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Versicherer müssen Silodenken aufgeben

04.12.2017 – michal_trochimczuk_sollersVersicherer müssten sich neu erfinden, um künftig erfolgreich zu sein, betont Michał Trochimczuk, Managing Partner bei Sollers Consulting, anlässlich des heute beginnenden Kongress “Innovation in Insurance” in Warschau. Zu den Zukunftsthemen, die den Markt bewegten, gehöre ein global wachsender Versicherungsmarkt, der neue Geschäftsmöglichkeiten biete.

VWheute: Wir durchleben politisch unruhige Zeiten, und das wirkt sich auch auf die Regulierung aus. Viele Versicherer haben aber eine eher abwartende Haltung. Reicht das?

Michał Trochimczuk: Um erfolgreich zu sein, muss man schneller als andere sein und sich konstant neu erfinden. Auch scheinbar gesättigte Unternehmen entwickeln sich weiter. Der erfolgreiche Übergang aus der Reifephase in eine neue Wachstumsphase zeichnet hochleistungsfähige Unternehmen aus und ist entscheidend. Doch dafür ist es notwendig, sich neu zu erfinden.

Für den Versicherungsmarkt sehe ich vier entscheidende Zukunftsthemen. Zum ersten gibt es einen global wachsenden Versicherungsmarkt, der neue Geschäftsmöglichkeiten bietet. Zu den weiteren Themen, mit denen sich Versicherer jetzt beschäftigen müssen, zählen die unbeständige wirtschaftliche und politische Lage, neu auftretende Risiken wie beispielsweise Cyberkriminalität und sich wandelnde Kundenbedürfnisse.

In Europa und den Vereinigten Staaten sind die Versicherungsmärkte hochreguliert. Dies führt zu erheblichen Zusatzbelastungen für die Unternehmen. Auch politische und lokale Besonderheiten haben einen großen Einfluss auf den Markt.

VWheute: Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem Brexit?

Michał Trochimczuk: Die mit dem Brexit verbundene politische Wende sorgt jetzt schon für erste Verschiebungen. So haben einige Gesellschaften bereits angekündigt, ihre Geschäfte in Zukunft aus Frankfurt, Dublin oder Paris zu führen. Der chinesische Markt birgt enorme Wachstumspotentiale, allerdings verhindern die regulatorischen Rahmenbedingungen einen einfachen Markteintritt für ausländische Versicherer. Im Vergleich zu Asien ist der europäische und amerikanische Markt gesättigt. Dies impliziert, dass Versicherer neue Geschäftsmodelle eruieren müssen, um das Wachstum in diesen saturierten Märkten weiter aufrechtzuhalten.

VWheute: Wo sehen Sie denn noch Möglichkeiten für Wachstum?

Michał Trochimczuk: Es entstehen neue Risiken, und aus den Risiken können sich neue Wachstumsfelder für Versicherer ergeben. Hervorzuheben sind hier die Bereiche Cyberkriminalität, autonomes Fahren oder auch die steigende Zahl von eingesetzten Drohnen. Fliegende Fahrzeuge waren bis vor kurzem noch Zukunftsmusik und Stoff für Science-Fiction.

Nun testet die Polizei in Dubai fliegende Motorräder. Dieses abstrakte Beispiel zeigt auf, dass man sich in Zukunft mit neuartigen Versicherungsprodukten beschäftigen muss. Autonome Fahrzeuge sind schon jetzt Realität. In Deutschland wurden die rechtlichen Voraussetzungen für Testläufe geschaffen.

Auch das Thema Cyberkriminalität wird uns in Zukunft immer stärker beschäftigen. Dieses Jahr haben wir bereits mehrere großangelegte Attacken erlebt, die zu erheblichen Kosten geführt haben. Das ist ein vielversprechender, aber hochkomplexer und risikoreicher Markt für Versicherer.

VWheute: Können die Versicherer den Kampf um die Kundschaft unter den Millennials überhaupt noch gewinnen?

Michał Trochimczuk: Ja, aber die Versicherer müssen ihre Marketingstrategien und Vertriebskanäle an die sich wandelnden Kundenbedürfnisse anpassen. Die digitale Generation surft hauptsächlich mobil. Die Nutzerzahlen der populärsten digitalen Dienste überschreitet oft die Milliardengrenze. Social Media ist zu einem integralen Bestandteil einer erfolgreichen Customer Experience Strategie avanciert. Personalisierte und reibungslose Nutzererfahrungen sind zentral. Unternehmen wie Amazon zeigen auf, was der Kunde erwartet.

VWheute: Was sollten dann Versicherer beachten, um sich fit für die digitale Welt zu machen?

Michał Trochimczuk: Zum einen sehe ich in Kooperationsmodellen mit InsurTechs eine große Chance für die etablierten Versicherer. InsurTechs werden nicht dazu führen, dass die großen Player vom Markt verschwinden. Ich denke, dass sich nur fünf bis zehn Prozent der InsurTechs am Markt etablieren können.

Vielmehr sollte man die Entwicklungen als Chance begreifen, um die eigene Digitalisierung voranzutreiben und sich zu modernisieren. Netzwerke werden entscheidend sein. Versicherer müssen ihr Silodenken überwinden und Teile der Wertschöpfungskette in andere Hände geben. Viele InsurTechs agieren in Feldern wie IoT, Big Data oder Usage-based-insurance, mit denen sich traditionelle Player noch schwertun.

Als Fundament für eine erfolgreiche Transformation müssen Versicherer Investitionen in neue IT-Systeme tätigen und ein Umdenken zu mehr Agilität fördern. Es ist wichtig, die eigene IT flexibler aufzustellen. Eine IT-Architektur, die auf einem starken Kernsystem basiert, ist der Schlüssel für digitale Innovationen.

VWheute: Die Versicherer betonen doch immer wieder, dass sie alles im Griff haben?

Michał Trochimczuk: Langfristig wird jede Innovation ohne solides Back-End verpuffen. Oftmals sind IT-Projekte zum Scheitern verurteilt, da sie zu groß angelegt werden. Man möchte zu viele Aspekte parallel aufnehmen. Wir haben gute Erfahrungen mit dem von Sollers Consulting entwickelten Skelett-Ansatz gemacht. Dies bedeutet, dass man sich zunächst auf die wichtigsten und auf einfache Prozesse konzentriert und weitere Funktionalitäten später ergänzt. So kann Komplexität abgebaut werden, was dazu führt, dass Projekte letztendlich einfacher und günstiger realisiert werden können.

VWheute: Warum warten so viele Versicherer bei der Modernisierung ihres Back-Ends ab?

Michał Trochimczuk: Der Aufbau dieses soliden Fundaments ist eine große Herausforderung. Kernsystem-Implementierungen geraten oft in Verzug, da mit Business und IT zwei verschiedene Welten aufeinanderstoßen. Darum haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, Business und IT zusammenzubringen.

Es ist unabdingbar, dass die Businessseite entwickelte Funktionalitäten versteht und Abstand davon nimmt, die alte Welt in einem neuen System wieder nachzubauen. Dieses Phänomen ist leider oftmals zu beobachten und kommt einer vertanen Chance gleich.

VWheute: Das müssen Sie aber näher erläutern?

Michał Trochimczuk: Unsere Erfahrung zeigt uns, dass es entscheidende Faktoren für den Projekterfolg gibt. Zum einen bedarf es eines starken Involvements von Seiten des Managements. Darüber hinaus muss man eine agile Denkweise im Unternehmen etablieren und offen dafür sein, traditionelle Denkmuster und Strukturen zu hinterfragen und aufzubrechen. Auch die Fähigkeit, Fehler frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern ist zentral und wird durch eine agile Arbeitsweise ermöglicht.

Das Gespräch führte VWheute-Korrespondent Wolfgang Otte.

Bild: Michał Trochimczuk (Quelle: Sollers)

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