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Wenn IT-Projekte in einem Schuldenberg enden

06.02.2017 – mariusz_janczewski_comarchVon Mariusz Janczewski, IT-Berater im Bereich Versicherungen bei Comarch. Der Begriff ‘Technische Schuld’ oder ‘Technische Schulden’ entspricht von der Bedeutung her dem herkömmlichen Schuldenbegriff. Allerdings verwandeln sich alle Schulden, die nicht regelmäßig getilgt werden, im Laufe der Zeit in einen Schuldenberg, dem keiner mehr entkommen kann.

In diesem Zusammenhang ist der Softwareentwicklungsprozess mit einer Kreditaufnahme zu vergleichen. Wie bereits 1992 von Ward Cunningham definiert, bedeuten geringe Schulden in der Softwareentwicklung, dass die Mängel einer Software von geringem Umfang sind und es unter diesen Umständen weiterhin möglich ist, die Entwicklung zu beschleunigen, solange die Mängel innerhalb kürzester Zeit in Form von Nachbesserungen und Änderungen behoben, sprich die Schulden getilgt werden. Die Situation ändert sich jedoch völlig, wenn diese Schulden nicht mehr fortlaufend getilgt werden. Dann treibt jede, einem Code von unzureichender Qualität gewidmete Minute den Schuldenzähler in die Höhe und verursacht neue Verzugszinsen.

Zunächst gehen wir die Realisierung unserer Träume oder die Umsetzung kleinerer oder größerer Geschäftsvorhaben euphorisch an. Dieser Optimismus bringt uns dazu, einen Kredit oder ein Darlehen aufzunehmen. Die gut durchdachte und geplante Verwendung dieser Finanzmittel kann eine gute Möglichkeit sein, eine im Unternehmen dringend benötigte Investition zu finanzieren. Die anfängliche Euphorie verfliegt jedoch, wenn der aufgenommene Kredit nicht mehr zurückgezahlt werden kann. Versäumte Fälligkeitstermine, steigende Verzugszinsen, Mahngebühren und schließlich der Gerichtsvollzieher, der an die Tür klopft. Eine Verschuldung, die aus den Fugen gerät, kann einen Schuldner in den Abgrund reißen.

Eile zahlt sich nicht aus

Nun stellt sich die Frage: Kann man sich technisch verschulden? Anscheinend ja, denn seit einigen Jahren gibt es dafür sogar den Begriff Technische Schuld bzw. Technische Schulden (engl. technical debt). Das Marktforschungsunternehmen Gartner definiert diese Schulden als Kosten für die Behebung von während der Entwicklung, Wartung und Pflege entstandenen Mängeln der IT-Systeme, die aufgewendet werden müssten, um diese Systeme wieder in einen perfekten Funktionszustand zu bringen.

Technische Schulden kommen zustande, wenn IT-Projekte unter zu großem Zeitdruck umgesetzt, zu viele Kompromisse eingegangen und sogar bei der Qualität Abstriche gemacht werden. Am Ende werden solche Projekte zu Misserfolgen, scheitern auf der ganzen Linie oder erfordern einen zusätzlichen Zeit- und Arbeitsaufwand (sprich: sie kosten mehr Geld), damit die entwickelte Lösung am Ende doch noch ordnungsgemäß funktioniert. Kommen Ihnen solche Beispiele bekannt vor?

Technische Schulden entstehen aus Vernachlässigungen während der Softwareentwicklung. Diese Vernachlässigungen resultieren nicht aus dem bösen Willen von Entwicklern und IT-Anbietern, sondern aus der Bestrebung, Arbeitsabläufe zu beschleunigen. Eine neue, schneller entwickelte Software findet sofort den Weg zu den Kunden.

Kurze Zeit später stellt sich allerdings heraus, dass es nichts umsonst gibt und der aufgenommene Kredit zurückgezahlt werden muss. Im Endeffekt dauern die gesamten Projektarbeiten länger als vorgesehen und bei allen Beteiligten fallen zusätzliche Kosten an. Zusätzliche Kosten deshalb, weil sich die bereits gemachten Schulden rasend schnell um die Verzugszinsen erhöhen.

Hauptursachen für technische Schulden

Der Begriff Technische Schulden wurde 1992 von Ward Cunningham geprägt. Laut Cunningham lasse sich die Softwareentwicklung mit einer Kreditaufnahme vergleichen: “Geringe Schulden, also in diesem Fall die Mängel einer Software, können die Softwareentwicklung beschleunigen, vorausgesetzt dass diese in Form von entsprechenden Nachbesserungen und Änderungen sofort getilgt werden.

Die Situation ändert sich jedoch völlig, wenn diese Schulden nicht mehr fortlaufend getilgt werden. In einem solchen Fall treibt jede, einem unzureichenden Code gewidmete Minute den Schuldenzähler in die Höhe und verursacht neue Verzugszinsen”. Der auf diese Weise anwachsende Schuldenberg kann die Arbeit des Entwicklungsteams stark beeinträchtigen und für große Softwareanbieter und ihre Kunden zu einem erheblichen Problem werden.

Technische Schulden in Projekten resultieren aus mehreren, sich überlappenden Ursachen. Zu den häufigsten zählen: unzureichend ausgereifte Planung, zu hoher Zeitdruck aufgrund zu kurz angesetzter Markteinführungszeiten (engl. time-to-market), fehlende Kenntnisse technischer und geschäftlicher Natur, nicht ausgereifte Entwicklungsprozesse, minderwertige Softwarequalität, unprofessionelle Testverfahren und qualitativ schlechte Kommunikation. Daran ist deutlich zu erkennen, dass technische Schulden mit gescheiterten Projekten im Zusammenhang stehen.

Auf die letzte Sekunde

Eine weitere Ursache für technische Schulden liegt in mangelnden Kenntnissen der genutzten IT-Umgebung begründet. Paradebeispiele dafür sind unzureichende Kontrollen der Systemarchitektur, fehlendes Wissen über den Lebenszyklus der verwendeten Softwareprodukte und schließlich auch fehlende Kenntnisse der zwischen den Systemen und ihren Komponenten bestehenden Abhängigkeiten. Auch die Aufschiebung bestimmter Investitionsentscheidungen kann eine Gefahrenquelle darstellen.

Mit Sicherheit können Sie sich noch an das sogenannte Jahr-2000-Problem und die damit verbundenen, hektischen Softwareaudits im Dezember 1999 sowie die nahezu panischen, auf die letzte Sekunde eingeleiteten Maßnahmen einiger Softwareanbieter erinnern. Ein weiteres, in diesem Zusammenhang häufig zitiertes, jüngeres Beispiel ist der durch einige Unternehmen bis zum letzten Moment hinausgezögerte Verzicht auf die Weiterverwendung von Windows XP angesichts der Ankündigung von Microsoft, den Support für dieses Betriebssystem einzustellen.

Wären beide Projekte mit ausreichender Vorlaufzeit geplant und schrittweise umgesetzt worden, hätten sie deutlich weniger als die aufgrund der übereilten Planung tatsächlich aufgelaufenen Kosten verursacht. Einst angehäufte, aber nicht regelmäßig getilgte Schulden, verwandeln sich im Laufe der Zeit in einen Schuldenberg, dem keiner mehr entkommen kann.

Bild: Mariusz Janczewski (Quelle: Comarch)

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