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“Die US-Schäden testen die ILS-Investoren”

04.12.2017 – Stefan Materna - quelle Materne“Die Preise für NatCat-Deckungen werden nicht weiter sinken”, davon ist Stefan Materne überzeugt. Im Exklusiv-Interview mit VWheute spricht der Lehrstuhlinhaber für Rückversicherung an der TH Köln über Auswirkungen der Hurrikan-Schäden auf die Prämienentwicklung und die ILS-Branche sowie die Besonderheiten des chinesischen Erst-und Rückversicherungsmarkts.

VWheute: Herr Materne, HIM (= Harvey, Irma, Maria) sowie die weiteren kürzlichen Naturkatastrophen wie die beiden Erdbeben in Mexiko und die California Fires scheinen den Rückversicherungsmarkt nachhaltig zu beschäftigen?

Stefan Materne: Ja, mit Schadenzahlungen im dreistelligen Mrd.-Dollar-Bereich. Experten halten es für möglich, dass 2017 sogar die bisherigen NatCat-Rekordjahre 2005 und 2011 mit jeweils rund 130 Mrd. US-Dollar übertreffen könnte. Das wäre dann ein so genanntes Capital Event, das heißt die Combined Ratio der Rückversicherungsgesellschaften läge über 100 Prozent. Somit würden die in dem Jahr 2017 eingenommenen Prämien nicht zur Deckung der Schäden und Kosten ausreichen, und zusätzlich müsste das haftende Kapital der Risikoträger teilweise für Schadenzahlungen herangezogen werden.

Weitere Besonderheiten der Ereignisse waren der extrem hohe Kraftfahrt-Schaden durch Harvey rund um Houston von bis zu 10 Mrd. Dollar, die sehr hohen Schäden in der Industrieerstversicherung, die Unsicherheit hinsichtlich des tatsächlichen Betriebsunterbrechungsschadens in Puerto Rico und die großen Abweichungen in den ersten Schadenprognosen der Anbieter von NatCat-Risikomodellen. Hier stellt sich die Frage, welche Aussagekraft ein Intervall von “15 – 100 Mrd Dollar.” hat, und wie es sein kann, dass zwei unterschiedliche Quellen disjunkte Schadenschätzungsintervalle angeben und somit in der Erwartung sehr weit auseinander liegen.

VWheute: Was bedeuten diese Schäden für die laufenden Vertragserneuerungen im Rückversicherungsmarkt?

Stefan Materne: Schadenbetroffene Rückversicherungsverträge werden sich natürlich massiv verteuern. Interessant ist diese Frage aber speziell für die Renewal-Verhandlungen in Deutschland und Europa: Hier propagieren die Rückversicherer gegenwärtig ihre Entschlossenheit, Preiserhöhungen auch für schadenfreie Rückversicherungsprogramme durchzusetzen.

Klar ist, dass die Preise für NatCat-Deckungen wohl nicht weiter sinken werden. Darüber hinaus zeigen sich insbesondere deutsche Zedenten jedoch skeptisch, inwieweit Hurrikan-Schäden in den USA Preiserhöhungen von beispielsweise deutschen Sturmprogrammen zeitigen sollten – Rückversicherer führen dafür die bisherige Subventionierung der hiesigen Rückversicherungspreise durch die amerikanischen NatCat-Prämien an. Erst recht könnte die Argumentation schwer fallen, dass auch andere Sparten wie Motor oder Haftpflicht durch die Schadenereignisse beeinflusst werden sollen. Der Ausgang dieser Gespräche bleibt abzuwarten.

VWheute: Die Rückversicherungspreise könnten also steigen?

Stefan Materne: Ich würde eine Entwicklung “Risk Adjusted Flat” für realistisch halten, also ein Gleichbleiben der Preise bei unverändertem Exposure bzw. ein proportionales Ansteigen der Preise relativ zu einer Zunahme der Risikoexponierung des gedeckten Portfolios. Vielleicht auch eine moderate Preiserhöhung. Dabei fällt aber schon die Analyse bisweilen schwer, ob und in wie weit es sich bei einem monetären Anstieg der Rückversicherungsprämie tatsächlich um eine Preiserhöhung handelt. Denken Sie beispielsweise an ein Szenario von veränderten Vertragsstrukturen und Ausschlüssen, einer Ausweitung des gedeckten Risiko-Portfolios, einer Veränderung des Selbstbehalts des Zedenten. Gleichzeitig hat sich vielleicht noch die Modellversion des für das Underwriting verwendeten NatCat-Risikomodells geändert, usw.

VWheute: Die Auswirkungen der Naturkatastrophen auf den Rückversicherungsmarkt werden sich also in Grenzen halten?

Stefan Materne: Hinsichtlich der direkten Auswirkungen stimme ich zu. Es könnte jedoch einen indirekten Einfluss geben, der den direkten Effekt tatsächlich deutlich überwiegen könnte. Die Retrozessionsdeckungen, das heißt die Rückversicherungsverträge, die die Rückversicherer wiederum für ihren eigenen Schutz einkaufen, werden zu 60-70 Prozent nicht von traditionellen Rückversicherungsgesellschaften gezeichnet, sondern beziehen ihre Risikotransfer-Kapazität direkt aus dem Kapitalmarkt. Dies sind Transaktionsformen wie beispielsweise Insurance Linked Securities oder Collateralized Reinsurance. Und hier stellen sich zwei Fragen.

Zum einen nach der Haltung der beteiligten Kapitalmarkt-Investoren, teilweise sogenannte “Innocent Capacity” wie Pension Funds, zu den kürzlichen Ereignissen. Werden diese Investoren sich nach den hohen Schäden aus dem Markt zurückziehen oder werden sie ihr Engagement – gerade auch in Folge der sehr profitablen Jahre seit 2012 – unverändert fortsetzen? Oder wird es sogar zu einem massiven Zufluss von weiteren Investments kommen, in der Hoffnung, dass sich die Raten nunmehr tatsächlich erhöhen. Letzteres Szenario könnte sich dann zu dem besonders interessanten Phänomen einer “Self-Destructing Prophecy” (in Abwandlung einer “Self-Fulfilling Prophecy”) entwickeln, nämlich dass die durch die Hoffnung auf steigende Rückversicherungspreise motivierte Geldschwemme diesen Trend zur Verhärtung des Marktes gerade unterminiert.

Zum anderen nach der Auswirkung des Multiple-Effekts. Bei vielen Kapitalmarkt-Transaktionen – im Unterschied zur traditionellen Rückversicherung – sind die Risikoträger nunmehr verpflichtet die Schadenreserven in vollem Umfang zu besichern und darüber hinaus noch ein kleines Vielfaches (sogenannten Multiple) als zusätzlichen Sicherheitsbetrag für etwaige Abwicklungsverluste zu stellen. Dieses Multiple kann bis zu dem Doppelten der derzeit erwarteten Schadenhöhe betragen. Und diese zusätzliche Anforderung an Garantiemitteln erzielt dann keine Gewinnmarge für den Investor. Es handelt sich also um totes Kapital – der Albtraum eines jeden Investors.

Dieser Effekt könnte nach Ansicht mancher Experten dazu führen, dass keine ausreichende Kapazität für die nun neu verhandelten Retro-Deckungen 2018 zur Verfügung steht. Im schlimmsten Fall mit der Folge einer Verknappung der Retro-Kapazität und daraus resultierend sogar stark steigenden Retro-Preisen führen. Dies könnte dann indirekt den Rückversicherungsmarkt beeinflussen, da manche Rückversicherer nicht unerheblich von der Ressource “Retrozession” abhängen. Es gibt aber auch hier eine Gegenthese. Sie bezieht sich ebenfalls auf die Investoren, die – salopp formuliert – an der Seitenlinie mit Taschen voller Geld genau auf das Szenario steigender Retro-Preise warten, und die mit einer Geldschwemme den Multiple-Effekt mehr als kompensieren würden. Es bleibt spannend.

VWheute: Vermitteln Sie Ihren Studenten eigentlich auch das “Rückversicherungs-Denglisch”?

Stefan Materne: Natürlich – wir bilden unsere Studierenden hochgradig praxisorientiert aus. Neben teilweise in englischer Sprache gehaltenen Vorlesungen und Seminaren – wie Sie wissen, ist in der Rückversicherung die englische Sprache keine Zusatzqualifikation sondern selbstverständlich – führen die Studierenden mit dem Schwerpunktfach Rückversicherung während ihrer drei Fachsemester mehrere Exkursionen durch. Sie nehmen an der Rückversicherungswoche in Baden-Baden teil und organisieren daneben je zwei Kölner Rückversicherungs-Symposien.  Zudem enthält jede Klausur eine Praxisfrage – Benchmark ist hierbei natürlich die Rückversicherungs-Berichterstattung der Versicherungswirtschaft, neben weiteren Publikationen.

VWheute: Die Folgen der diesjährigen Schadenereignisse und die Ergebnisse der aktuellen Erneuerungsrunde werden das Thema des nächstjährigen Rückversicherungs-Symposiums sein?

Stefan Materne: Sicherlich ein wichtiger Aspekt. Daneben ist die Branche derzeit noch durch weitere Herausforderungen charakterisiert: im Bereich der Lebensrückversicherung die Suche nach Lösungskonzepten für die Deckung von Änderungsrisiko von Marktrisiken, Zinszusatzreserve, Solvenz-Unterstützung für Zedenten, Run-Off von ganzen Beständen. Zudem Digitalisierung, Anwendung von Künstlicher Intelligenz, aber auch traditionelle Fragestellungen wie die Suche nach Wachstumsmöglichkeiten . . .

VWheute: . . . viele Rückversicherer setzten ihre Hoffnungen ja insbesondere auf den chinesischen Versicherungsmarkt . . .

Stefan Materne: Der chinesische Erstversicherungsmarkt ist in den letzten Jahren als Daumenregel ca. zehn Prozent p.a. gestiegen. Der chinesische Rückversicherungsmarkt dagegen stagniert sein einigen Jahren. Ein schönes Beispiel für den Einfluss regulatorischer Rahmenbedingungen. Hierzu muss man wissen, dass Rückversicherung in China zum größten Teil aus Solvenzgründen eingekauft wird; d.h. Rückversicherung wirkt als Eigenkapital-Substitut. Nun hat China das regulatorische System C-ROSS – ähnlich Solvency II – eingeführt. Jedoch sind die Prämien- und Reserverisikofaktoren für die wichtigsten Sparten Agro- und Motorversicherung im Vergleich zu Solvency II recht moderat angesetzt. Dadurch ergeben sich reduzierte Eigenkapitalanforderungen an die chinesischen Erstversicherungsgesellschaften, mithin keine erhöhte Motivation, Rückversicherung als Quasi-Eigenkapital zu kaufen.

Für die nächsten Jahren wird erwartet, dass auch das Rückversicherungsprämienvolumen wieder wachsen wird als Folge der Zunahme des Geschäftsvolumens in den Specialty Sparten wie Marine und Aviation – denn hier sind die Risikofaktoren unter C-ROSS nicht so niedrig. Die aufsichtsrechtlichen Rahmenbedingungen beeinflussen also maßgeblich das Rückversicherungsgeschäft.

Es gibt noch einen weiteren bemerkenswerten regulatorischen Effekt, nämlich deutlich erschwerte Marktzutrittsmöglichkeiten für solche Rückversicherungsgesellschaften, die sich nicht in China lokal niedergelassen und kapitalisiert haben, sondern mit einem ausländischen Risikoträger agieren möchten. Hier gibt es gewisse Parallelen zu den mit der Einführung von Solvency II in Deutschland substantiell geänderten Zulassungsvoraussetzungen für Drittstaaten-Rückversicherer.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur David Gorr.

Bild: Stefan Materne (Quelle: TH Köln)

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