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Dierks: “Es wird zu gravierenden Schäden kommen”

27.06.2017 – Volker Dierks_AGCSDie Schifffahrt wird sicherer, das belegt der Safety & Shipping Review 2017 der Allianz Tochter AGCS. Die Branche der Schiffsversicherer schwankt dennoch wie ein Mast im Sturm. Volker Dierks, bei AGCS Zentral- und Osteuropa zuständig für Schiffsversicherungen, erklärt, inwiefern Versicherungsschutz schon bei der Konstruktion beginnt und warum Cyber-Gefahren auch auf hoher See drohen.

VWheute: Die Schiffsverluste nehmen laut dem Safety & Shipping Review 2017 ab – 50 Prozent in den letzten zehn Jahren. Klingt ja zunächst einmal positiv für die Versicherer, doch sinkt dadurch nicht die Absicherungsbereitschaft?

Volker Dierks: Das kann man so nicht sagen. Eine Haftpflichtversicherung wird von jedem Reeder abgeschlossen. Kein Spediteur würde dem Reeder den Transport der Ladung anvertrauen, wenn er im Schadenfall nicht auf Ersatz des erlittenen Schadens hoffen kann. Eine Kaskoversicherung des Schiffes ist zwar gesetzlich nicht gefordert, aber es wäre unklug, darauf zu verzichten. Wenn das Schiff untergeht, muss der Reeder sein Investment absichern und wird das mit dem Abschluss einer Kaskoversicherung auch tun.

VWheute: Die Schifffahrt befindet sich in einer Krise – steigt in so einer Situation die Bereitschaft von Reedern höhere Risiken einzugehen?

Volker Dierks: Wie gesagt, wir sehen keinen Trend, Schiffe nicht mehr zu versichern. Wir sehen jedoch, dass Reeder unter enormem Kostendruck leiden, und im Einzelfall Wartungsintervalle sehr ausgedehnt werden. Mit solchen Sparmaßnahmen lassen sich zwar kurzfristig die Kosten senken, langfristig könnte die Sicherheit an Bord aber leiden. Mehr Unfälle und höhere Schäden wären die Folge. Die Schiffseigner sollten auch in schwierigen Zeiten Inspektions- und Wartungsvorschriften weiterhin konsequent umsetzen und nicht an der Ausbildung der Crew sparen.

VWheute: Die Schifffahrt steckt in einer Krise, die Zahl der zu versichernden Schiffe sinkt, die Prämien sind seit Jahren unter Druck. Steigt dadurch die Bereitschaft, schlechte Risiken zu versichern?

Volker Dierks: Das muss jeder Versicherer für sich entscheiden. Die AGCS prüft Risiken genau – wir versichern keine fly-by-nights. Mit den Kollegen von Allianz Risk Consulting, darunter einige erfahrene Kapitäne, verschaffen wir uns über die nötigen Papiere und die Einhaltung der maritimen Vorschriften an Bord einen umfassenden Eindruck. Es ist darüber hinaus der Regelfall, dass wir unsere Kunden persönlich kennen, um ein Gefühl für die Sicherheitsphilosophie des Unternehmens zu bekommen.

VWheute: Die Schifffahrtskrise ist allgegenwärtig, zuletzt hat es die East-West-Assekuranz und Rickmers getroffen. Was bedeutet das für die Versicherer, dass weniger, aber größere Schiffe zu versichern sind?

Volker Dierks: Viele kleinere Schiffe sind wegen der Risikostreuung eher einfacher zu kalkulieren als ein Megacontainerschiff, zu dem noch nicht so viele Erfahrungswerte über Schadenszenarien und Schadenhöhen vorliegen. Die Prämienkalkulation ist anspruchsvoller, es sind mehr Unwägbarkeiten zu berücksichtigten. Eine andere Frage ist es, ob wir die ermittelten Prämien auf Grund des Kapazitätsangebotes im internationalen Kaskoversicherungsmarkt auch durchsetzen können.

VWheute: Welche Gefahren bergen Riesenschiffe?

Volker Dierks: Beispielsweise kann bei einem kleinen oder normalgroßen Containerschiff die Ladung bei einer Strandung relativ einfach gelöscht werden, die Schadenhöhe wäre dann vielleicht eine Million. Bei einem sehr großen Schiff ist die Löschung technisch sehr aufwändig oder gar nicht möglich, der Schaden kann dann sehr leicht ein Vielfaches betragen. Auch die Bergung des Schiffes selbst kann sehr schwierig und teuer werden, weil sie nur durch wenige Spezialfirmen weltweit machbar ist.

VWheute: Rechnen sie mit Megaschäden?

Volker Dierks: Das wird passieren, weil die Anzahl der Großcontainerschiffe stetig zunimmt. Es wird zu gravierenden Schäden kommen, die nicht linear, sondern exponentiell mehr kosten, weil der Aufwand überdimensional steigt. Größere Schiffe, steigende Kosten für Bergung und Wrackbeseitigung, höhere Schadenersatzforderungen und strengere Regulierung etwa beim Umweltschutz lassen einen Großschaden in Höhe von vier Mrd. US-Dollar real werden.

VWheute: Werden die Schiffe weiter wachsen?

Volker Dierks: Das Wachstum ist endlich. Nicht nur in Hamburg muss die Elbe an einigen Stellen vertieft werden, um Riesenschiffen den nötigen Tiefgang zu gewährleisten. Auch andere Häfen sind durch Naturgegebenheiten tiefgangbeschränkt.

VWheute: In der AGCS-Schifffahrtsstudie heißt es, “nicht zu unterschätzen ist auch die Bedrohung durch Cyberangriffe auf hoher See”. Was meinen sie damit, wie real ist die Gefahr und wie kann sich ein Reeder davor schützen?

Volker Dierks: In einem Versuch wurde eine Motorjacht “gehackt”, um sie vom Kurs abzubringen. Die Hacker gelangten in die Motor- und Rudersteuerung und konnten das Schiff so vom Kurs abbringen. Bisher gab es noch keinen solchen Ernstfall, aber die Schifffahrt ist vermutlich ebenso auf dem Radar von kriminellen Hackern wie viele andere Branchen.

Es muss auch nicht immer ein Angriff von außen sein, sondern es genügt ein unbewusst per USB-Stick eingebrachter Wurm, der sich in den elektronischen Systemen an Bord ausbreiten kann. Würde beispielsweise der Ladecomputer befallen, wüsste niemand am Ende mehr, wo welcher Container steht. Die Entladung würde deutlich länger dauern, die Fahrt sich schlimmstenfalls verzögern – und Zeit ist in der Schifffahrt Geld.

VWheute: Gibt es Schutz?

Volker Dierks: Hier muss die ganze maritime Wirtschaft, Reeder, Werften, Zulieferer, Gesetzgeber und Versicherer zusammenarbeiten. Der Schutz beginnt bereits bei der Konstruktion der Schiffe mit einer zeitgemäßen Sicherheitsarchitektur der gesamten an Bord verbauten Elektronik. Wir Versicherer befürchten ganz neue Schadenszenarien, die wir uns momentan nur rein hypothetisch vorstellen können. Es ist weniger die Frage, ob Schiffe gehackt werden können, sondern wann es passieren wird.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Bild: Volker Dierks (Quelle: AGCS)

Link: Schiffsversicherern droht die Havarie (Tagesreport vom 14.06.2017)

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