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Nachwuchs als “Erfolgsfaktor der Zukunft”

12.09.2016 – andreas_richter_lmu“Bayern blickt mit seinen zwei Zentren München und Nordbayern insgesamt auf eine lange Tradition des Versicherungsgeschäfts zurück”, sagt Andreas Richter von der LMU München gegenüber VWheute. Die Unternehmen seien aber “gut beraten, die Attraktivität ihrer Arbeitsplätze ständig im Fokus zu haben”. Denn: “hochqualifizierter Nachwuchs ist bekanntlich in Know-How-intensiven Branchen der entscheidende Erfolgsfaktor der Zukunft”.

VWheute: Aus Ihrer Erfahrung heraus betrachtet, im Wettbewerb der Bundesländer: Worin bestehen die Erfolgsfaktoren des Versicherungsstandortes Bayern?

Andreas Richter: Die Süddeutsche Zeitung titelte im letzten Jahr “Die Geschichte der Versicherungen begann in München”. Bayern blickt mit seinen zwei Zentren München und Nordbayern insgesamt auf eine lange Tradition des Versicherungsgeschäfts zurück. Mit um die 60.000 Beschäftigten in bayerischen Versicherungsunternehmen und allein 60 in München ansässigen Versicherungsunternehmen hat die Branche naturgemäß eine hohe Präsenz in der bayerischen Landespolitik sowie in der Forschung und Lehre an bayerischen Universitäten und auch in der Öffentlichkeit.

München wird zudem auch international als Top-Versicherungsstandort wahrgenommen. Dadurch eröffnen sich vielerlei Möglichkeiten. Zum Beispiel profitieren die hiesigen Unternehmen ungemein davon, dass der Versicherungsstandort Bayern besonders attraktiv ist als Arbeits- und Lebensraum, auch für hochqualifizierte Mitarbeiter. Außerdem bereitet das engagierte und erfolgreiche Zusammenspiel von Praxis, Politik und Wissenschaft in Bayern eine wichtige Erfolgsgrundlage und ermöglicht eine zukunftsfähige Ausrichtung des Sektors.

VWheute: Welche regionalen Besonderheiten spielen am Finanzplatz München/Bayern eine Rolle?

Andreas Richter: Über den hohen Freizeitwert hinaus, den Bayern mit sich bringt, findet man hier auch einen spannenden Wirtschaftsmix. Neben der Versicherungswirtschaft ist hier ja insbesondere auch die IT-Branche fest verwurzelt. München zählt zu den größten und attraktivsten IT-Standorten weltweit. Außerdem wird seit einigen Jahren die Entrepreneurship-Förderung groß geschrieben. Eine regelrechte Start-Up-Szene beginnt sich zu etablieren. Dadurch sind für die Versicherungsbranche vielversprechende Schnittstellen geradezu greifbar – vor allem im Hinblick auf Digitalisierungsbemühungen ist hier einiges denkbar.

VWheute: Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit von Finanzwirtschaft, Forschung und Entwicklung und Landespolitik?

Andreas Richter: An dieser Stelle kann ich insbesondere für uns als Munich Risk and Insurance Center und mein Institut an der LMU sprechen. Wir spüren von allen Seiten großes Interesse an Zusammenarbeit und eine ausgeprägte Kooperationsbereitschaft, so dass wir einen sehr direkten Draht in die Unternehmen besitzen und auch in regelmäßigem Austausch mit der Politik stehen. In der Forschung und auch in der Lehre sind Praxis-Theorie-Kooperationen an der Tagesordnung. Dies bereichert die Perspektiven unserer Studierenden ungemein.

Ein weiteres – sehr aktuelles – Beispiel für die vertrauensvolle Kooperation zwischen Versicherungswirtschaft, Forschung und Entwicklung und der bayerischen Landespolitik stellt das kürzlich ins Leben gerufene InsurTech Accelerator Programm im Werk 1 dar. Auch hier zeigt sich das Interesse an intensivem Austausch und auch die Aufbruchstimmung der Versicherungswirtschaft im Hinblick auf Digitalisierungsthemen (siehe DOSSIER).

VWheute: Wie attraktiv ist für den Nachwuchs die Perspektive Versicherungswirtschaft?

Andreas Richter: In der Branche beklagen wir uns ja häufig über eine etwas negative Wahrnehmung von außen. Auch im Hinblick auf Arbeitnehmer ist diese Außenperspektive ganz deutlich von der Innenperspektive zu unterscheiden, wie die hohe “Retention Rate” der Versicherungswirtschaft zeigt. Ganz objektiv betrachtet bietet die Branche vielseitige und attraktive Arbeitsplätze. Aufgabe der Universitäten und der Unternehmen ist es, in dieser Hinsicht vor allem über das breite, komplexe und interessante Aufgabenfeld im Versicherungsunternehmen zu informieren.

Die Unternehmen sind gut beraten, die Attraktivität ihrer Arbeitsplätze ständig im Fokus zu haben, denn hochqualifizierter Nachwuchs ist bekanntlich in Know-How-intensiven Branchen wie der Versicherungswirtschaft der entscheidende Erfolgsfaktor der Zukunft. Um zukunftsfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln und umzusetzen, steht die Branche meines Erachtens gerade jetzt vor der besonderen Herausforderung, auch Arbeitnehmer mit weniger “traditionellem” Versicherungs-Know-How für sich zu gewinnen, um den Anforderungen der Digitalisierung gewachsen zu sein. Ich denke aber, dass die Versicherer in dieser Beziehung vieles zu bieten haben. Und aus der Perspektive des Nachwuchses kann ein (noch) stärkeres Engagement der Versicherer im viel zitierten „War for Talents“ ja nur positiv zu beurteilen sein.

VWheute: Wo sehen Sie den Standort Bayern mittelfristig und wo gibt es Optimierungsbedarf?

Andreas Richter: Dank starker Initiativen, wie z.B. der Arbeitsgruppe Digitalisierung, der Elementarschaden-Kampagne, und Institutionen wie der Finanzplatz München Initiative, des Forum-V und des Munich Risk and Insurance Center, sowie der Ausrichtung und Etablierung verschiedenster Diskussionsformate z.B. in Form des letztjährigen World Risk and Insurance Economics Congress an der LMU München, des im Zweijahresrhythmus stattfindenden Munich Insurance Symposiums oder des jährlichen Finanzgipfels bleibt die Branche im ständigen Austausch.

Dieser Austausch bildet ein entscheidendes Fundament, um Optimierungsbedarfe zu erkennen und Lösungspotentiale zu erarbeiten. Zudem unterstützt eine enge Begleitung von Branchenentwicklungen durch die Wissenschaft die adäquate Ausbildung von Nachwuchspersonal und ermöglicht es, aktuelle Entwicklungen zu hinterfragen und zu optimieren. Dies alles kommt dem Standort zugute.

Grundsätzlich denke ich daher, dass der Versicherungsstandort Bayern weiterhin attraktiv und erfolgreich bleiben wird. Aus meiner Sicht kann sich ein so herausragender Versicherungsstandort wie Bayern mit großem Selbstvertrauen präsentieren und dabei auch bisweilen das Profil der Branche, insbesondere im Vergleich zu anderen Branchen des Finanzsektors, in der öffentlichen Wahrnehmung und in der Wahrnehmung der Politik noch weiter schärfen.

VWheute: Stichwort Digitalisierung. Inwiefern kann das wirtschaftstechnische Umfeld in Bayern/ bzw. in München der Versicherungswirtschaft helfen, die digitalen Defizite der Branche zu überwinden?

Andreas Richter: Grundsätzlich könnte der Branchenmix, den wir in Bayern vorfinden, kaum besser sein, um die Versicherungswirtschaft in Sachen Digitalisierung zukunftsfähig zu machen. Und wie schon erwähnt, existieren bereits wichtige diesbezügliche Initiativen. Die meisten Unternehmen arbeiten an neuen und innovativen Lösungen und Ausrichtungen, sei es in Bezug auf Produktinnovationen, Prozessoptimierungen oder Multi-Channel-Management, um nur wenige Bereiche zu nennen. Die individuelle Verankerung der Projekte stellt sich unterschiedlich dar; sowohl hausinterne Initiativen und eigene Spin-Offs als auch Kollaborationen mit ortsansässigen Beratungshäusern und IT-Spezialisten werden gelebt. In gewisser Hinsicht beobachten wir eine Zeit des großen Ausprobierens und der Neuausrichtung. Dafür sind vielleicht an der einen oder anderen Stelle noch etwas mehr Experimentierfreude und Mut gefragt, es passiert aber auch schon sehr viel.

Die Fragen stellte VWheute-Korrespondent Alexander Kaspar.

Bild: Andreas Richter, Lehrstuhlinhaber und Vorstand des Instituts für Risikomanagement und Versicherung an der Ludwig-Maximilians Universität zu München.

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