukäufe möglich, wie das Beispiel der Allianz zeigt. Darf man daraus schließen, dass sich die Versicherer den von ihnen skizzierten Wandel zutrauen?

Marcus Severin: Ja, das sehe ich durchaus so. Vielleicht ist der Leistungsdruck noch nicht stark genug. Als Außenstehender fehlt auch der genaue Einblick, wie es bei dem einzelnen Versicherer aussieht. Die Solvenzquoten könnten einen ersten, wenn auch ungenauen, Hinweis geben.

Es sind nicht alle Versicherer im gleichen Maß von den Problemen betroffen, sondern vor allem die Unternehmen, die ein großes Geschäft im Bereich der Lebensversicherung aufweisen. Aber grundsätzlich traut sich die Branche den Wandel zu.

VWheute: Was soll ein Versicherer tun?

Marcus Severin: Die zentrale Frage lautet: Wie kann ich wachsen, um mich unter dem Regulierungsdruck von Solvency II besser aufzustellen. Da gelangt man schnell zum Sachversicherungsgeschäft. Allerdings gibt es auf dem Markt nur relativ wenige Anbieter und die Preise sind so hoch, dass die meisten Kaufwilligen zurückschrecken, auch die ganz Großen.

VWheute: Richtig, Sachversicherer werden heiß gehandelt. Ist aber nicht gerade dieses Geschäft durch die fortschreitende Technik ein Auslaufmodell? ¬ Stichwort: Smarthomes, Sensorenüberwachung und per Smartphone gesteuerte Sicherheitssoftware.

Marcus Severin: Das kann man so sehen, aber einen hundertprozentigen Schutz werden Sie auch mit Sensorenüberwachung nicht erreichen. Es bleibt immer ein gewisses Risiko – denken Sie beispielsweise an die Elementarschadenversicherung.

Es wird im klassischen Sachgeschäft neue Technologien geben, die zu weniger Leistungsfällen führen werden und dadurch das Betragsaufkommen für den Versicherungsnehmer reduzieren. Das führt zu weniger Einnahmen, die verteilt werden können.

Allerdings ist die Branche bei der Konzeption neuer Produkte auch sehr findig, zuletzt im Bereich Fahrrad- oder Smartphoneversicherung. Das war früher alles über die Hausrat abgedeckt. Es werden neue Geschäftsfelder entstehen.

VWheute: Auch im Bereich der Altersvorsorge?

Marcus Severin: Ja durchaus, der innovative Versicherer kann den Investmentgesellschaften einen Teil des Geschäfts abspenstig machen. Denn auch in diesem Bereich wird es aufgrund gesetzlicher Vorgaben wie MIFID II zu Veränderungen kommen.

Die Altersvorsorge wird in Deutschland immer wichtiger, und der Versicherer genießt einen Vertrauensvorschuss bei den Menschen hierzulande. Investmentgesellschaften können zwar verschiedene Produkte anbieten, aber der Deutsche möchte gerne einen gewissen Schutz, den er aus Erfahrung am ehesten bei den Versicherern findet.

Aus diesem Grund hat der Versicherer auf dem Altersvorsorgemarkt eine große Chance, die er nutzen muss, indem er seinen Vertrieb auf wertpapierbasierte Produkte schult. Das ist im Übrigen genau der Bereich, in den viele Insur- und Fintechs stoßen und versuchen, den Versicherern Geschäft abzunehmen.

VWheute: Wie würden sie den Ist-Zustand beschreiben?

Marcus Severin: Die Versicherer befinden sich in einem Transformationsjahr, da das klassische Geschäft wegbricht und die neue Fondswelt die Lücke noch nicht kompensieren kann. Das liegt auch daran, dass der Vertrieb noch nicht entsprechend geschult ist. Vertriebe haben in den letzten ein bis zwei Jahren den Fokus eher auf biometrische Produkte gelegt.

VWheute: Rechnen sie mit einer Verkleinerung der Versicherungslandschaft?

Marcus Severin: Einige wenige Versicherer werden sich verstärkt global aufstellen, andere eher eurozentriert. Je nach dem bestehenden Geschäftsmodell. In Deutschland werden viele Versicherer weiterhin Generalist bleiben, aber gleichzeitig versuchen, sich vom Geschäft der Lebensversicherung abzukoppeln. Es wird auch Spezialisierungen geben, die allerdings dann wieder von den Generalisten aufgekauft werden könnten, um das eigene Geschäft auszubauen.

VWheute: Kein Interview mit Blackrock ohne die Zinsfrage …

Marcus Severin: Auf der Zinsseite wird sich auch in den nächsten zwei bis drei Jahren nichts ändern. In zehn Jahren könnte das aber schon ganz anders aussehen und die heutigen Problemfelder sind dann wieder Wachstumsmärkte.

VWheute: Sie sind vom deutschen Versicherungsmarkt überzeugt.

Marcus Severin: Ich bin sehr sicher, dass der deutsche Versicherungsmarkt robust genug ist, um die aktuelle Situation zu meistern.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Bild: Marcus Severin (Quelle: Blackrock)

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