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Gesucht: Cyberschutz für Familienunternehmen

15.08.2017 – BMW-Gebauede_by_Rudolpho DubaWeniger als die Hälfte der deutschen Familienunternehmen sind digitalisierungsready. Das zeigt eine Studie der Deutschen Bank und des BDI. Das ist bedenklich, schließlich stellen Familienunternehmen 56 Prozent aller Jobs und 48 Prozent des deutschen Gesamtumsatzes. Kann die Versicherungsbranche bei der Lösung des Problems helfen oder ist sie Teil des Problems?

Laut der Studie sehen sich weniger als die Hälfte der Familienunternehmen für die Digitalisierung gerüstet (43 Prozent). Unzureichende digitale Schnittstellen (37 Prozent) und Bedenken bei der IT Sicherheit (36 Prozent) sind Problemstellen. Wer bei der Bezeichnung Familienunternehmen an den kleinen Handwerksbetrieb an der Ecker denkt, sollte einen Blick auf die Statista-Tabelle werfen.

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Die größten Unternehmen hierzulande sind (teilweise) in Familienhand. Für die Studie wurden aus diesem Grund auch nur Unternehmen mit mindestens 50 Mio. Euro Jahresumsatz befragt.

Kein Schutz bei Cyberattacken

Besonders überraschend an der Umfrage ist die Besorgnis hinsichtlich der IT-Sicherheit. Haben doch die jüngsten Angriffe auf den Schifffahrtskonzern A.P. Møller-Mærsk und das Familienunternehmen Beiersdorf gezeigt, wie schnell ein Unternehmen inklusive Millionen-Schäden lahmgelegt werden kann. Erschwerend kommt für die Unternehmen hinzu, dass das Innenministerium kürzlich darauf hinwies, dass Wirtschaftsbetriebe dafür Sorgen tragen müssen, nicht zum Verbreiter von Schadsoftware zu werden.

Es kommt immer wieder vor, dass Kriminelle einen Unternehmens- oder Privatrechner infizieren und von diesem dann Schadprogramme versenden. IT-Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass täglich 20.000 neue Schadenprogramme in Umlauf gebracht werden. Im kommenden Jahr tritt zudem eine EU-Verordnung in Kraft, die strengere Meldepflichten für Unternehmen bei Cyberangriffen vorsieht.

Die größten Gefahren für Unternehmen sind Schadprogramme wie “Wannacray” oder “Petya”, DDoS-Angriffe, also die Bombardierung eines Servers mit so vielen Anfragen, das dieser schlussendlich zusammenbricht oder der Diebstahl von Daten. Der Digitalverband Bitkom schätzt den jährlichen Schaden von Cyberattacken auf rund 55 Mrd. Euro.

Die Versicherer zögern

Die Versicherungsbranche weiß noch nicht so recht, wie sie mit dem Thema Cyberversicherung umgehen soll. Einerseits werden die Chancen gesehen, Jan-Oliver-Thofern, Chef von Aon Benfield Deutschland, kann sich ein weltweites Beitragsvolumen von 20 Mrd. Euro vorstellen und Markus Hofmann, CEO der Ergo-Versicherung AG, spricht von der “wichtigsten neuen Sparte im deutschen Markt”

Auf der anderen Seite stehen aber nahezu unkalkulierbare Kosten im Schadenfall. Die Experten bei den Versicherern können nicht auf zurückliegende Daten zurückgreifen und die Komplexität der Schäden erschwert die Prämienkalkulation ungemein.

Zwar hat der GDV Musterbedingungen für die Cyberversicherung entworfen und rund 15 Versicherer bieten Cyberprodukte an, darunter bekannte Namen wie AIG, Allianz, Axa, Ergo, HDI, Württembergische und Zürich, aber auch Spezialanbieter wie Chubb, Dual und Hiscox. Bis auf AGCS konzentriert man sich aktuell vor allem auf den klassischen Mittelstand beziehungsweise mittlere Risiken.

Allerdings liegt der Fokus eher auf dem Mittelstand und nicht bei den Familienunternehmen, die zu den absoluten Schwergewichten der inländischen Wirtschaft zählen. Das ist aus Sicht der Versicherer verständlich, denn ein Produktionsausfall bei BMW ist eben eine andere Größenordnung als ein Maschinenstopp bei einem mittelständischen Zulieferer. Wie soll zudem die Gesamtschadenhöhe beispielsweise bei Datendiebstahl bemessen werden, wie misst man den Reputationsverlust eines Unternehmens – viele offene Fragen.

Gerade kleineren und mittleren Maklern beschert die Marktlage Kopfzerbrechen. Was tun, wenn es in der komplexen Cyber-Materie an Expertenwissen mangelt, aber Cyber gleichzeitig die attraktivste Möglichkeit für Neugeschäft seit Langem ist und die Kunden sogar aktiv danach fragen? Es gilt, einen passgenauen Versicherungsschutz für ihre Gewerbekunden zu finden, ohne selbst in eine Haftungsfalle zu geraten, die einem zusätzlich die Kundenbeziehung kosten kann.

Neue Gefahren drohen

Vielleicht stehen die (Familien-) Unternehmen wegen der fehlenden Absicherungsmöglichkeiten derzeit paralysiert vor dem Problem Cyberrisiko – und ignorieren es mitunter auch gerne einmal. Trotz einer Zunahme von Cyber-Attacken würden Unternehmen dem Problem noch nicht genug Bedeutung beimessen, sagt David Williamson, CEO beim Netzwerkautomatisierer EfficientIP.

Zudem warnt Nikolai Dördrechter, Gründer und Geschäftsführer von Policen Direkt, der vor “neuen Einfallstoren” für Cyber-Kriminelle warnt, die durch Industrie 4.0 entstehen werden. Die “Gefahr wir eher steigen als stagnieren”, ist er sich sicher.

Der Versicherer, der zuerst einen ausreichenden Schutz für die großen Familienunternehmen stellen kann, wird auf dem Markt für Cyberversicherungen mehr als nur einen Fuß in der Tür haben. Mögen die Spiele beginnen. (vwh/mv)

Bild: BMW-Zentrale (Quelle: Rudolpho Duba / PIXELIO / www.pixelio.de)
Grafik: Statista

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