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Digital Health: “Mangelnde Bereitschaft zum Risiko”

17.05.2016 – Knoeppler_Privat“Digital Health bietet Krankenkassen eine neue Möglichkeit, die Patienten im Umgang mit Gesundheit und Krankheit zu unterstützen”, konstatiert der Gesundheitsökonom Karsten Knöppler im Exklusivinterview mit VWheute. Dies könne auch einen positiven Effekt “auf das Image, die Kosten und die Qualität in der Versorgung haben”. Allerdings fehle es noch “häufig an der Bereitschaft ins Risiko zu gehen”.

VWheute: Welche Lücken schließt Digital Health im Gesundheitssystem?

Karsten Knöppler: Digital Health stößt vor allem in den Bereich des persönlichen Gesundheitshandeln der Bürger im Alltag vor. In diesem Kontext können nun persönliche, gesundheitsrelevante Daten automatisch erhoben, gespeichert und analysiert werden. Mit diesen Daten können genau im richtigen Augenblick individuell passende Informationen, Erinnerungen und Warnsignalen gegeben werden. Und es können direkte Interventionen (Therapie) oder indirekte Interventionen (Tracking) die eigene Umsetzung und Optimierung des Gesundheitshandelns unterstützen.

Das sind Bereiche für die ein Arzt bislang zwar Vorgaben oder Empfehlungen ausspricht, aber die Qualität und Motivation in der Umsetzung letztendlich kaum beeinflussen kann. Digital Health kann also bislang mit verfügbaren Mitteln völlig unerreichbare Bereiche abdecken und klassische Leistungen zum Beispiel den Hausbesuch durch Telemedizin effizienter bereitstellen. Das hilft uns, die sich zuspitzenden Ressourcenengpässe durch die alternde Bevölkerung zu schließen. Während heute viele Digital-Health-Anwendungen heute Gesunde Menschen oder Risikofaktoren adressieren, sehen wir besonders große ungenutzte Potenziale für Innovationen in strukturschwachen Regionen und dem Kontext “gesund älter werden”. Hier erkennen derzeit gerade auch Kommunen immer mehr ihren Bedarf nach Lösungsstrategien und ihre Verantwortung für das wachsende Versorgungsproblem.

Eine Allianz aus Kommunen, Krankenkassen, regionalen Versorgungszentren ist widerum ein perfekter struktureller Nährboden für Digital-Health-Plattformen und Angebote. Das wird bislang von der Wirtschaftsförderung und Politik nur zu wenig adressiert. Es erfordert hier mehr Aktivität und Kooperation. Entsprechende Konzepte werden eigentlich seit langen u. a. durch den Sachverständigenrat für Gesundheit gefordert. Sie lassen sich mit den digitalen Angeboten wie z. B. Telemedizin, die lange im Pilotstatus verharrt und in der Fläche kaum angekommen ist, nun in der Digitalisierungswelle mit Digital Health optimal vereinen und ausrollen.

VWheute: Wo sehen Sie Gefahren und (gesetzlichen) Bedarf für Nachbesserungen?

Karsten Knöppler: Wir sehen eine Tendenz dazu, dass vor einem Hausarztbesuch immer häufiger erst einmal Dr. Google befragt wird. Das erhöht bei hochwertiger Information die Gesundheitskompetenz und das Patientensouveränität, die wir uns schon lange gewünscht haben. Es hebt die wohl bislang größte ungenutzte Ressource im Gesundheitswesen – die Eigenverantwortung des Patienten. Der Weg dahin kann bei “(Verdachts-)Diagnosen” aus dem Internet aber auch – insbesondere bei falschen Schlüssen führen. Besonders wichtig ist es, die digitalen Möglichkeiten mit den Angeboten der Ärzte und Therapeuten optimal zu verzahnen.

Darin liegen das eigentliche Potenzial und aber auch die Herausforderung. Die Kombination z.B. aus digitalen Schulungsangeboten und z.B. dem Hausarzt oder Facharzt als persönlichen Coach ist besonders effizient und effektiv (“blended learning”). Die Gefahr sehe ich in der Phase wo die beiden Welten noch nicht verbunden sind und Patienten, die rein digital “Diagnosen” und “Therapien” angehen die Risikobereiche testen und zu ihrem Nachteil auch finden. Dieser Bereich sind zudem derzeit juristisch häufig noch unklar – bzw. zu wenig Anwendungen haben beispielsweise durch die Medizinproduktezertifizierung eine ausreichende Risikoprüfung und –absicherung.

VWheute: Welchen Beitrag können hier in Ihren Augen Versicherer leisten?

Karsten Knöppler: Digital Health bietet Krankenkassen eine neue Möglichkeit, die Patienten im Umgang mit Gesundheit und Krankheit zu unterstützen. Das kann für Krankenkassen positive Effekte u. a. auf das Image, die Kosten und die Qualität in der Versorgung haben. Nur haben wir zum Beispiel bei der Integrierten Versorgung trotz Förderung gesehen, wie schwer es verwaltungsorientierten Organisation auf Kassen- und Leistungserbringerseite fällt, Versorgung an einer besseren Ergebnisqualität auszurichten. Es fehlt bislang häufig an der Bereitschaft ins Risiko zu gehen, an Innovationsfähigkeit und an Managementkompetenz. Das sind Voraussetzungen die in anderen Branchen und marktorientierten Unternehmen Selbstverständlichkeiten sind. Ich wünsche mir hier mehr Offenheit und Willen auf Kassenseite. Die Methoden und Instrumente sind vorhanden und warten auf die Akteure im Gesundheitswesen genutzt zu werden.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Karsten Knöppler ist einer der Autoren der Bertelsmann-Studie zu Gesundheits-Apps. (Quelle: privat)

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