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Deutsche Lebensversicherer sind auch im Zinstief stabil

28.04.2017 – roland_weber_brsMit dem aktuellen Zinsumfeld haben die deutschen Lebensversicherer nach Aussage von Roland Weber, neugewählter Präsident der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), solang kein Problem, wie die Anforderungen aus der Zinszusatzreserve (ZZR) noch zu bewältigen sind. Hier liegt nach Einschätzung des DAV-Vorstandes aber erheblicher Sprengstoff. Deshalb müsse die Politik hier nachbessern.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hielt gestern an ihrer Null-Zins-Politik unverändert fest. Die DAV wird im kommenden Jahr Gastgeber des Internationalen Aktuar-Kongresses sein. “Die ZZR hat sich in den vergangenen Jahren als sinnvoller Puffer erwiesen, um langfristig die Lücke zwischen den zugesagten Garantien und dem Referenzzins zu schließen“, erklärte Weber anlässlich der gemeinsamen Jahrestagung von DAV und Deutscher Gesellschaft für Versicherungs- und Finanzmathematik (DGVFM) in Berlin mit über 1.000 Teilnehmern.

Die zunächst positiven Effekte der ZZR seien eben durch die Markteingriffe der EZB und dem damit verbundenen dramatischen Verfall des Zinsniveaus zunehmend unter Druck geraten. Dadurch müssten Versicherer kurzfristig sehr hohe Summen als Risikopuffer zurücklegen. Laut DAV summierten sich diese Ende 2016 bereits auf etwa 45 Mrd. Euro und allein in diesem Jahr müssten gut 20 Milliarden Euro zusätzlich mobilisiert werden. Ein solches Volumen sei aus den laufenden Erträgen nicht mehr zu stemmen, sagte Weber.

Und in der Folge müssten Bewertungsreserven mobilisiert werden. Die Hoffnungen richten sich jetzt auf die neue Bundesregierung, wie Webers Vorgänger Wilhelm Schneemeier (Past-President) vor Journalisten ausführte. Die Politik könnte 2018 im Rahmen ihrer angekündigten Evaluierung des Lebensversicherungsreformgesetzes (LVRG) die ZZR-Problematik angehen und spätestens 2019 umsetzen.

“Wir wollen eine Streckung”, sagte Schneemeier. Der neugewählte Vizepräsident und damit designierte Nachfolger im DAV-Präsidentenamt, Guido Bader, erklärte, die DAV werde der Bundesregierung empfehlen, den aktuellen Höchstrechnungszinse von 0,9 Prozent auch ab 2018 beizubehalten. “Aktuell kann ich 0,9 Prozent sicher verdienen”, sagte Bader.

Ohne Gegensteuern wird das deutsche Sozialfinanzsystem überstrapaziert

Der öffentliche Teil der dreitägigen Mitgliederversammlung stand unter dem Motto “Vorsorge in Zeiten des demografischen Wandels”, wobei Martin Werding von der Ruhr-Universität Bochum in das Thema einführte. Werding, der an der Erstellung der so genannten Tragfähigkeitsberichte für das Bundesministerium der Finanzen (BMF) beteiligt ist, sagte, es sei richtig, wenn die Politik ein “finanzpolitisches Frühwarnsystem” schaffe, um rechtzeitig auf den demografischen Wandel reagieren zu können.

In den Sozialsystemen (gesetzliche Rentenversicherung, gesetzlich Kranken- und Pflegeversicherung) könnten sich bis zum Jahr 2060 je nach Modellannahme Lücken zwischen 35 und 110 Mrd. Euro auftun. Die Bevölkerung könnte bis dahin auf etwa 72 Millionen Personen abnehmen, wobei es hier aber je nach Zuwanderung und Geburtenentwicklung eine große Bandbreite gebe. Sicher sei jedoch, dass der Altenquotient dauerhaft nach oben gehen werde. Der medizinisch-technische Fortschritt werde zum einen die Menschen länger leben lassen, zum anderen aber auch die Kosten für die Krankenversicherung nach oben treiben.

Weber stellte sich auf dem Podium der Frage “Forever young: Verbringen wir die gewonnen Jahre bei guter Gesundheit oder in Krankheit?” Im übertragenen Sinn dürften auch älteren Menschen noch eine Kreuzfahrt machen; besser wäre allerdings wenn ein Arzt an Bord wäre. Für Weber ist noch völlig unklar, wie viele Menschen denn in die Altersgruppe der 100- bis 120-jährigen einmal sein werden und welche Krankheitskosten sie verursachen. Das so genannte “Kopfschadenprofil” werde sich ins höhere Alter verschieben. (brs)

Bild: Roland Weber, neugewählter Präsident der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV). (Quelle: brs)

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