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Blockchain in der Assekuranz – ein echter Innovationstreiber?

15.05.2017 – HagenHabicht_Insurance Innovation LabBlockchain ist ein ständiges Thema in der Versicherungswirtschaft. Doch wie kann die Branche sie gewinnbringend einsetzten? Hagen Habicht, Geschäftsführer des Insurance Innovation Lab, weiß es. Gerne teilt er sein Wissen mit Ihnen in seinem lesenswerten Gastbeitrag für VWheute:

Der digitale Wandel verändert die Wertschöpfungsmodelle von Unternehmen und ganzer Branchen. Auch die Versicherungswirtschaft ist davon zunehmend betroffen. Das Erschließen digitaler Technologien und der Aufbau einer modernen Innovationskultur gehören deshalb zu den zentralen Führungsaufgaben in der Branche. Bietet die Blockchain-Technologie das Potenzial, um neue Geschäftsmodelle und Produkte zu entwickeln sowie neue Märkte zu erschließen und somit am Puls der Zeit zu bleiben? Welchen Chancen, die sich Versicherer von ihrer Einführung versprechen, stehen welche fachlichen und technologischen Herausforderungen gegenüber?

Welchen Weg schlagen Versicherungen mit Blockchain ein?

Durch die Blockchain-Technologie kann sich für die Assekuranz vor allem der Umgang mit Daten verändern. Sensible Daten müssen nicht zentral gespeichert werden, um sie zu nutzen, das heißt eindeutig zuordenbare Transaktionen auszuführen. Beispielsweise können individuelle, verhaltensbasierte Tarife datenschutzkonform abgewickelt werden. Durch die Ansammlung und Fortführung der Blöcke in einer Blockchain müssen persönliche Daten nicht immer wieder aufs Neue preisgegeben werden, sondern können in der „Datenkette“ gespeichert werden. Eine Blockchain bietet Versicherungen die Möglichkeit, vollständig digitale und dabei transparente sowie sichere Geschäftsmodelle für schnelle Interaktionen zwischen vielen Akteuren (siehe P2P-Anwendungen und Smart Contracts weiter unten) abzubilden. Es ergeben sich allerdings auch Herausforderungen. Damit die Blockchain-Technologie überhaupt erst eingesetzt werden kann, müssen Anwendungsfälle fachlich und technisch vollständig beschrieben werden. Zudem fehlt beispielsweise der regulatorische Rahmen, der einer Blockchain und damit den in ihr enthaltenen Informationen Rechtsfähigkeit verleiht.

Welche Anwendungsfelder gibt es in der Versicherungsbranche für die Blockchain-Technologie?

Das Spektrum potenzieller Anwendungen im Versicherungswesen ist groß: Mit Blockchains können Versicherer die Preisgestaltung und Leistungserstellung vereinfachen und beschleunigen, die Echtheit von Waren und Dokumenten ermitteln sowie eine Historie von betrügerischen Handlungen einer Person nachvollziehen.

Konkrete Einsatzmöglichkeiten liegen zum Beispiel in den folgenden Bereichen:

Lebensversicherungen als dingliche Sicherheit: Die Kommunikation zwischen Banken und Versicherungen kann bei der Absicherung von Krediten durch Lebensversicherungen über die Blockchain erfolgen. Das würde den Absicherungsprozess bei Vertragsabschluss und während der Laufzeit erleichtern. Über die Blockchain kann das Kreditinstitut deutlich schneller benachrichtigt werden, wenn der Vertrag gekündigt, nicht mehr bezahlt oder beliehen wird.

Rückversicherung und Verbriefung von Risiken: Rückversicherungen und die Verbriefung von Risiken werden heute in dafür nötigen Special Purpose Vehicles (Zweck-Kapitalgesellschaften) manuell verwaltet. Das könnte künftig automatisch erfolgen. Die Abbildung von Rückversicherungen ist zumindest theoretisch in einer Dezentralen Autonomen Organisation (DAO) möglich. Im Grunde genommen stellt dies eine Neuerfindung der Verbriefung dar. Eine blockchainbasierte, autonome, dezentral strukturierte Einheit könnte zukünftig ohne jegliche zentrale Weisung selbständig Entscheidungen auf der Basis unveränderlicher Computercodes treffen.

Geldwäschegesetzkonforme Identitätsprüfung: Im Antragsprozess der Lebensversicherung müssen Versicherer immer die Identität des Kunden überprüfen. Dies geschieht üblicherweise über eine Personalausweiskopie, um diese zum Beispiel bei Revisionsprüfungen nachweisen zu können (bei Firmenkunden entsprechend über Handelsregisterauszüge). Dieser Vorgang ist mit einem erheblichen Aufwand verbunden – insbesondere in der Kommunikation mit dem Vertrieb, da dieser gegebenenfalls noch einmal mit dem Kunden Kontakt aufnehmen muss, um die Kopie nachzuholen. Mit Hilfe der Blockchain-Technologie könnte dieser Prozess effizienter und sicherer werden.

Smart Contracts: Durch Smart Contracts können Zahlungen automatisch bei Eintreten eines definierten Trigger-Ereignisses ohne die Einbindung einer Institution ausgelöst werden. Diese automatisierten Verträge bieten sich an, wenn Pflichten und Modalitäten rechtlich klar definiert (in Abgrenzung zu unbestimmten Rechtsbegriffen) und die zugrundeliegenden Bedingungen digital prüfbar sowie die Rechtsfolge digital ausführbar sind. Beispielsweise können bei Eintreten einer Naturkatastrophe Transaktions- und Zahlungsprozesse angestoßen werden, sobald die vorher definierten Parameter durch eine Wetterstation bestätigt wurden. Daraus ergeben sich weitere Einsatzmöglichkeiten: Mikroversicherungen, die aufgrund hoher Abwicklungskosten für alle Beteiligten bisher nicht lukrativ waren, könnten auf Basis der Blockchain effizient dargestellt werden und ermöglichen damit unzähligen Menschen den Zugang zu Versicherungsschutz und die Chance, sich vor existentiellen Risiken abzusichern.

Auch am Beispiel Blockchain wird sich zeigen, dass die Herausforderung bei ihrer Anwendung darin liegt, Chancen und Risiken schnell zu erkennen. So bestehen durchaus Risiken in der Umsetzung von Blockchains. Qua Design lassen sich Schwachstellen (zum Beispiel Sicherheitslöcher) im Quellcode einer Blockchain im Nachhinein kaum ausmerzen. Dies macht die Technologie besonders angreifbar für Hacker. Auch aus ökonomischer Sicht ist die Blockchain-Technologie ebenfalls ambivalent. Es handelt sich um eine digitale Infrastruktur für Transaktionen.

Der/die Ersteller einer Blockchain refinanzieren ihre Investitionen im Moment durch Transaktionsgebühren. Je mehr Blockchains in Konkurrenz zueinander treten (zum Beispiel zunehmend mehr digitale Zahlungssysteme auf Blockchain-Basis), umso schwieriger könnte es werden, durch Transaktionsgebühren Gewinne zu erwirtschaften. Schließlich bedeutet die Nutzung einer Blockchain, dass die damit abgewickelten Transaktionen ohne zentralen Koordinator ablaufen. Versicherungen sind Koordinatoren und ihre aktuelle Rolle im Versicherungsgeschäft könnte durch Blockchains obsolet werden. (vwh)
Bild: Dr. Hagen Habicht (Insurance Innovation Lab)

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