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“Fahrer müssen Kröte schlucken und sich überwachen lassen“

09.04.2018 – SONY DSCMit dem richtigen Telematik-Tarif soll der Kunde einen Preis bekommen, der das Risiko präziser widerspiegelt. Er ist also selbst dafür verantwortlich, wie hoch sein Beitrag ausfällt. Einen hohen Preis muss der Kunde dennoch zahlen. Er wird permanent beobachtet und muss sich disziplinieren lassen. Ob so ein Geschäftsmodell tragbar ist, erklärt Horst Müller-Peters, Wirtschaftsprofessor der Fachhochschule Köln.

VWheute: Was haben Versiche­rer von Telematik-Tarifen?

Horst Müller-Peters: Sie können Risiken von Kunden genauer einschätzen und ihre Dienstleistung entsprechend exakter bepreisen. In der Kfz-Versicherung, wo Telematik­tarife allmählich auf den Markt kommen, gibt es schon jetzt etliche Differenzierungsmerkmale nach Wohnort, Al­ter, Fahrzeugtyp oder Stellplatz des Fahrzeuges. Da kommt jetzt noch einiges dazu, was die Preise gerechter macht.

Denn kein 30-jähriger Münchener mit Golf und Garage fährt wie der andere. Allerdings kann eine solche Entwick­lung zum Zwang werden. Wenn Versicherer nämlich keine solchen Tarife anbieten und Mitbewerber die Risiken ge­nauer abbilden, dann bleiben für die Verweigerer nur die schlechten Risiken. Also muss jeder mitmachen, falls sich Telematiktarife durchsetzen.

VWheute: Wie profitieren Kunden von Telematik-Tarifen?

Horst Müller-Peters: Sie bekommen einen Preis, der ihr Risiko genauer widerspiegelt. Warum sollten junge Männer, die vorsichtiger fahren als der Rest, nicht dafür mit einer geringeren Prämie als andere Fahran­fänger belohnt werden? Dafür müssen sie allerdings die Kröte schlucken, permanent das eigene Fahrverhalten beobachten und sich gegebenenfalls disziplinieren zu lassen. Allerdings ha­ben diese Überwachung und Disziplinierung auch einen positi­ven Effekt – sie führen, ob gewollt oder nicht, zu einer verän­derten Fahrweise und damit zu mehr Verkehrssicherheit. Schon das Feedback „Du fährst zu schnell“ bewirkt einiges.

VWheute: Wird mit dieser weiteren Differenzierung nicht das Solidarprinzip der Versicherung untergraben?

Horst Müller-Peters: Privatversicherer sind nicht solidarisch, sondern versuchen weitgehend das individuelle Risiko zu bepreisen – schon immer und in allen Sparten. Zwar ist die öffentliche Wahr­nehmung eine andere. Die Studie “Geschäft oder Gewis­sen? Vom Auszug der Versicherung aus der Solidarge­meinschaft” zeigt, dass private Versicherer nicht als reine Wirtschaftsunternehmen gesehen werden.

Ihnen wird auch eine Sozialfunktion zugeordnet. Und es gibt für die Versi­cherer klare Grenzen, innerhalb derer sie differenzieren dür­fen. Nationalität, Rasse, Geschlecht sind zum Beispiel tabu. Alter darf hingegen eine Rolle spielen. Aber ist es gerecht, wenn ältere Fahrer per se höhere Prämien bezahlen müs­sen, weil sie im Schnitt mehr Unfälle als jüngere verursa­chen – unabhängig von der tatsächlichen Fahrweise?

VWheute: Wovon machen Verbraucher laut Ihrer Studie ihre Ak­zeptanz von Telematiktarifen abhängig?

Horst Müller-Peters: Hier unterscheidet der Großteil der Befragten zwischen leicht beeinflussbaren Merkmalen wie Punkte in Flens­burg und Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit oder Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen sowie Tabak- und Alkoholkonsum in der Krankenversicherung und solchen Merkmalen, die nur schwer zu beeinflussen sind wie ver­erbbare Krankheiten, der Wohnort des Halters oder aus­geübter Beruf. Diese Merkmale sollten aus der Sicht der Bevölkerung nicht berücksichtigt werden.

Die Fragen stellte VWheute-Korrespondentin Elke Pohl.

Bild: Horst Müller-Peters (Quelle: TH Köln)

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