Versicherungswirtschaft-heute

          Mobilversion

 
- Anzeige -

“Bürokratie drangsaliert deutsche Unternehmen”

23.12.2016 – ForsaDie Stimmung unten den Bundesbürgern könnte besser sein. Neben politischen Schockmomenten haben auch wirtschaftliche Entwicklungen zu einer kollektiven Verunsicherung geführt. “2017 sollte es darauf ankommen, den Menschen mehr Zutrauen und das Gefühl der Sicherheit zu geben”, glaubt Manfred Güllner. Im Interview mit VWheute spricht der Meinungsforscher über Blockaden und Perspektiven für das kommende Jahr.

VWheute: Herr Güllner, wie bewerten sie die allgemeine politische Stimmung im Jahresfinish 2016?

Manfred Güllner: Die Stimmung der Bundesbürger ist generell eher gedämpft und durch vielfältige Unsicherheiten geprägt. Dazu hat zuletzt auch der Ausgang der Präsidentenwahl in den USA beigetragen. Trump, den sich nur ganz wenige Deutsche als Obama-Nachfolger gewünscht hatten, löst Befürchtungen aus, dass sich die krisenhaften Entwicklungen in der Welt verschärfen könnten. Auch die Erwartungen an die Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse in Deutschland und der eigenen finanziellen Lage – vor allem im Alter – sind wenig optimistisch. Die vom Zuzug von Flüchtlingen ausgelösten Ängste werden in vielen Medien und von bestimmten politischen Gruppierungen hingegen übertrieben dargestellt. Vorhandene Ängste vor einer “Überfremdung” Deutschlands sind abstrakt und beruhen meist nicht auf konkreten Erfahrungen. Das Vertrauen zur Politik ist nach wie vor nicht allzu groß.

VWheute: Welche Bilanz ziehen Sie aus diesem Jahr?

Manfred Güllner: Große Erfolge der jetzigen Bundesregierung, die als Koalition der beiden lange Zeit als “groß” bezeichneten Parteien auch entsprechend große Erwartungen geweckt hatte, sehen die meisten Bürger nicht. Vor allem hat man den Menschen nicht die vorhandenen Ängste und Befürchtungen im Hinblick auf die weitere Entwicklung des Landes genommen…

VWheute: …mit der Folge eines erstarkten rechten Flügels?

Manfred Güllner: Alle demokratischen Parteien haben kein Rezept gegen die Gewalttätigkeiten der rechtsradikalen Szene gefunden. Das zeigt sich am widersprüchlichen Verhalten gegenüber der AfD, der neuen Bewegung am äußerst rechten Rand des Parteienspektrums. Von krasser Ausgrenzung bis zur Anbiederung reichen die untauglichen Rezepte, die der AfD Aufwind gegeben haben, statt den Zulauf zu ihr einzudämmen. Politik und auch die Medien haben sich in Deutschland meist zu sehr an lautstark artikulierenden Minoritäten orientiert und die Interessen der großen Mehrheit der “normalen” Menschen in der Mitte der Gesellschaft außer Acht gelassen.

 

“Deutschland braucht konsequente Bekämpfung der Terrorgefahr und der organisierten Kriminalität”

 

VWheute: Was muss im nächsten Jahr besser gemacht werden?

Manfred Güllner: 2017 sollte es darauf ankommen, den Menschen wieder mehr Zutrauen und das Gefühl größerer Sicherheit zu geben – in vielfältiger Hinsicht. Dazu gehört die konsequente Bekämpfung der Terrorgefahr und der organisierten Kriminalität, aber auch die Erwartung, dass der Staat die Bürger vor zu negativen Folgen der Globalisierung schützt. Dazu gehört aber auch die Hoffnung, dass Europa vor dem Hintergrund des Brexit und der Präsidentenwahl in den USA sowie vielfältiger Krisen wieder zu einer Einheit zurückfindet.

VWheute: Wie stehen die Chancen dazu?

Manfred Güllner: Die Deutschen sind trotz aller krisenhaften Entwicklungen in Europa unverändert europafreundlich und befürworten den weiteren Vereinigungsprozess, weil er nach Meinung der Mehrheit der Bürger Deutschland mehr Vor- als Nachteile bringt. Die Zuwanderung beunruhigt die Menschen keinesfalls so stark, wie von der AfD, aber auch manchen politischen Akteuren innerhalb der Union und von vielen Medien unterstellt. Die Bürger wissen, dass Deutschland aufgrund des demografischen Wandels Zuwanderer braucht. Allerdings müssen kulturelle Distanzen abgebaut werden. Das geht aber nicht durch Horrorvisionen, sondern nur durch Besonnenheit der politischen und sonstigen Eliten im Land.

VWheute: Eines der Kernereignisse im nächsten Jahr sind die Bundestagswahlen. Welche Themen werden die Menschen bewegen?

Manfred Güllner: Wie schon 2013 wird eine der wichtigsten Fragen des Wahlkampfes sein, wer den Bürgern mehr Sicherheit bieten kann. Dabei spielt die soziale Gerechtigkeit nicht mehr eine so zentrale Rolle, wie etwa von SPD, Grünen oder Linkspartei gemutmaßt. Zwar möchte niemand eine ungerechte Gesellschaft. Doch Gerechtigkeit in erster Linie mit Umverteilung zu erreichen, hält die Mehrheit der Bundesbürger für wenig adäquat. Erwartet wird aber eine Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme – insbesondere der Schutz vor Krankheit und eine ausreichende Versorgung im Alter, die vor allem durch die Niedrigzinspolitik der EZB als gefährdet gesehen wird. Detailregelungen des Rentensystems oder der Gesundheitsversorgung sollten aber nicht zu Wahlkampfthemen gemacht werden, da öffentliche Kontroversen darüber viele eher verunsichern als ihnen Klarheit und Orientierung zu geben.

VWheute: Niedrige Zinsen, Regulierung, digitalisierte Märkte: Versicherer stehen unter Druck. Müssen die Unternehmen am Standort D insgesamt Zukunftsängste haben?

Manfred Güllner: Die deutschen Unternehmen – und nicht nur die Versicherer – beklagen zunehmend die immer stärker werdende Regulierungswut der staatlichen Bürokratie, die nicht mehr als eine Form der staatlichen Fürsorge gewertet wird, sondern der man sich immer schutzloser ausgeliefert fühlt. Diese Übermacht der staatlichen Bürokratie, die von vielen Unternehmen bereits als krasse “Willkür”“ empfunden wird, beklagen die Unternehmen viel häufiger als etwa Belastungen durch Steuern oder Abgaben. Wird das Ausmaß der Drangsalierung der Unternehmen nicht auf ein erträgliches Maß zurückgeschraubt, sehen viele Unternehmen den Standort Deutschland als gefährdet an.

Interview: Michael Stanczyk

- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

 

Verlag Versicherungswirtschaft | Kontakt | AGB | Datenschutzerklärung | Impressum | Mediadaten