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“Vermittler und Makler stehen vor einem Scherbenhaufen”

02.05.2018 – junkertDie Insolvenz der P&R-Container-Investmentfirmen gehört zu den größten Unternehmenspleiten in der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte. Schätzungen zufolge sollen rund 51.000 Kapitalanleger mit einem Anlagevermögen von rund 3,5 Mrd. Euro davon betroffen sein. Für Makler und Vermittler könnten die Folgen fatal sein, glaubt Rechtsanwalt Alexander Pfisterer-Junkert im Exklusivinterview mit VWheute.

VWheute: Die Insolvenz von P&R gehört zu den größten Anlegerskandalen in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Schadenssumme soll sich auf etwa 3,5 Mrd. Euro belaufen. Was bedeutet dies konkret für die Vermittler und Makler?

Alexander Pfisterer-Junkert: Vermittler und Makler stehen vor einem Scherbenhaufen. Über viele Jahre haben sie ihrem Kundenstamm guten Gewissens Produkte des Anbieters P&R verkauft. Die Containerangebote zeichneten sich durch kurze bis mittlere Laufzeiten (drei und fünf Jahre) und überschaubarem Kapitaleinsatz aus.

Darüber hinaus konnte P&R auf eine viele Jahrzehnte währende Erfolgshistorie verweisen, die am Markt für alternative Kapitalanlageprodukte ihresgleichen suchte. P&R war damit auch immer ein gutes Kundenbindungsinstrument; mit den Anlegern konnte – geldmarktunabhängig – über eine positive Entwicklung ihres Investments gesprochen werden.

Hierüber haben sich viele Vermittler und Makler ein hohes Vertrauen bei ihren Kunden erworben, das nun mit einem Schlag zunichte gemacht wurde. Von einem Skandal sollte man gleichwohl (noch) nicht sprechen. Derzeit gestaltet es sich schlicht so, dass ein Anbieter in die Insolvenz gegangen ist. Ein Vorgang, der im Wirtschaftsleben alltäglich ist.

VWheute: Sie befürchten im Zuge der Insolvenz auch eine riesige Schadensersatzwelle für Vermittler. Bitte definieren Sie diese Befürchtungen konkret.

Alexander Pfisterer-Junkert: Die Erfahrung zeigt, dass nach Verlusten in Zusammenhang mit Kapitalanlagen die Klagefreudigkeit der Anleger sehr ausgeprägt ist. Häufig wird diese auch dadurch angefacht, dass auf die Vertretung von Anlegern spezialisierte Anwälte gezielt Mandate anwerben.

Geworben wird häufig mit Ängsten der Anleger. Über die letzten zehn Jahre ist in Deutschland geradezu eine “Anlegerschutzindustrie” entstanden. Dies war möglich durch die Kombination schlecht laufender Produkte, maßgeblich beeinflusst durch die weltweiten wirtschaftlichen Verwerfungen der Jahre 2009 bis 2012, und eine recht anlegerfreundliche Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs. Die in dieser Zeit aufgebauten Kapazitäten greifen auch das Thema P&R dankbar auf.

Sucht man online mit den entsprechenden Stichworten, findet man eine Vielzahl von Anwaltskanzleien, die mit diesem Thema um Mandanten buhlen. Betroffen sind über 50.000 Anleger mit einem Gesamtvolumen von rund 3,5 Mrd. Euro. Es ist deshalb nur eine Frage der Zeit bis auf Vermittler eine riesige Schadenersatzwelle zukommt.

Um sich noch einmal das Ausmaß bewusst zu machen: Ein durchschnittlicher Schiffsfonds hatte ca. 250 bis 1.000 Kapitalanleger als Kommanditisten und ein Eigenkapital in Höhe von. ca. 20 bis 50 Mio. Euro. Die P&R-Pleite ist also ungefähr so, als würden 100 Schiffsfonds zeitgleich in die Insolvenz gehen.

VWheute: Schiffsinvestments galten in der Vergangenheit als durchaus lukratives Investment. Was bedeutet die Pleite aus Ihrer Sicht für die Zukunft dieser Assetklasse?

Alexander Pfisterer-Junkert: Schiffsinvestitionen und Container-Direktinvestments (wie P&R) werden landläufig als “maritime Investitionen” bezeichnet, haben aber konzeptionell keine Gemeinsamkeiten. Schiffsinvestitionen wurden regelmäßig in der Gesellschaftsform einer GmbH & Co. KG konzipiert. Sie zeichneten sich bis zur Mitte der 2000er Jahre durch teils erhebliches Steuereinsparpotential für Investoren aus. In der Folgezeit lockte die pauschale Besteuerung der Schiffstonnage (sog. Tonnagesteuer) mit hohen prospektierten Nachsteuerrenditen für Investoren.

Hiervon zu unterscheiden sind Container-Direktinvestitionen, bei denen ein Anleger einen oder mehrere Container direkt käuflich erworben hat und aus der Vermietung Erträge erwirtschaftete. Dieses konzeptionelle Modell zeichnete sich im Vergleich zu den vorgenannten Schiffsbeteiligungen durch eine geringere Komplexität aus.

Auch wenn diese Assetklassen konzeptionell letztlich nicht vergleichbar sind, gelten sie als klassische Sachwertinvestitionen. Aufgrund des Umfangs der Insolvenz steht zu befürchten, dass von Anlegern die Attraktivität von Sachwertinvestitionen nachhaltig in Frage gestellt werden könnte. Dies hätte sodann auch Auswirkungen auf Schiffs-, Immobilien- und sonstige klassische Sachwertbeteiligungen.

VWheute: Die P&R-Insolvenz wird aller Voraussicht nach wohl ein entsprechendes juristisches Nachspiel haben. Welche juristischen Konsequenzen erwarten Sie für die Vermittler und Makler sowie die Versicherungsunternehmen?

Alexander Pfisterer-Junkert: Vermittler und Makler haben beim Vertrieb von Kapitalanlageprodukten, wie im Übrigen auch beim Vertrieb von Versicherungen, erhebliche Pflichten. Hierzu zählen neben der anleger- und objektgerechten Beratung auch Prüfungspflichten in Zusammenhang mit dem jeweiligen Produkt.

Hier setzen regelmäßig Anlegeranwälte an und werfen den Vermittlern und Maklern unzureichende Aufklärung des Anlegers vor. Dies dürfte im Falle P&R besonders häufig vorkommen. Schließlich ist der sonstige Anspruchsgegner, die Anbieterin P&R in der Insolvenz und daher schon aus wirtschaftlichen Erwägungen kein tauglicher Anspruchsgegner.

Betroffene Vermittler und Makler sollten einen erfahrenen Anwalt hinzuziehen, um eine robuste Verteidigungslinie zu entwickeln. Schließlich sind die Vorwürfe einiger Anlegerkanzleien vielfach unzureichend begründet und lassen sich zum Teil schnell entkräften.

Versicherer werden gleich doppelt belastet. Zum einen müssen sie für die rechtschutzversicherten Anleger die Klagen vorfinanzieren. Zum anderen kommen die Vermögensschadenshaftpflichtversicherungen im Unterliegensfall für die Kosten der Rückabwicklung auf.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

Bild: Alexander Pfisterer-Junkert ist Rechtsanwalt und Partner der Kanzlei BKL Fischer Kühne + Partner. Seine Tätigkeitsschwerpunkte sind die Schadensabwehr in Kapitalanlageprozessen und aktuelle Fragen im Bank- und Kapitalmarktrecht. Er ist Aufsichtsratsvorsitzender eines Verbunds unabhängiger Vermögensverwalter und Investmentberater. (Quelle: Fischer Kühne + Partner)

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