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“Es muss kernsaniert werden.” Robin Kiera antwortet Dietmar Bläsing

05.03.2018 – Robin Kiera_Robin KieraNichts ist so interessant wie eine Gegenmeinung. Robin Kiera, Digitalisierungs- Fin-, Insurtech und Start-up-Professional, hatte mit “Amüsement” die Aussagen von Dietmar Bläsing, Vorstandssprecher Volkswohl Bund, zum Thema Insurtech/Zukunft auf VWheute gelesen. Hier ist seine Replik.

Den Beitrag von Herrn Bläsing, auf den sich der Autor bezieht, finden Sie HIER.

In den letzten drei Jahren wurden über vier Mrd. Euro von renditehungrigen Venture Capitalists in Insurtech-Start-ups gepumpt. Amazon bereitet den Einstieg in den europäischen Versicherungsmarkt vor. In China erobern Tencents und Ping An die Finanz- und Versicherungswelt. All dies ist möglich, da sich das Kaufverhalten und die Erwartungen von Kunden in den letzten zehn Jahren radikal verändert haben. Gleichzeitig bieten neue Technologien ungeahnte Möglichkeiten, Kundenbedürfnisse zu bedienen. Mit weiteren neuen Technologien wie etwa Artificial Intelligence (AI), Augmented Reality (AR), Virtual Reality (VR), Big Data, Cloud, Voice, Internet of Things (IoT) Blockchain und 3D-Druck wird sich diese Veränderung noch verstärken und verschnellern.

Vieles davon hat auch einen Teil der Vorstandsetagen deutscher Versicherer erreicht und führte – so mein Eindruck aufgrund vieler Hintergrundgespräche – nach einigen Debatten und Innovations-Blendwerk auch zu ersten Schritten in die richtige Richtung.

Bei allem persönlichen Respekt für Dietmar Bläsing, auch vor der persönlichen Karriere vom Lehrling zum Vorstand den Volkswohl Bund Versicherungen, sei jedoch gesagt, dass seine Äußerungen für den anderen Teil deutscher Versicherungsvorstände stehen.

Aus unbekannten Gründen werden die epochalen Veränderungen der letzten 15 Jahre, wie beispielsweise der Online-Vertrieb, als Nischendasein tituliert. Das mag für sein Haus gelten. Auch viele andere Versicherer haben lange aufgrund des Drucks von Makler- und Agenturistenvertretern Antragsstrecken nur zögerlich online gestellt. Allerdings kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei vielen Kundengruppen und vor allem im Neugeschäft sich mittlerweile dramatische Verschiebungen ergeben haben. Wenn die eigenen Bestände allerdings völlig überaltert sind, kann dies bei Analysen schon mal übersehen werden. Bei einer gelegentlichen Google-Suche würde man jedoch schnell feststellen, dass die Kundenschnittstelle dort nicht von den von Herrn Bläsing angesprochenen Maklern, sondern vor allem von Aggregatoren wie Check24, Finanzcheck, Verivox und von innovativeren Versicherern besetzt sind.

Der Einsatz moderner Technik

Auch unterstrich Herr Bläsing die Notwendigkeit des Beraters, “der den Bedarf weckt.” Es kommt noch nicht einmal die Idee auf, hier moderne Technologien in Betracht zu ziehen. Sind hier eigentlich digitale Ökosysteme von Produkten und Services unbekannt, die durch Artificial Intelligence und moderne Datenanalyse die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Kunden vollautomatisiert analysieren? Algorithmen wecken keinen Bedarf, sondern machen provisionsgetriebene Bedarfsweckung überflüssig, indem sie objektive Kundenbedürfnisse und Produktangebote zusammenführen. Um Makler und Agenturisten vor dem Aussterben zu bewahren, müssten sich Versicherungsvorstände schon etwas mehr einfallen lassen.

Herr Bläsing kündigte auch einige Maßnahmen an. Er möchte sich zunächst vor allem mit internen Geschäftsprozessen beschäftigen. Glückwunsch. Fast alle am Ende untergegangenen Unternehmen disruptierter Industrien handelten so. Als das Flugzeug aufkam, überboten sich die Schiffslinien im Wettbewerb um schnellere und optimierte Schiffe. Den Mut, in die neue Technologie zu investieren und seine Kompetenz in Logistik und Personenbeförderung einzubringen, hatte niemand. Die Konsequenz: Alle großen transatlantischen Linien gingen pleite.

Das Problem

Die Äußerungen von Herrn Bläsing sind nur einige Symptome eines Problems. In vielen Vorstandsetagen deutscher Versicherer wird der epochale Wandel noch unterschätzt. Genauso wie in den Vorstandsetagen der großen Reeder vor 100 Jahren. Damals wie heute wäre die einzige Rettung, sich ehrlich einzugestehen, dass die schönen Zeiten vorbei sind und ein nie dagewesener Sturm aufzieht. Damals wie heute müsste massiv in neue Technologien, Geschäftsmodelle und Transformation des Unternehmens investiert werden. Nur einige Prozesse zu optimieren, reicht nicht. Es muss kernsaniert werden.

Wer als CEO aufgrund fehlender Technologie- und Transformationskenntnisse hier überfordert ist, hat zwei Möglichkeiten: Entweder Technologie- und Transformationsexperten in den Vorstand holen oder sein Vorstandsmandat zurückgeben. In beiden Fällen wäre der Weg für die Organisation frei, Digitalisierung nicht mehr als existenzielle Bedrohung zu sehen, sondern als Wachstumsmotor zu nutzen. Fast keine andere Industrie hat aufgrund ihrer Datenschätze und jahrzehntelanger Erfahrungen mit Kunden die Chance, den großen digitalen Technologiekonzernen die Stirn zu bieten So könnten den Kunden die Produkte und Services bereitgestellt werden, die sie verdienen. (vwh)

Zum Autor: Auf Social Media folgen Dr. Robin Kiera über 35.000 Menschen. Dort teilt er regelmäßig Einschätzungen und Einblicke. Er wies als einer der ersten auf das disruptive Potential von Lemonade hin und sagte den Eintritt von Amazon in den Versicherungsmarkt voraus. Mittlerweile zählt. Kiera zu den international bekanntesten deutschen Insurtech- und Fintech Experten. Er spricht regelmäßig auf Technologie- und Versicherungskonferenzen in Asien, MENA, USA und Europa. Nach vielen Jahren bei großen und kleinen Versicherern baut er derzeit ein Ökosystem von digitalen Produkten und Services für eine große Finanzinstitution auf. Er bloggt auf Digitalscouting.de.

Bild und Quelle: Robin Kiera

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