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Versicherungskarrieren: Neue Typen gesucht

10.04.2017 – Stephan Franken BoydenVon Stephan Franken, Managing Partner bei Boyden Global Executive Search. Wie viele andere Branchen steht auch die Versicherungsbranche vor großen Herausforderungen und befindet sich im Wandel: Digitalisierung, Niedrigzinsumfeld, gestiegener Kostendruck oder der Umbau der klassischen Altersvorsorge sind dabei nur die Spitze des Eisbergs.

Dieser Veränderungsdruck hat auch Auswirkungen auf die Führungsetagen der Branche, er verändert Karrierewege und wirft alte Muster über den Haufen, bringt aber auch Chancen mit sich. Ein Beispiel: Der Vertrieb spielte schon immer eine wichtige Rolle in Versicherungen. Hier wurden in der Vergangenheit Führungskräfte gesucht, die über mehrjährige Erfahrung in der Branche verfügten. Experimente mit Quereinsteigern gab es eher nicht. Soweit bekannt.

Doch gerade hier nehmen die Marktentwicklungen Fahrt auf. Neue, technologische Möglichkeiten bieten nie dagewesene Spielräume. Die Innovationen sind zum Taktgeber geworden, reagieren sie doch lediglich auf die Bedürfnisse der Hauptzielgruppe: Die Endkunden. Die Anforderungen und Kundenwünsche haben sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Produkte sind vergleichbarer, individueller (spezifischer auf den Kunden zugeschnitten) und Anbieter diverser geworden. Dieses geänderte Kundenverhalten ist nicht nur auf Versicherungen beschränkt, sondern auch in anderen Branchen spürbar.

Heute haben Verbraucher nahezu überall die Möglichkeit, neue Dienstleistungen und Produkte zu vergleichen und schnell und einfach ihrem digitalen Warenkorb hinzuzufügen. FinTechs haben die positiven Effekte der neuen digitalen Möglichkeiten sehr schnell erkannt und setzen durch ihre innovativen Produkt- und Dienstleistungsangebote etablierte Banken und Finanzdienstleister unter Handlungsdruck. Gerade im Hinblick auf die Kundenbindung und den Vertrieb, konnten so schnell innovative und State of the Art-Vertriebsmodelle etabliert, damit die positiven Aspekte der Digitalisierung ausgeschöpft und letztendlich Marktanteile gewonnen werden.

Informationstransfer aus anderen Branchen – Die neue Art der Führung

Damit solche “digitalen” Vertriebsstrategien überhaupt entwickelt und zu guter Letzt auch zum Einsatz kommen, braucht es die richtigen Manager an der Spitze des Entscheidungsprozesses. Nur Führungskräfte mit entsprechender digitaler Vision und der Fähigkeit innovativ zu denken sowie diese Innovationen auch in konkrete Maßnahmen übertragen zu können, führen die Unternehmen zum Erfolg. Dabei ist eine umfangreiche Erfahrung in der Versicherungsbranche nicht zwingend notwendig. Führungskräfte kommen daher immer häufiger aus anderen Industriebereichen und Sektoren.

Der Vertriebsleiter, der Marketingleiter oder Führungskräfte aus der IT, die vor ein paar Jahren zwingend aus der Branche kommen mussten, haben immer öfter z.B. einen Retail-, Luftfahrt- oder Telekom-Hintergrund. Eine ausgeprägte Fachkenntnis steht heute nicht mehr zwingend im Vordergrund, sondern eine solide Erfahrung in der Kundeninteraktion. Wer in einer völlig versicherungsfremden Branche tätig war, aber dort bereits innovative Angebote entwickelt und neue Wege bei der Kundenansprache etabliert hat, kann genau der passende Kandidat sein für innovative Versicherer. Selbstverständlich gibt es aber auch sehr versicherungsspezifische Funktionen/Positionen, die Erfahrung in der Branche unabdingbar machen.

Die neuen Aufgaben die Versicherungen angehen müssen, führen zunehmend auch zu einem Kulturwandel innerhalb der Unternehmen und damit häufig zu einem veränderten Führungsverhalten. Schon seit Jahren werden zunehmend Hierarchie-Ebenen abgebaut und flachere Organisationsstrukturen etabliert. Viele Manager auf den mittleren und oberen Entscheidungsebenen mussten sich in dieser veränderten Arbeitswelt erst zurechtfinden. Einige scheiterten.

Heute ist Veränderung in der Versicherungsbranche kein kurzlebiger Prozess oder eine vorübergehende Phase, sondern eine Form des Dauerzustandes. Diese Situation hat erhebliche Auswirkungen auf das Management und die Führungsetagen der Unternehmen. Lang etablierte – und durchaus erfolgreiche – Managementqualitäten sind daher nicht mehr automatisch ein Garant für Erfolg. Neue Führungsstile, die weniger hierarchisch und mehr partizipativ sind, setzen sich durch – auch die Krawatte ist bei Führungskräften kein Muss mehr. Neue Strategien werden etabliert, um die Unternehmen für die Zukunft fit zu machen. Dies zieht einen fortwährenden Transformationsprozess nach sich.

Wanted: Manager mit Neugier und Vision

Deshalb sind heute vor allem Manager gesucht, die innovativ denken, das Potenzial neuer technologischer Möglichkeiten frühzeitig erkennen und sich trauen, dafür neue Wege einzuschlagen und Veränderungsprozesse anzusteuern. Dabei ist Neugier ein nicht zu vernachlässigender Faktor, denn die äußeren Einflussfaktoren bieten immer wieder neue Situationen, auf die mit immer neuen Lösungen geantwortet werden muss. Erfahrung in einem stark digitalisierten Unternehmen und im Umgang mit Firmen, wie FinTechs und Start-Ups (z.B. durch M&A, Kooperationen etc.) sind daher ein nicht zu unterschätzender Vorteil für Top-Führungskräfte in der Versicherungsbranche.

Manager, die aus diesem Sektor zu Versicherungen wechseln, haben meist ein tiefes Verständnis für das neue Kundenverhalten und ihre Bedürfnisse und sind außerdem in der Lage schnell darauf zu reagieren. Veränderungs- und Change Management-Skills sind hierfür unerlässlich. Neue Angebote müssen immer schneller entwickelt und noch passgenauer auf die Kunden ausgerichtet werden. Dafür muss zum einen der Bedarf schnell ausgemacht, die (digitalen) Möglichkeiten für neue Prozesse und Produkte erkannt und letztendlich die Ausrichtung des zu verantworteten Bereichs angepasst werden.

Um dies zu leisten müssen Führungskräfte nicht nur die fachliche Kompetenz an den Tag legen. Für immer mehr Unternehmen werden die Soft-Skills ihrer Top-Manager immer wichtiger. Jede innovative Vision, jedes frühzeitige Erkennen einer erfolgsentscheidenden Entwicklung und jedes Verständnis für modernes Kundenverhalten ist nutzlos, wenn es an der Umsetzung krankt. Manager mit Begeisterungsfähigkeit sind hoch im Kurs. Längst sind reine Top-Down-Führungsmentalitäten aus den Köpfen vieler Manager verschwunden.

Die Mitarbeiter und Teams müssen auf die neuen Herausforderungen gut vorbereitet und auf die Reise mitgenommen werden – effektives Steuern der Belegschaft ist ein entscheidender Faktor in Transformationsprozessen. Manager erfüllen heute stärker als zuvor die Funktion eines Moderators, anstatt eines reinen Befehlsgebers. Empowerment, Storytelling und Networking sind nicht nur lose Schlagwörter, sondern erforderlich, um Dinge schneller bewegen zu können. Manager müssen heutzutage viel stärker kommunizieren und die unterschiedlichsten Teams und Abteilungen für ihre Sache begeistern.

Gleichzeitig ändert sich auch die Struktur der Versicherer immer mehr. Hierarchien werden zunehmend flacher, Entscheidungswege deutlich kürzer und Arbeitswelten verlassen altgediente Pfade wie das Einzelbüro oder die Präsenzkultur mit festen Arbeitszeiten in der Firma. Homeoffice-Lösungen, hierarchieübergreifende Großraumbüros oder Shared-Desk-Lösungen zeichnen innovative Unternehmen der Branche aus. Auch das Thema Diversity stellt die Manager vor neue Herausforderungen.

Die Buntheit an Mitarbeitern erfordert mehr Offenheit und Innovationsreichtum – in neuen Arbeitswelten mit unterschiedlichen Anforderungen müssen entsprechend neue Wertesysteme berücksichtigt werden. “Klassische Manager” mussten hier erst einmal mit der neuen Situation zurechtkommen. Einige schafften es nicht, eine leistungsfördernde Kultur unter den neuen Gegebenheiten beizubehalten. Die alte Führungskultur ließ sich teilweise nur schwer in Einklang bringen mit der neuen Arbeitswelt, flacheren Entscheidungsebenen und geringerer Statusorientierung.

Erfolgreiches Management in Versicherungsunternehmen zeichnet sich daher – neben den richtigen Fach- und Sachentscheidungen – vor allem durch intelligente und moderne Personalführung aus. Diverse Teams gehören immer häufiger zum Standard und müssen entsprechend aufgebaut und unter Berücksichtigung der unterschiedlichsten Eigenschaften und Fähigkeiten geführt werden. Die Unternehmenswerte erhielten in den letzten Jahren einen immer größeren Stellenwert und müssen adäquat vermittelt und die verschiedensten Mitarbeitergruppen darauf ausgerichtet werden.

Der Weg an die Spitze

Die Versicherungsbranche öffnet sich mehr und mehr für Manager aus anderen Branchen mit verwandten Geschäftsmodellen und Transformationserfahrung, wie z.B. der Telekommunikation, Retail oder E-Commerce. Dies heißt natürlich nicht, dass jetzt nur noch Quereinsteiger Karriere machen. Gerne wird gesehen, dass Manager breite Erfahrung in einem Unternehmen gesammelt haben und nicht nur in einem Fachbereich tätig waren. So schadet es z.B. nicht, wenn der Personalleiter auch operative Erfahrung gesammelt hat. Von einem generellen Umbruch kann man nicht sprechen. Die Branchen-Experten und Versicherungsspezialisten sind selbstverständlich auch weiterhin gefragt.

Die Mischung macht es: Idealerweise lernen die Branchenkenner und Quereinsteiger voneinander und ergänzen sich, um das Unternehmen gemeinsam nach vorne zu bringen. Ergänzend sei gesagt, dass Fachkarrieren heute durchaus auch interessante und attraktive Karrieremodelle sein können. Es gibt durchaus Chancen und gute Aufstiegsmöglichkeiten sowohl für interne als auch externe Manager, die es verstanden haben, sich den neuen Anforderungen zu stellen und die veränderten Rahmenbedingen mehr als Chance denn als Risiko sehen.

Bild: Stephan Franken, seit 2014 Managing Partner bei Boyden International, einer der Schwerpunkte sind Suchmandate in der Versicherungswirtschaft. (Quelle: Boyden Global Executive Search)

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