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Hemmfaktor Mann? Warum Frauen Versicherer meiden

02.02.2018 – Managerinnen_MercerVor allem junge Akademikerinnen sind nach wie vor zurückhaltend, was die Finanzbranche als Arbeitgeber betrifft. Männerdominanz, fehlende Work-Live-Balance und moralische Bedenken halten sie von einem Einstieg ab. Zwar gibt es einen Wandel, aber der geht (zu) langsam vonstatten. Obwohl in der Versicherungswirtschaft die Hälfte der Belegschaft weiblich ist, sind Frauen im Management noch unterrepräsentiert.

So lautet das wenig erfreuliche Fazit von Betina Kirsch, Geschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes der Versicherungsunternehmen in Deutschland e. V. (AGV) und dort verantwortlich für das Projekt “Frauen in Führung”. Positive Entwicklungen zeichnen sich zwar ab – diese schreiten laut Kirsch jedoch nur langsam voran. In den letzten zehn Jahren sei der Frauenanteil auf der obersten Führungsebene (unterhalb von Vorständen) laut Personalstatistik des AGV immerhin von 7,4 auf 15,2 Prozent gestiegen. Auch der Anteil weiblicher Vorstände habe sich nach Angaben des Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW Berlin) seit 2006 auf 9,3 Prozent nahezu vervierfacht. Bei den Aufsichtsräten beträgt der Frauenanteil momentan 21,7 Prozent (2006: 11,3 Prozent).

Führungs-Frauen in Versicherungen auf dem Rückzug

Doch die aktuellen Zahlen aus dem Jahr 2017 sind weniger optimistisch. In der aktuellen, am 10. Januar 2018 veröffentlichen Studie “DIW Managerinnen-Barometer” heißt es: “Besonderen Aufholbedarf gibt es nach wie vor bei Banken und Versicherungen, in denen insgesamt mehr als die Hälfte der Beschäftigten Frauen sind. Während ihr Anteil in Vorständen und Aufsichtsräten der 100 größten Banken in Deutschland im vergangenen Jahr jeweils noch leicht auf knapp neun beziehungsweise fast 23 Prozent gestiegen ist, ging er bei den 60 größten Versicherungen auf gut neun beziehungsweise knapp 22 Prozent zurück.”

Da im Finanzsektor die meisten Unternehmen den Frauenanteil im Aufsichtsrat nicht weiter erhöhen, sobald sie die 30-Prozent-Marke erreicht haben, erscheint sogar eine lineare Fortschreibung der Entwicklung der vergangenen Jahre noch zu optimistisch, heißt es weiter beim DIW. “Doch selbst dann würde es rein rechnerisch noch 40 Jahre bei Banken und 28 Jahre bei Versicherungen dauern, bis in den Kontrollgremien beide Geschlechter gleich stark vertreten wären. In den Vorständen würden bis dahin etwa 70 Jahre vergehen“, fasst das DIW wenig optimistisch zusammen.

Neues Führungsverständnis nötig

Laut Betina Kirsch ist die männlich geprägte Unternehmens- und Führungskultur in der Vergangenheit ein maßgebender Hemmfaktor. So auch das Ergebnis einer Managerinnen-Befragung des AGV in der Versicherungswirtschaft aus dem Jahr 2017, an der über 1.000 weibliche Führungskräfte teilgenommen haben. “Ein neues Verständnis von Führung, flachere Hierarchien, flexible Arbeitsmodelle wie mobiles Arbeiten und Telearbeit, die in der Versicherungsbranche mittlerweile sehr verbreitet sind, machen Führungsjobs – auch vor dem Hintergrund der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben für Frauen – immer interessanter“, ist Kirsch optimistisch.

Erfreulich sei zudem, dass sich laut einer AGV-Statistik Akademikerinnen unter 30 Jahren zunehmend für Bereiche entscheiden, die den Karriereaufstieg erleichtern. „Klassische Frauenbereiche wie Personal und Vertriebsunterstützung, wozu auch Marketing und Kommunikation zählen, sind zwar mit 28 Prozent immer noch stark nachgefragt”, verdeutlicht Betina Kirsch. “Aber 42 Prozent dieser weiblichen Young Professionals sind aktuell im operativen Versicherungsgeschäft tätig, in dem deutlich mehr Führungsjobs angeboten werden.”

Nur Männer halten Branche für attraktiven Arbeitgeber

Auch das Karrierenetzwerk Fondsfrauen GmbH hat sich kürzlich mithilfe der Studie “Fearless Girls?” schlau darüber gemacht, warum sich so wenige junge Akademikerinnen für eine Karriere in der Finanzbranche interessieren. Befragt wurden mehr als 1.000 Studierende in Deutschland und der Schweiz. Die Studie wurde gemeinsam mit der Universität Mannheim durchgeführt. Unabhängig vom Geschlecht landet die Finanzbranche, was die öffentliche Wahrnehmung betrifft, auf dem letzten Platz. Dennoch finden insbesondere männliche Studierende, dass die Finanzindustrie ein attraktiver Arbeitgeber ist (Rang drei von 13 Branchen), während weibliche Studierende hier eine deutlich negativere Einstellung haben (Rang sieben).

Zudem halten sich die Studentinnen für weniger geeignet für die Finanzbranche als ihre männlichen Kommilitonen. Sie befürchten außerdem, dass sie dort Familie und Job nicht vereinbaren zu können, und halten die Branche für männerdominert, was sie abschreckend finden. Auch die Unvereinbarkeit mit eigenen Moralvorstellungen hindert junge Akademikerinnen an einem Einstieg in die Finanzbranche.

Frauen brauchen andere Identifizierungs-Möglichkeiten

Beide Geschlechter erwarten eine gute Bezahlung. Die Frauen schätzen ihr mögliches Gehalt jedoch wesentlich geringer ein als die Männer. “Um weibliche Studierende gezielt anzusprechen ist eine völlig neue Botschaft nötig als bisher oft kommuniziert”, erklärt die wissenschaftliche Leiterin der Studie, Alexandra Niessen-Ruenzi. Profitmaximierung und Wettbewerb seien für Frauen kein Argument. Und Anne Connelly, Initiatorin und Mitbegründerin der Fondsfrauen, ergänzt: “Die Branche muss besser kommunizieren, dass insbesondere die Fondsgesellschaften einen wesentlichen Beitrag zum finanziellen Wohlergehen ihrer Kunden leistet. Damit können sich Frauen sehr gut identifizieren und verstärkt dazu beitragen.” (epo)

Bildquelle: Mercer

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