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Heise: “Der Populismus ist besorgniserregend”

16.11.2016 – Heise_AllianzDie Allianz blickt mit verhaltenem Optimismus auf das kommende Jahr. So rechnet Chefvolkswirt Michael Heise gegenüber VWheute mit einem “moderaten Anstieg der Rendite zehnjähriger Bundeanleihen” und neuen fiskalpolitischen Impulsen aus den USA. Für Deutschland rechnet der Ökonom mit günstigen Bedingungen. Achillesverse sei hingegen die “zu geringe Investitionstätigkeit”.

VWheute: Momentan scheint die Welt, einfach gesprochen, politisch nach rechts zu rücken (Trump, Orban, Erdogan, Brexit etc.). Welche Auswirkungen hat das politisch und wirtschaftlich auf Europa, insbesondere da in Frankreich und Deutschland nächstes Jahr gewählt wird?

Michael Heise: Wir erleben derzeit eine besorgniserregende Stärke des Populismus. Die Parteienlandschaft rückt dabei nicht nur nach rechts. Vielmehr zersplittert sie, da sich viele Wähler neuen populistischen Parteien zuwenden. In Italien und Spanien zum Beispiel profitieren von der Unzufriedenheit der Wähler derzeit eher linke Parteien. Diese politischen Bewegungen haben merklichen Einfluss auf die Wirtschaftspolitik, selbst da wo sie nicht die Aussicht haben, unmittelbar die Macht zu übernehmen, denn sie treiben vielerorts die etablierten Parteien vor sich her.

So wird es auch für gemäßigte Regierungen zunehmend schwerer, sich für offene Märkte, freien Handel, solide Zuwanderungspolitik oder weitere EU Integration einzusetzen. Dabei wären Fortschritte in diesen Bereichen gerade jetzt sehr wichtig, um mittelfristig die Wettbewerbsfähigkeit Europas und somit auch die Nachhaltigkeit unserer sozialen Sicherungs- und Rentensystem zu sichern.

VWheute: Viele Länder setzen auf Abschottung und Protektionismus und können sich dabei auf Mehrheiten der Wähler stützen. Haben Politik und Wirtschaft nicht komplett versagt, alle Menschen am Erfolg partizipieren zu lassen – oder wie erklären Sie sich den Wählerwillen?

Michael Heise: Viele Wähler sind sehr unzufrieden. Die Gründe für diese tiefsitzende Unzufriedenheit sind vielfältig und nicht völlig geklärt. Globalisierungsängste, zunehmende Ungleichheit und eine Ablehnung liberaler Werte spielen ebenso eine Rolle wie die Nachwirkungen der Finanzkrise der vergangenen Jahre, die Wachstum und Einkommen nachhaltig geschwächt haben. Vielfach wird die Europäische Union zum Sündenbock gemacht. Daher müssen die etablierten Parteien und die Europäische Union die konkreten Probleme angehen, die vielen Menschen Sorgen bereiten. Dazu gehören in Europa Fragen der Sicherheits- und Außenpolitik, gemeinsame Strategien in der Flüchtlingspolitik und Maßnahmen zur Stärkung von Wachstum und Beschäftigung im Euroraum.

VWheute: Ein Blick in die Glaskugel: Werden die Zinsen nächstes Jahr endlich steigen und wird Deutschland konjunkturell und wirtschaftlich stark bleiben? Wird es Investitionen geben oder verfällt das Land angesichts des “Rechtsdrucks” in Schockstarre?

Michael Heise: Obwohl mit einer weiterhin expansiven EZB-Geldpolitik zu rechnen ist, erwarten wir im Verlauf von 2017 einen moderaten Anstieg der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen auf rund ein Prozent Ende nächsten Jahres. Dazu tragen allmählich anziehende Inflationsraten im Euroraum und wirtschaftspolitisch bedingt höhere Inflationserwartungen in den USA bei. Die amerikanische Notenbank wird ihren Kurs einer vorsichtigen Normalisierung fortsetzen. Die Impulse in den USA kommen verstärkt von der Fiskalpolitik.

Für Deutschland werden die Bedingungen nicht ungünstig sein, der leichte Zinsanstieg ist angemessen und der Konsum wird weiter deutlich zulegen. Auch der Arbeitsmarkt dürfte robust bleiben. Die Achillesverse der deutschen Wirtschaft ist die schon seit Jahren zu geringe Investitionstätigkeit. Notwendige Reformen sind bisher nicht in ausreichendem Maße angegangen worden, von einer Schockstarre sind wir in Deutschland aber zum Glück weit entfernt.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Bild: Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz, stellt heute in Frankfurt am Main den neuen Konjunktur- und Finanzmarktausblick 2017 vor. (Quelle: Allianz)

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