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Axa: “Unfälle werden bis zu 17 Prozent zurückgehen”

24.08.2017 – Crash_PeterA_pixelioAutonomes Fahren ist derzeit noch Zukunftsmusik auf Deutschlands Straßen. Die Unfallforscher der Axa Winterthur wollen bei ihren heutigen Crashtests aufzeigen, welche neuen Risiken durch den Einsatz von Robotern entstehen und welche Unfälle sich auch in Zukunft nicht vermeiden lassen. VWheute hat die Axa-Experten Bettina Zahnd und Frank Edelmeier dazu exklusiv befragt.

VWheute: Reagiert ein autonomes Fahrzeug bei einem drohenden Unfall besser oder schlechter als ein Mensch – liegen bereits genügend Daten vor, um eine Aussage treffen zu können?

bettina_zahnd_axaBettina Zahnd: Bisher fahren nur vereinzelte Testfahrzeuge vollautomatisiert, weshalb kaum Daten und Erfahrungen dazu vorliegen. Der Hauptunterschied von Mensch und Maschine liegt sicher darin, dass eine Maschine Routinearbeiten zuverlässiger erledigt. Im Unterschied zum Menschen ist sie nicht von der jeweiligen Tagesverfassung abhängig. Sie wird auch nach längerem Fahren nicht müde und lässt sich nicht von anderen Tätigkeiten oder der Umgebung ablenken.

Daraus lässt sich schließen, dass es mithilfe automatisierter Fahrzeuge zu weniger Situationen kommen wird, in denen ein Unfall droht. Was wir bereits heute aufgrund unserer Schadendaten nachweisen können, ist, dass gewisse Fahrerassistenzsysteme dazu beitragen, Unfälle zu verhindern. Zum Beispiel verursachen Fahrzeuge mit Notbremsassistenzsystemen gemäß einer Studie aus unserer Unfallforschung je nach untersuchtem Fahrzeugmodell 30 bis 69 Prozent weniger Auffahrkollisionen.

VWheute: Oft hört man in Bezug auf autonomes Fahren, dass der Fahrer ja in letzter Sekunde eingreifen kann. Ist das nicht illusorisch? Ein Unfall geschieht, im günstigsten Fall innerhalb von Sekunden oder weniger.

Bettina Zahnd: Wenn der Fahrer nicht mehr selber fahren muss und nur noch in gewissen Situationen eingreifen soll, ist es in der Tat fraglich, ob er jederzeit rechtzeitig reagieren könnte. Bei der Entwicklung hin zum automatisierten Fahren wird daher gerade dieser Zwischentritt, bei dem der Fahrer als Rückfallebene gilt und beispielsweise im Falle eines Sensorausfalls oder etwa wegen fehlender Markierungen oder anderer, durch die Technik nicht lösbare Situationen eingreifen müsste, als herausforderndste Stufe der Automatisierung eingeschätzt.

Einige Hersteller haben bereits in Aussicht gestellt, diese Stufe überspringen zu wollen und Fahrzeuge erst dann auf den Markt zu bringen, wenn diese ohne das Eingreifen des Fahrers auskommen und alle Situationen mittels technischer Lösungen meistern können. Beispielsweise, indem das Fahrzeug in einem solchen Fall auf dem Pannenstreifen oder einem Rastplatz anhalten. In einer Notsituation – also wenn eine Kollision nicht mehr verhindert werden kann – würde das Fahrzeug mutmaßlich vollbremsen und so versuchen, allfällige Unfallfolgen möglichst gering zu halten.

VWheute: Welche Unfälle lassen sich mit autonomem Fahren künftig verhindern und welche nicht – bitte mit Zahlenangaben? Es kann ja nicht im Interesse von Versicherern und Fahrern sein, wenn beispielsweise die Gesamtzahl der Unfälle abnimmt aber die Zahl der schweren Zusammenstöße zunimmt.

Bettina Zahnd: Trotz der Entwicklung hin zum autonomen Fahren wird es also auch in Zukunft zu Unfällen und Personen- wie auch Sachschäden kommen. Wir gehen aber davon aus, dass die Anzahl an schweren Personenschäden längerfristig weiter abnehmen wird. Wir sehen in unserer Schadenstatistik schon heute, dass die Anzahl Personenschäden in den letzten Jahren stetig zurückgegangen ist, in der Schweiz um bis zu 40 Prozent, in Deutschland bis zu 17 Prozent.

Und die technologischen Fortschritte haben zweifelsohne ihren Anteil dazu beigetragen. Während Notbremsassistenten wirksam dabei sind, Auffahrkollisionen zu verhindern, lässt sich die Anzahl von Schleuderunfällen gemäß unserer Studie dank ESP, dem elektronischen Stabilitätsprogramm, um mehr als 40 Prozent verringern. Dieses bremst gezielt einzelne Räder ab und kann dadurch ein Schleudern verhindern.

Sowohl Auffahrkollisionen als auch Schleuderunfälle sind relativ häufig und können für die Insassen Verletzungen zur Folge haben. Aufgrund dieser Erkenntnisse bin ich überzeugt, dass mit einer verbesserten Technik die Sicherheit im Straßenverkehr noch weiter erhöht werden kann und nicht zuletzt schwere Personenschäden seltener werden.

Gleichzeitig entstehen durch vernetzte und automatisierte Fahrzeuge neue Risiken, die aus heutiger Sicht noch nicht beziffert werden können, wie zum Beispiel das Zusammenspiel von selbstfahrenden Autos mit anderen Verkehrsteilnehmern oder Auswirkungen von fehlerhafter Software oder Hackangriffen.

In einer Übergangsphase, in der automatisierte, teilautomatisierte und herkömmliche Autos sowie andere Verkehrsteilnehmer gleichzeitig im Verkehr und auf engem Raum anzutreffen sind, ist es denkbar, dass die Unfallquote ansteigen wird, da der Mischverkehr neue Herausforderungen für alle Beteiligten mit sich bringt.

Zudem werden Sachschäden zunehmend teurer, da durch die modernere Fahrzeugtechnik die Reparaturkosten ansteigen. Und einige Risiken wie Elementarschäden oder Glasschäden bleiben zudem unverändert bestehen.

VWheute: Was können Sie bei einem solchen Crashtest für sich und Ihre Aufgaben als KFZ-Experte mitnehmen – bitte konkret?

frank_edelmeier_axaFrank Edelmeier: Die Axa Crashtests liefern uns seit vielen Jahren wesentliche Daten und Erkenntnisse für die Unfallforschung. Sie leisten sie einen wichtigen Beitrag dazu, Trends und Themen einzuordnen und eine öffentliche Diskussion anzuregen. Dem Fachpublikum geben die Axa Crashtests eine außergewöhnliche Möglichkeit, unmittelbar bei einem Unfall dabei zu sein – Polizisten, Gutachter oder Richter etwa bewerten Unfälle in ihrer täglichen Arbeit erst zu einem späteren Zeitpunkt.

Auch unsere Arbeit findet meist am Büro-Schreibtisch statt, in Meetings oder Skypekonferenzen. Das reale Erleben des Risikos, das wir absichern, die zerstörerische Gewalt eines Unfalls und die effektive Wirkung von Schutzmaßnahmen – all dies können wir hier live erleben und in unsere Arbeit einfließen lassen.

VWheute: Die KFZ-Versicherer konnten zuletzt höhere Beiträge durchsetzen, wird das bei (teil-) autonomen KFZ noch möglich sein?

Frank Edelmeier: Beiträge steigen primär inflationsbedingt – und die Inflation ist vom Autonomiegrad eines Fahrzeuges zunächst einmal unabhängig. Wenn durch zunehmende Autonomie aber in relevantem Umfang Risiken vermieden werden, und damit auch Schäden, wird sich dies perspektivisch sicherlich beitragssenkend auswirken. Jedoch wird sich die klassische Autoversicherung immer weiter hin zur Absicherung der gesamten Mobilität unserer Kunden entwickeln – und hier können gute Zusatzprodukte aus dem Dienstleistungsbereich, zum Beispiel Parken, Reinigen, Inspektion etc auch neue Geschäftssegmente erschließen.

VWheute: Wie wird sich die KFZ-Versicherung in den nächsten fünf Jahren durch den technischen Fortschritt verändern?

Frank Edelmeier: Langfristig wird das autonome Fahren dazu führen, dass sich die klassische Kraftfahrtversicherung nachhaltig schrumpft. Die spannende Frage ist, in welcher Geschwindigkeit das geschehen wird. In den nächsten zehn Jahren sehen wir eine eher moderate Veränderung durch autonomes Fahren. Zurzeit kommt der Druck auf die Kraftfahrtversicherer hauptsächlich dadurch zustande, dass der Markt schon sehr stark gesättigt ist und die Zahl der versicherten Fahrzeuge nicht mehr lange weiter steigen wird.

Heute liegt der Fokus eher auf alternativen Mobilitätskonzepten wie Carsharing oder Mitfahrzentralen, die die Mobilität erhöhen, ohne dass mehr Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind. Dadurch steigert sich zum einen der Wettbewerb in der Kraftfahrtversicherung, zum anderen ändern sich die Anforderungen an die Versicherungswirtschaft. Schon heute ist es unser Ansatz, Mobilität zu versichern – nicht nur über eine Mobilitätsgarantie im Rahmen der Kraftfahrtversicherung, sondern auch durch intelligente Partnerschaften, zum Beispiel mit der Ridesharing-Plattform Blablacar.

Zusammen bieten wir nicht nur verbesserten Versicherungsschutz für den Fahrer, sondern sorgen zum Beispiel bei einer Panne oder einem Unfall dafür, dass die Mitfahrer zu dem gewünschten Ziel weitertransportiert werden und übernehmen dafür auch die Kosten. In solchen neuen Ansätzen sehen wir die Zukunft und bauen diese konsequent weiter aus.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Bilder: Bettina Zahnd, Leiterin der Abteilung Unfallforschung & Prävention der Axa Winterthur, und Frank Edelmeier, Leiter des Geschäftsfeldes Kraftfahrt bei Axa. (Quelle: Axa)

Bildquelle: PeterA / PIXELIO (www.pixelio.de)

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