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Der LV-Markt zwischen Evolution und Revolution

02.06.2017 – joachim_loerper_akWelche Strategien sind in Zeiten der Niedrigzinsphase erfolgreich? Garantien ja oder nein? Was taugen die neuen Modelle? Um diese Fragen kreisen die Diskussionen quer über alle Etagen der mit dem Thema befassten Kapazitäten. Antworten auf diese vitalen Herausforderungen einer ganzen Branche suchten auch die Teilnehmer des Kongresses Lebensversicherung aktuell.

Klar wurde, zwischen Evolution oder Revolution gibt es zahlreiche Abstufungen, entscheiden muss jedes Unternehmen selbst. Denn: niedrigste Zinsen und deren Auswirkungen auf das Produktdesign von Lebensversicherungen sowie die Konsequenzen für den Vertrieb waren im letzten Jahr die dominierenden Themen in der Lebensversicherung, und sie sind es noch heute. Denn zu diesen, von der Finanzpolitik verursachten Konditionen, gesellen sich zunehmend strengere aufsichtsrechtliche Vorgaben die mit LVRG, IDD, AltZertG, AltvPIBV, PIA PRIIP-KIDs, Betriebsrentenstärkungsgesetz und Investmentsteuerreformgesetz nur ansatzweise beschrieben werden können.

In seinem Eröffnungsvortrag warf der Chefvolkswirt der BayernLB, Jürgen Michels, einen Blick auf die internationalen Finanzmärkte und stellte fest: “Der Finanzmarktstress an den internationalen Märkten ist gar nicht so groß.” Trotz Brexit und Trump gibt es zwar einige Unsicherheiten, aber bis jetzt ist noch nichts passiert, die Risiken haben sich noch nicht materialisiert.”

Als größtes Gefahr nannte Michels die Schuldenberge der EZB, weswegen wohl auch die zinsverzehrende Politik der Zentralbank noch einige Jahre weitergeführt werden wird. Auch wenn im Vorfeld der Wahlen in Großbritannien nächste Woche weitere Unsicherheit aufkommen kann, mit einem Exit vom Brexit rechnet niemand. Neben Frankreich, was noch nicht reif für Reformen a lá Agenda 2010 ist, sieht der Ökonom besonders Italien kritisch.

Insgesamt wird sich für Deutschland schon bald die Frage noch einer Vergemeinschaftung der Schulden stellen. Noch gibt es hierzulande Gegenwehr, weswegen weiter mit einer expansiven Geldpolitik noch bis zum Jahr 2030 gerechnet wird. Die Bundesanleihen sieht Michels im Schnitt bei 1,5 bis zwei Prozent. “Durchwursteln wie bisher”, wird weiter die Politik im Euroraum sein, so Michels im Interview.

Den Blick nach innen richtete Assekurata-Geschäftsführer Reiner Will. “Ist die Zinszusatzreserve (ZZR) ein Fluch oder ein Segen?”, fragte Will provokativ, wenn mehr als die Hälfte des Bestandes in den Büchern der Versicherer mit drei Prozent bedient werden muss und gab die Antwort gleich selbst: Ja und nein: Die Entlastungsreserve der ZZR gegenüber der nominellen Garantieanforderung beträgt mittlerweile 0,57 Prozentpunkte, aber allein für 2016 mussten der ZZR marktweit rund 13 Mrd. Euro zugeführt werden, was rechnerisch nahezu dem bilanziellen Eigenkapital der Branche entspricht.

Insgesamt summiert sich dieser Wert mittlerweile auf 45 Mrd. Euro. Positiv bewertete Will hingegen die ersten Ergebnisse der Solvency II Erhebung SFCR, auch wenn bei 20.000 Seiten von einer größeren Transparenz für den Kunden nicht wirklich die Rede sein könne. In diesem Zusammenhang wurde auch Dieter Wemmer, noch bis Ende des Jahres 2017 Finanzchef bei der Allianz SE, zitiert: “Ausdrucken und verbrennen oder als Email löschen.”

Thomas Pollmer, Leiter Produktmanagement bei der Continentale LV, sieht die Lebensversicherung im Dilemma zwischen dem Sicherheitsbedürfnis der Kunden sowie deren Renditeerwartung. “Die Renten sind sicher, ja, aber auf welchem Niveau?”, fragt Pollmer, denn politisch getrieben hat sich die Altersversorgung von einer Luxusfinanzierung im Alter zur Grundsicherung gewandelt.

Das ist so aber noch nicht in Gänze bei der Kundschaft angekommen, weshalb hier noch Aufklärungsarbeit notwendig sei. Laut einer YouGov-Studie wollen aber immerhin die 18- bis 24-Jährigen vorsorgetechnisch aktiv werden. Allerdrings müssen sich die Kunden zukünftig entscheiden: Rendite oder Sicherheit, aber ganz ohne Absicherungsmechanismen wird es nicht gehen bestätigte auch Rainer Wilmink, Mitglied des Vorstandes der LVM.

Ob Garantien zukünftig aber nur noch für Langlebigkeitsprodukte und dann nur noch in der Anspar- und nicht mehr in der Rentenphase ausgesprochen werden können steht auf einem anderen Blatt. Sichtbar wurde, der Markt hat Angst vor einer Revolution und setzt daher lieber auf Evolution, wobei die Pläne für eine mögliche Revolution sicher schon in den Schubladen der Unternehmen schlummern. Die Basis zumindest, also der Vertrieb, hat die Vorgänge jedoch schon jetzt als Umsturz wahrgenommen wie in der Podiumsdiskussion deutlich wurde.

Als Vertreter des evolutionären Weges outete sich klar Guido Bader von der Stuttgarter Lebensversicherung a.G. 2017 wurde der Höchstrechnungszins abgesenkt, so Bader in seinem Vortrag und damit sind die Garantien und die Überschussbeteiligung unter Druck geraten, was in der Folge auch die Kosten unter Druck gesetzt habe. Druck auf die Kosten heißt aber auch Druck auf die Courtagen und wenn es so weiter geht, Stichwort Provisionsverbot, dann ist wirklich Feuer unterm Dach, ist sich der Aktuar sicher.

Für die nächsten Jahre wollte Bader auch nicht eine weitere Verschärfung des Regelkataloges ausschließen: “Nach LVRG I kommt LVRG II”, trotzdem steht die Klassik-Rente weiter im Zentrum denn “wir sollten einen Teufel tun und unsere alten Produkte nicht abräumen”. Produkte mit Deckungsstock blieben weiter im Fokus und eine kollektive Kapitalanlage dürfe nicht leichtsinnig aufgegeben werden, so Bader abschließend. Einzelheiten zur “Evolutions-Theorie” hier im Video:

Zum Auftakt des Kongress Lebensversicherung aktuell hatte Johannes Lörper, Moderator der Veranstaltung und vor acht Monaten aus dem Ergo-Vorstand ausgeschieden, die Sorge formuliert, dass die Branche möglicherweise noch keine richtig guten Antworten auf all die Fragen der Zukunft anbieten könne.

Während sich der Markt neu sortiere, hingen die Leute noch an den alten Lösungen, so Lörper. “Wie schafft man es in diesen Marktverhältnissen sexy verkaufbare Produkte anzubieten, wie rechnet man das alles hoch, und verspricht dabei nichts Unmögliches?”, eröffnete der Manager die Runde. Im Interview mit VWheuteTV zieht Lörper seine ganz persönliche Bilanz. Auf die Frage, wohin die Reise in der Lebensparte geht, welche Trends sich produktseitig abzeichnen und wie Lörper die Versicherungswirtschaft insgesamt für die Aufgaben der Zukunft aufgestellt ist, erklärt Lörper im Video.

(vwh/ak)

Bild: Moderator und Ex-Ergo Vorstand Johannes Lörper. (Quelle: Alexander Kaspar)

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