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Verkehrsunfälle: “Ablenkung wird erheblich unterschätzt“

01.12.2016 – Dr_Joerg_Kubitzki.AllianzDie Häufigkeit von Unfällen steigt ebenso wie die Zahl der tödlich Verunglückten. VWheute hat vor diesem Hintergrund den Unfallforscher Jörg Kubitzki vom Allianz Zentrum für Technik (AZT) zum Gespräch gebeten. Hintergrund ist die kürzlich erschienene Allianz-Sicherheitsstudie zum Thema “Ablenkung gefährlicher als Alkohol”.

VWheute: Immer mehr Fahr-, Brems, und Parkassistenzsysteme sollen den Fahrer unterstützen – ist nicht längst ein “Zuviel” erreicht und lenkt das den Fahrer nicht eher ab, anstatt zu dienen – und wenn Sie helfen, wird die Nutzung dann honoriert, ein Versicherer geht diesen Weg bereits.

Jörg Kubitzki: Ablenkungsunfälle sind sehr häufig Längsverkehrsunfälle und Unfälle, bei denen ungeschützte Verkehrsteilnehmer zu Schaden kommen. Das Allianz Zentrum für Technik spricht sich darum für eine weitere Verbreitung von Fahrerassistenzsystemen aus, die in ihrem Nutzen vor allem für solche Unfälle nachgewiesen haben.

Leider ist die Ausstattungsquote zum Beispiel. mit Notbrems- oder Spurhalte-Systemen in Deutschland noch sehr gering (bei Pkw zwischen 1 und 6 Prozent). Durch Notbremssysteme neu hinzutretende Ablenkungsgefahren sehen Unfallexperten nicht. Dennoch rät das Allianz Zentrum für Technik, auch Fahrerassistenzsysteme in ihrer Auslegung (zum Beispiel der Warnstrategien) stets ergonomisch zu überprüfen und weiter zu entwickeln.

In Deutschland berücksichtigt die Versicherungswirtschaft diese Assistenzsysteme bereits auf zwei Weisen: Zum einen wird auf Notbremssysteme bei der Ersteinstufung eines Pkws ein Vorteil gewährt, zum anderen werden wirksame Systeme über die Reduzierung der Unfallhäufigkeit und der Schadenhöhen die jährliche statistische Reklassifizierung positiv beeinflussen. Das heißt, dass gute Systeme bereits zu niedrigeren Typklassen und damit zu günstigeren Versicherungsbeiträgen führen.

VWheute: Mobile Geräte sind heutzutage Standard, aber Studien zeigen, dass die Nutzung dieser Tools die Reaktionszeit ähnlich verschlechtert wie ein Blutalkoholgehalt von 0,8 Promille. Wie wird ein solches “Technikvergehen” bei der Haftung geahndet, ähnlich wie ein Alkoholverstoß?

Jörg Kubitzki: Bei der Haftungsprüfung in der Kraft-Haftpflichtversicherung muss man mit einer möglichen Teilschuld rechnen. Dazu kommt der strafrechtliche Aspekt.

VWheute: Verkehrsminister Alexander Dobrindt plant das Handyverbot auszuweiten, müssten dann nicht konsequenterweise alle potenziell ablenkenden Tätigkeiten verboten werden – beispielsweise das Essen oder das ändern des Radiosenders?

Kubitzki: Eine Negativliste mit verbotenen fahrfremden Tätigkeiten beim Führen von Kraftfahrzeugen ist wissenschaftlich und juristisch schwer zu erstellen. Die Forschung kann allgemeine Risiken ermitteln, die aber für den Einzelfall zu belegen bleiben. Essen, Trinken und Rauchen am Steuer verbindet sich nach den neuen Erkenntnissen des Allianz Zentrums für Technik mit einer höheren Unfallgefahr. Ein Verbot wäre aber in Deutschland schwer umzusetzen, weil diese Tätigkeiten kaum juristisch präzise genug definiert werden könnten.

Verhaltensmaßregeln zur Abwendung der Hände vom Lenkrad bestehen zudem bereits. Das Allianz Zentrum für Technik begrüßt die von der Bundesregierung geplante Ausweitung des Handyverbots auf weitere technische mobile Geräte. Hierüber hinausgehend empfiehlt das Allianz Zentrum für Technik, nicht nur Geräte, sondern auch sicherheitskritische Funktionalitäten (zum Beispiel. TV sehen, Internetaufruf) in die Novellierung des Handyparagrafen einzubeziehen.

VWheute: Schaut man auf die Ursachen bei KFZ-Unfällen, sind überhöhte Geschwindigkeit und Alkohol führend – wäre also ein Alkoholtestgerät und ein verpflichtender Tempomat nicht die besten Lösungen, um Unfällen vorzubeugen, oder gleich autonom fahrende Fahrzeuge?

Jörg Kubitzki: Die Faktoren unangepasste Geschwindigkeit und Alkoholisierung sind wichtige Unfallursachen und müssen weiter Gegenstand der Sicherheitsarbeit bleiben. Nach den Erkenntnissen des Allianz Zentrums für Technik ist die Unfallursache Ablenkung aber erheblich unterschätzt und muss daher dringend in die polizeiliche Erfassung der Unfallursachen aufgenommen werden. Erst dann wäre die deutsche Unfallstatistik in Bezug auf den Faktor „Fahrerzustand“ vollständig, sie erfasst zurzeit nur Alkohol, Müdigkeit und Drogen/Medikamente. Aus Sicht des Allianz Zentrums für Technik muss in Deutschland Ablenkung als bedeutsamer für die Unfallverursachung angesehen werden als Alkoholisierung.

In Bezug auf die Nutzung von Alkohol-Interlocks unterstützt das Allianz Zentrum für Technik die Haltung des Deutschen Verkehrssicherheitsrats DVR, dass diese in begründeten Fällen zum Beispiel von Alkoholauffälligkeiten in Verbindung mit weiteren Maßnahmen zum Beispiel. zur Wiederherstellung der Fahreignung sinnvoll ist. Die Vermeidung von Fahrfehlern infolge von Alkoholisierung und Geschwindigkeit durch autonomes Fahren kann heute noch nicht bewertet werden, weil unter anderem die technischen Systemgrenzen und die rechtlichen Rahmenbedingungen heute noch kein autonomes Fahren zulassen.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Bild: Jörg Kubitzki, Allianz Zentrum für Technik (AZT)

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