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Balance statt Boni

07.06.2017 – Stephanie  Hofschlaeger_pixelio.deKommentar von Michael Stanczyk. Die Welt der Wirtschaft ist eine Welt der Gegensätze. Dass sich die Unternehmen an der Grenze des Legitimen bewegen und diese manchmal übertreten, ist wohl Teil des Geschäfts. Immer wieder werden Stimmen über unverhältnismäßig hohe Gehälter der mächtigen Entscheider laut, während im Gleichzug rationalisiert wird. Im Verhältnis zwischen Führung und Personal prallen häufig zwei Welten aufeinander.

Das Handelsblatt etwa kam in einer Auswertung zu dem Ergebnis, dass die Vorstandsvergütungen der führenden deutschen Aktiengesellschaften im vergangenen Jahr 93-mal ­höher ausgefallen sind als die Durchschnittsverdienste „normaler“ Mitarbeiter der jeweiligen Unternehmen.

Den Maximalwert erreichte Bernd Scheifele, Chief Executive Officer von Heidelberg Cement. Sein Gehalt lag nach Angaben der Zeitung beim 190-fachen der Durchschnittsvergütung eines Beschäftigten. Mit einem Multiplikator von 39 hatte Deutsche-Bank-Chef John Cryan das gesündeste Lohnverhältnis zum Personal. Der Spitzen-Manager verzichtete aufgrund der angespannten Lage seines Arbeitgebers auf Boni und Tantiemen – zumindest im Geschäftsjahr 2016. Großen Applaus erntete der als bescheiden geltende Brite dafür aber nicht. Angesichts der bis 2018 geplanten Kürzungen von rund 9.000 Arbeitsplätzen, 4.000 davon in Deutschland, wirkt dieser Zug wie ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Verantwortung und Kalkül unter einem Hut

In der Insurance-Industrie, wo das Geschäftsprinzip auf Versicherungsprodukten und -dienstleistungen basiert, wird gerade die Ursprungsidee der Sicherheit durch interne Stellenkürzungen ad absurdum geführt. In der Branche gilt Downsizing längst nicht als unternehmerisches Sakrileg. Im letzten Jahr kündigte unter anderem der Schweizer Erstversicherer Zurich an, sich bis 2018 von rund 8.000 Mitarbeitern zu trennen. Die Liste ähnlich Gesinnter könnte sich ohne weiteres fortführen lassen.

Zugegeben, Vorstandsgehälter und Stellenkürzungen miteinander in Beziehung zu setzen, mag auf den ersten Blick wie ein pauschales Verdikt klingen. Schließlich wird Personal aufgrund von strukturellen Problemen oder unerwarteten Marktwendungen abgebaut und nicht, um den Vorstandschef zu bereichern. Gerechtfertigt ist diese durchaus provokante Kontroverse trotzdem. Vor allem, weil sie eine grundsätzliche Problematik im heutigen Wirtschafts- und Managementkosmos aufdeckt: Und zwar die Schwierigkeit, soziale Verantwortung und unternehmerisches Kalkül unter einen Hut zu bringen. Nach ­außen kämpfen die Konzerne immerwährend um das Image der Fairen, schmücken sich mit dem Label „Social Responsible“; nach innen allerdings sind sie faktisch vor allem auf Effizienz und Gewinne fixiert.

Alte Strukturen erneuern, nicht verdrängen

Diese Praxis ist kritisch zu hinterfragen, vorschnelle Urteile daraus abzuleiten, wäre dennoch falsch – gerade in Zeiten politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Spannungen, wo ein globaler Handelsplatz wie Deutschland auf allen Kanälen präsent sein muss, um der Zentrifugalkraft des Wettbewerbs standzuhalten.

Wettbewerb sollte aber nicht bedeuten, alte Strukturen zu verdrängen, sondern sie nach dem Vorbild von Joseph Schumpeter „schöpferisch zu zerstören“, also sich selbst sowie seine eigenen Denkmuster fortwährend in Frage zu stellen.

Der Balanceakt zwischen sozialer Verantwortung und unternehmerischer Effizienz gehört heute dazu. Erstere ist zwar kein Business-Feld, kein Wachstumsmotor im klassischen Sinne, als moralischer Eckpfeiler aber ein wichtiges Drehmoment im gesamten Wertschöpfungsprozess – mit wiederkehrender Rückkopplung auf Strategie und Image.

Als John Cryan Jobverluste bei der Deutschen Bank ankündigte, fügte er an, es „auf die deutsche Art“ machen zu wollen – kurz und schmerzlos. Genau hier beginnt der große Irrtum. Denn gekonntes Unternehmertum basiert auf einem ausgeglichenen Mischverhältnis zwischen fest verwurzeltem Wertekanon, klaren Zielvorgaben und strategischer Kontinuität. Und nicht auf Schnellschüssen zu Lasten des Personals.

Bildquelle: Stephanie Hofschlaeger / PIXELIO/ www.pixelio.de

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