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Bremst Regulierung die Digitalisierung aus?

09.03.2018 – Digital_Fotolia_92690281Branchentreff im Wissenschaftsplenum: Die Branche trifft sich zum 18. Vorlesungstag an der Universität Leipzig. “Is software eating the world”? Bestimmen erfolgreiche Web-Companies in Zukunft die Besetzung von Vorstandsetagen mit oder bleiben sie durch europäische Überregulierung mit akuter Komplexitätsamnesie vorher auf der Strecke?

Internet-Pionier Marc Andreessen meinte einst “Ja, sie kommen sicher”. Vorstand Bernd Heinemann, der im Leipziger Auditorium Maximum die digitale Strategie der Allianz Gruppe vorstellt, greift dieses Zitat in seiner Eröffnungsrede auf. Kurzgefasst lautet seine Lösung: “Innovation und Disruption”. Allianz arbeitet an seiner Kultur, hört stärker auf Kunden und bedient diese schneller, authentischer und relevanter dank digitalisierter Prozesse, smartem Content und möglichst vieler Dialogschnittstellen.

Regulierung kostet Geld und Ressourcen für Digitalisierung

Wolfgang Weiler, Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft, mahnt im Namen seines Verbandes deutlich an, dass der Ressourcenaufwand für die Umsetzung beispielsweise des Proportionalitätsprinzips und der europäischen Vermittlerrichtlinie gigantisch sei. “Wir sind für offene Märkte und eine offene Gesellschaft”, so Weiler. “Gestaltungsspielräume für Unternehmen – nicht mehr Regulierung!” Geforderte Proportionalitätsklauseln seien bei der gemischten Landschaft der Versicherer in Deutschland hinderlich. “Eine Erhaltung der Vielfalt kleiner, regional verwurzelter und mittelständischer Versicherer in Deutschland ist uns wichtig, sie macht die Qualität der Branche aus.”

Die seiner Verbandsmeinung nach regulationsbedingten Mehrkosten im mittleren dreistelligen Millionenbereich seien unrealistisch niedrig geschätzt und würden sich auf jeden Fall auf die Prämien für Versicherungen niederschlagen. Völlig unverständlich sei, wie die EIOPA als europäische Regulierungsbehörde autark und frei von parlamentarischen Gremien sein könne. Ein weiterer Stolperstein, der den Ex-Huk-Manager nicht erfreut: Der politische Wunsch, EU-weit jährlich 118 Mrd. Euro für Klimaschutz zu realisieren, sei zwar gesellschaftlich völlig verständlich. “Wir unterstützen allerdings die Nachhaltigkeit gegenüber unseren Kunden, und nicht primär politische Ziele”, so Weiler. Es wäre hier hilfreich, wenn sich die Politik für ein größeres Angebot nachhaltiger Investitionsmöglichkeiten einsetzen würde. Das Geld sei grundsätzlich da. “Gute Anlagen sind aber derart gefragt, dass sie schon heute verhältnismäßig teuer sind.”

Wie Netzwerke, Kooperationen und InsurTecs den Markt verändern

Im Auditorium Maximum der Leipziger Universität hören 300 Gäste gebannt zu. Gastgeber Fred Wagner und Team haben mit ihrem Institut für Versicherungswissenschaften wie jedes Frühjahr zum Vorlesungstag eingeladen. Dekan Uwe Vollmer, der der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Leipzig vorsteht, betont die historische Bedeutung des Meeting-Ortes: Bereits 1764 fand an diesem Ort die erste Ökonomie-Vorlesung statt, mittlerweile gilt Leipzig als wachstumsstärkste europäische Metropole.

Wagner tritt am Nachmittag auch selbst aufs Podium, und klärt über den Status Quo im Bereich der InsurTechs sowie über Allianzen und Kooperationen von Versicherungsgesellschaften auf, die wie im Berliner InsurHub abseits ausgetretener Pfade und in kreativem Umfeld nach neuen Wegen zur Marktbearbeitung forschen und dabei auch externe Partner einbeziehen.

Infrastruktur-Investitionen: Wer will ein Stück vom Kuchen?

Ein direkter Berührungspunkt zwischen Forschung, Lehre und Wirtschaft: Simon Radstaaks Präsentation mit dem Titel “Kapitalanlagen von Lebensversicherungsunternehmen in Infrastruktur”. Der Doktorand hat im Rahmen seiner Dissertation analysiert, wie zum Beispiel Lebensversicherungen die Investition von rund 25 Mrd. Euro in Infrastruktur in den kommenden fünf Jahren bewerten. Das Publikum zeigt sich bei der Diskussion zum diesem Thema verhalten. Infrastruktur-Projekt bergen ein hohes Risikoptenzial, hinreichende Erfahrungen außerhalb von Großbritannien und Italien sind wohl noch rar. Die erzielbare Marge “reicht für die dritte Stelle hinter dem Komma”.

Vertrieb wird Teil digitaler Kommunikation

Auch Wolfgang Hanssmannn, Vorstandsmitglied der Talanx Deutschland AG, widmet sich in seinem Vortrag der Digitalisierung im persönlichen Versicherungsvertrieb. Im Grunde genommen geht die Reise in der Branche in dieselbe Richtung. Die Integration des Vertriebs in soziale Medien klingt da fast schon wie kalter Kaffee. “Eine traditionelle Corporate-Facebookseite war für uns nicht die beste Lösung, hat nur rund 200.000 Follower gebracht”, erklärte bereits am Morgen Allianz-Mann Heinemann. Jede Allianz-Agentur hat heute eine eigene Facebook-Seite, Agenturinhaber statten diese mit authentischen Inhalten aus. Ein Teil des Contents kommt auch aus München. Auch die Automatisierung von Standardprozessen wie Schadensabwicklung – gekoppelt mit blitzschneller Auszahlung an Kunden, einfach steuerbar durch eine App – ist bereits vielfach gelöst.

Alle testen … und testen … und testen

Über den jüngsten Hype rund um “Künstliche Intelligenz” im Online Marketing wird geschmunzelt. Fortgeschrittene Website-Personalisierung basierend auf Big Data und Customer Journey-Analysen realisiert, wer es sich leisten kann und will. Verschiedene andere Tests laufen. Rund 60.000 Anwender nutzen bei Allianz zum Beispiel eine Telematik-App, die das Können von Jungfahrern bewertet und Prämienrabatte bis zu 30 Prozent verspricht. Und vieles vieles mehr.

Und was will der Kunde? Ropo!

Trotz allem: Was will der Kunde? “Ropo” wird akzeptiert, rein online und rein offline wächst im Verhältnis hierzu unterdurchschnittlich. „Ropo“ steht für „Research online, purchase offline“. In allen Kanälen gut auffindbar, erreichbar und reaktionsschnell zu sein ist deshalb wohl die oberste Branchen-Prämisse. Auf der „Renewal Agenda“ der Allianz Gruppe steht: Richtiges bewahren, richtiges Neues ergänzen – und Kundenorientierung mit Digitalisierung verheiraten. Der Investmentarm Allianz X sichert synchron hierzu den Besitz neuer Technologien oder den unkomplizierten Zugriff hierauf.

Eine kritische Frage war dann aber doch Auslöser einer Diskussion: “Uns interessieren Innovationen, die schnell skalierbar sind”, so Heinemann. “Macht ein kurzer Return Zyklus wirklich so viel Sinn”, hinterfragt Wagner und spielt auf Nachhaltigkeit und Glaubwürdigkeit an, die für die Branche wichtig ist. Für die meisten Versicherer macht es im Bereich der Prozessoptimierung vermutlich Sinn.

Mal schauen, ob und wann Amazon & Co. sich mit dem europäischen und deutschen Versicherungsmarkt intensiv anfreunden. Soviel steht wohl fest: Durch die Kundenprofile, die sie besitzen und die Fähigkeit, komplexes einfach und zum Teil emotional darzustellen, haben sie bereits ein paar Pluspunkte auf ihrer Seite. (Sascha Schulz)

Bildquelle: Fotolia

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