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Andreas Eurich: Pokémon-Police ist gut für unser Image

07.10.2016 – Eurich - quelle lierIm Interview mit VWheute spricht Barmenia-Chef Andreas Eurich über Kooperationen mit branchenfremden Unternehmen und situative Versicherungslösungen. Zum Vorwurf, die Pokémon-Police sei kein vollwertiger Unfallschutz, entgegnet Eurich: “Wer ist denn in der Lage, für alles einen Vollkaskoschutz zu bezahlen? Es ist doch besser, der Kunde hat für den Fall der Fälle überhaupt eine Deckung, die etwas leistet, als nichts.”

VWheute: Sie haben inzwischen drei situative Ausschnittsdeckungen (“UnfallTrainer”, “Xtra” und “Probefahrtenschutz”). Sind das mehr als Imageprodukte für den Endkunden?

Andreas Eurich: Ja. Denn diese Produkte bieten dem Kunden echte Mehrwerte. Unsere situativen Lösungen versichern genau diese Gelegenheiten, in denen ein Risiko besteht. Wenn beispielsweise die Seniorin ein paar Tage im Jahr ihre Enkel hütet und dabei den Familien-PKW fährt, braucht der Fahrerkreis in der Kraftfahrt-Haftpflicht dafür nicht generell ausgeweitet werden – zumal der Einschluss von älteren Fahrern teuer ist. Und einem Unfall bei der Probefahrt folgt regelmäßig die Frage: Wer trägt die höhere Einstufung? Denn im Zweifel ist nur der Wagenbesitzer versichert.

VWheute: …aber die Pokemon-Versicherung, der UnfallTrainer, ist doch ein aufmerksamkeitsheischendes Aufspringen auf einen Trend?

Andreas Eurich: Ja, das ist auch ein Aufspringen auf einen Trend. In erster Linie wollen wir damit aber als Barmenia zeigen, wie schnell wir reagieren können. Denn dieser Tarif ist innerhalb weniger Tage entstanden. Dem UnfallTrainer halten die Verbraucherschützer natürlich entgegen, dass es kein vollwertiger Unfallschutz ist. Diese Diskussion in Deutschland über Ausschnittsdeckungen ist generell ein Thema. Wer ist denn in der Lage, für alles einen Vollkaskoschutz zu bezahlen? Es ist doch besser, der Kunde hat für den Fall der Fälle überhaupt eine Deckung, die etwas leistet, als nichts. Die Schadenfälle, die der UnfallTrainer abdeckt, gibt es – bis hin zu Todesfällen. Die potenziellen Interessenten sind keine Familienväter oder -mütter, sondern das sind junge Leute, die nicht für Hinterbliebene sorgen müssen. Somit deckt eine Todesfallleistung von 10.000 Euro die im Zusammenhang mit dem Ableben stehenden Kosten im Regelfall ab. Auch die Invaliditätsleistung von 30.000 Euro bei Verlust von Gliedmaßen ist letztlich besser als nichts. Unsere Deckung kostet für das gesamte Jahr nur 35 Euro und endet danach automatisch.

VWheute: Was versprechen Sie sich davon?

Andreas Eurich: Natürlich haben diese Deckungen auch etwas mit Image zu tun. Wir wollen uns außerhalb der Branche für solche Themen interessant machen. Und das gelingt uns. Zudem bedeuten die jungen Leute, die heute ein solches Produkt abschließen, Potenzial für die Zukunft – perspektivisch. Sie erinnern sich vielleicht in einigen Jahren an diese sehr innovative Lösung und an uns, wenn sie einen anderen Bedarf haben.

VWheute: Aber schadet die Kritik der Verbraucherschützer dem Image nicht eher?

Andreas Eurich: Natürlich haben wir nicht ausgeschlossen, dass das Produkt auch kritische Stimmen auslöst – wir haben uns aber trotzdem dafür entschieden. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Lösungen in der Summe vorteilhaft für unsere Kunden und unser Haus sind. Wir sehen uns hier klar in einer Vorreiterrolle und betreten Neuland. Da mag es nicht verwundern, dass es einige Wettbewerber gibt, die dies belächeln. Aber Fakt ist, dass unsere IT für eine derartige Umsetzung zur Verfügung steht. Die drei Ausschnittsdeckungen sind zu 100 Prozent digital. Spannend wird sein, zu beobachten, wie die Branche insgesamt zukünftig mit solchen innovativen Lösungen umgehen wird. Vielleicht ist es in einem überschaubaren Zeitraum Gang und Gäbe und somit dann auch für Verbraucherschützer eher normal.

VWheute: Und woran liegt das, dass Sie schon so weit digitalisiert sind?

Andreas Eurich: Wir haben uns vor einigen Jahren entschieden, außerhalb unseres Kompositbestandes, quasi auf der grünen Wiese, eine neue Lösung über unseren hauseigenen Assekuradeur adcuri zu bauen. Als wir das auf die Schiene gesetzt haben, war eine Grundvoraussetzung, dass wir uns komplett von Althergebrachtem abkoppeln. Das haben wir sehr konsequent durchgehalten, und dadurch können wir heute komplett digitale Produktkonzepte in kürzester Zeit entwickeln und anbieten, die ganz ohne händische Arbeitsprozesse auskommen. Das ist mit ein Grund dafür, dass “wir” beispielsweise mit AutoScout bei der situativen Lösung “Probefahrtenschutz” zusammengekommen sind.

VWheute: Und wer spricht Sie auf solche Kompetenz an?

Andreas Eurich: In den letzten zwei Jahren haben wir eine Reihe vertrieblicher Geschäftskontakte gehabt, die wir unserer digitalen Kompetenz im Kompositbereich zuschreiben. Diese Kompetenz kann ja jeder testen – beispielsweise auf AutoScout den Probefahrtenschutz. Wir reden zum Teil mit sehr großen, branchenfremden Unternehmen. Mit diesen Interessenten wären wir ansonsten als mittelständischer Versicherer vielleicht nicht ins Gespräch gekommen. Und wir kommen natürlich auch mit den Insuretechs ins Gespräch – den UnfallTrainer haben wir mit KASKO entwickelt. Die sind wegen dieser Kompetenz auf uns zugekommen und haben diese Idee mit uns gemeinsam entwickelt.

VWheute: Kooperationen zwischen großen branchenfremden Unternehmen und mittelständischen Versicherern bei Produkten sind ja nicht immer eine Erfolgsstory – ich denke da an Versuche von Ebay oder den Einzelhandel. Was erwarten Sie?

Andreas Eurich: In der Vergangenheit hat das in der Tat nicht immer den gewünschten Erfolg gebracht. Worauf wir jetzt zusätzlich setzen, ist das Situative. Also das Vermarkten einer bestimmten Situation mit einem Risiko, für das wir eine Lösung per Knopfdruck anbieten, ohne dass der Kunde lange nachdenken muss. Das setzt natürlich eine bestimmte technologische Infrastruktur voraus.

VWheute: Aber rechnet sich das?

Andreas Eurich: Ausschnittsdeckungen haben Kleinstprämien. Daher muss dieses Geschäft digital sein, sonst verbrennt man Geld. Und man muss natürlich Masse haben – bzw. wenn man diese nicht hat, darf der Prozess nichts kosten. Es darf also am Anfang keine hohe Investition anfallen. Wenn wir von diesen Ausschnittsdeckungen nur 100 Policen verkaufen, tut uns das bei unserem Investitionsprozess nicht weh.

VWheute: …und wie sieht das in der Versicherungskalkulation aus?

Andreas Eurich: Im Fall, dass etwas passiert, müssen wir natürlich leisten. Das ist logisch. Aber das passiert ja bei jedem neuen Produkt. Wir tarifieren die Produkte so, dass es in der Summe auskömmlich ist. Eine Ausschnittsdeckung wie der UnfallTrainer ist aus der klassischen Unfalldeckung abgeleitet. Das lässt sich schnell preisen – das ist kein Hexenwerk. Es ist normales, klassisches Unfallgeschäft.

VWheute: Diese Policen gehören also zum Bestand der klassischen Unfallversicherung?

Andreas Eurich: Klar. Diese Ausschnittsdeckung und diese Prämie gehören zum Wunschgliedertaxe-Produkt. Einen Bestand sollte man nicht in einzelne Produktwelten zergliedern. Das konterkariert das Versicherungsprinzip.

Die Fragen stellte VWheute-Korrespondentin Monika Lier.

Bild: Andreas Eurich, Vorsitzender der Vorstände der Barmenia Versicherungen (Quelle: Lier)

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