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Blockchain ist bislang kein Gewinn für Versicherer

23.05.2017 – christian_richter_accentureDie Blockchain-Technologie erfreut sich bei den Versicherern immer größerer Beliebtheit. Deren Vorteil: Der “Konsensmechanismus sorgt für Kontrolle”, glaubt Christian Richter von Accenture. Das Problem: Bislang habe damit noch kein Unternehmen “Geld verdient oder bereits signifikant Kosten eingespart”. Doch dies könne sich bald ändern, prognostiziert der Experte im Exklusiv-Interview mit VWheute.

VWheute: Erklären Sie bitte in einfachen Worten und kurz, was das Grundprinzip der Blockchain und wie die Technologie Versicherern helfen kann.

Christian Richter: Der Grundgedanke ist, dass Unternehmen und Privatpersonen zum Datenteilen bereit sind. Mit der Zustimmung aller Beteiligten entsteht aus einer Reihe von Transaktionen eine einheitliche Datenbasis, die vor Unternehmensgrenzen nicht mehr halt macht. Das Teilen einer Kopie dieser einheitlichen Datenbasis hat zur Folge, dass zum Beispiel Besitzstände, Informationen oder Vertragsdaten mit sicherer Verschlüsselung von Rechner zu Rechner weitergegeben werden können. Die Transaktionen werden durch die (je nach Setup der Blockchain) offene, anonyme oder geschlossene Community, durch eine Art Konsensmechanismus überwacht, fehlerhafte Transaktionen sind gar nicht erst möglich.

Als Beispielanwendungen dienen alle Schadenszenarien, die datengetrieben identifiziert und qualifiziert werden können. Das ist beispielsweise bei Live-Datenquellen wie Wettersensorik oder Verkehrsinformationen möglich. Ein Einsatzgebiet ist u.a. eine Flugverspätungsversicherung, die Stornierungen und Verspätungen erkennt und Schäden mittels Blockchain automatisch abwickeln kann. Von diesen parametrischen Versicherungen werden wir in Zukunft eine ganze Reihe sehen.

VWheute: Vertrauen ist bei Blockchain die zentrale Währung?

Christian Richter: Das ist richtig. Obwohl es Fälle gibt, bei denen mittels einer virtuellen Währung (bitcoin), die auf der Blockchain-Technologie aufsetzt, schmutzige Geschäfte abgewickelt wurden und werden, muss ich dem Anbieter vertrauen, wenn ich meine virtuelle Geldbörse mit einer digitalen Währung wie Bitcoin auflade.

Dieses Vertrauensproblem wird aber dadurch gelöst, dass viele Unternehmen künftig einen Teil ihrer Geschäfte, u.a. Finanztransaktionen, über Blockchains abwickeln werden. Sie sind gerade dabei, sogenannte permissioned distributed ledger aufzusetzen. Das sind Blockchains, bei denen eine geschlossene und gegenseitig bekannte Benutzergruppe miteinander Transaktionen eingeht.

VWheute: In der Kette öffentlicher Blockchains kennt nicht jeder jeden. Können Daten dann nicht zu Ungunsten Einzelner verändert werden?

Christian Richter: Nein, das ist genau das Besondere an dieser Technologie. Der Konsensmechanismus sorgt für Kontrolle. Kombiniert mit komplizierten Verschlüsselungsmechanismen erhöht sich die Sicherheit gegenüber dem heutigen Niveau. Es dürfen immer nur dann Datensätze im Ledger (eine Art zentrales Kassenbuch) geändert werden, wenn mehrere Teilnehmer, die Anzahl kann im Vorfeld festgelegt werden, zustimmen und die Information verifizieren.

Natürlich müssen beim Onboarding neuer Teilnehmer dieselben strengen Prinzipien gelten wie heute (Stichwort: “know your customer”). Das Grundprinzip der Blockchain-Technologie konnte noch nie hintergangen werden, weshalb die kommerzielle Adaption im Finanzdienstleistungsbereich gerade mit großen Schritten voranschreitet.

VWheute: Was ist mit den Verbrauchern?

Christian: Richter: Als Verbraucher bin ich in einer Blockchain gleichberechtigtes Mitglied, kann nachverfolgen, was mit meinen Daten passiert und gegebenenfalls die Weitergabe stoppen. Das funktioniert ähnlich wie beim Smartphone, bei denen der Nutzer gefragt wird, ob eine App auf bestimmte Bereiche wie Kamera oder Adressbuch zugreifen darf. Heute bin ich als Verbraucher, z.B. bei einer Risikoprüfung unter Einbeziehung Dritter (Ärzte, Gutachter) darauf angewiesen, dass nur von mir freigegebene Informationen geteilt werden – überprüfen kann ich es nicht.

VWheute: Warum investieren Versicherer in Blockchain und in welche Bereiche?

Christian Richter: Versicherer investieren zum einen in Talent. Häufig in Start-ups, die mit Blockchain arbeiten. Um gute Blockchain-Entwickler für langfristige Vorhaben von der Mitarbeit in einem großen Unternehmen zu überzeugen, wird oft der Umweg über Start-ups genutzt.

Zum anderen wird oft in einzelne Bereiche investiert, beispielsweise internationale Money-Transfers, Warenkreditversicherungen oder syndicated-corporate-loans, also alternative Modelle zur Kreditvergabe, die preiswerter in der Abwicklung sind. Auch in Bereichen wie Asset-Digitalization sind die Versicherer aktiv.

VWheute: Lohnt sich das?

Christian Richter: Zurzeit noch nicht. Mir ist kein Fall in der Versicherungsbranche bekannt, bei denen ein Unternehmen aktuell mit einer auf Blockchain-Technologie basierten Idee Geld verdient oder bereits signifikant Kosten einspart. Aber das ist eine Frage von ein bis zwei Jahren, mehr nicht.

VWheute: Sie schreiben in ihrem Dossier über Blockchain, dass die Technologie bestimmte Bereiche der Versicherung obsolet machen wird – dennoch investieren viele.

Christian Richter: Ja, das polarisiert. Aber alle, Versicherer, Makler und Rückversicherer, sind der Meinung, dass Prozesse wie Vertragsbearbeitung, Schadenbearbeitung oder Underwriting durch Softwareroboter und den Einsatz von Blockchain, kombiniert mit Smart Contracts, also automatische ausführbare Geschäftsprozesse und -verträge, schneller und effizienter gehandhabt werden können.

Jedoch ist sich die Branche uneins darüber, wer zu den “Gewinnern und Verlierern” gehört. Einige Erstversicherer glauben, dass es für die Rückversicherer dadurch schwieriger wird und andersherum. Andere rechnen damit, dass es für die Makler problematisch wird und so weiter.

VWheute: Wie wird der Wandel durch Blockchain verlaufen?

Christian Richter: In der ersten Stufe der Anwendung von Blockchain geht es um das Heben von Effizienzen. Erst werden Standards für den Datenaustausch in der Branche definiert und dann können die Masseprozesse verschlankt werden, vor allem auch unternehmensübergreifend. Es wird bei den Versicherern zu Effizienzsteigerungen im Backoffice kommen, welche die Unternehmen zur Verschlankung des manuellen Bearbeitungsteils nutzen werden.

In der zweiten Stufe greifen Mechanismen, die größere Teile der Versicherungsmärkte verändern können. Ähnlich wie bei Aktienmärkten, die deswegen so effizient funktionieren, weil elektronische Handelsplätze Liquidität und Transparenz beim Aktienhandel massiv gesteigert haben. Gelingt das auch im Versicherungsbereich, kann man mittels Blockchain die Risiken als eine Art alternative Investmentklasse einfacher an Dritte weiterreichen. Für bestimmte Risiken würden damit Teile der heutigen Aufgaben der Rückversicherer obsolet. Spannend wird dann die Frage sein: Wer muss seine Geschäftsmodelle ändern, die Erst- oder Rückversicherer?

VWheute: Das bedeutet ja, dass alle gesetzlichen Vorgaben geändert werden müssen, denn der Gesetzgeber muss ja sicherstellen, dass sie Risiken adäquat rückversichert sind – hier geht es ja um Existenzen oder sogar Menschenleben.

Christian Richter: Genau. Die Regulatorik wird sich diesen neuen Mechanismen anpassen. Das ist u.a. auch notwendig, um das Vertrauen in diese neue Technologie von Beginn an zu untermauern. Das wird die Marktteilnehmer jedoch nicht davon abhalten, schon jetzt Geschäftsmodelle zu entwickeln oder zu verbessern. So fremd ist die Idee ja nicht, denken sie an Katastrophen- oder Resilience-Bonds, die waren vor einiger Zeit noch nicht existent.

Blockchain wird mehr Transparenz in den Markt bringen und Transaktionen ermöglichen, davon bin ich überzeugt. Als Folge werden die Prämien im Massenversicherungsgeschäft sinken, weil auch der Verwaltungsaufwand zurückgeht.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Bild: Christian Richter ist Managing Director Versicherungen bei Accenture Strategy (Quelle: Accenture)

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