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“Rund fünf Prozent aller Versicherten begehen Betrug”

03.04.2017 – Adele Sumner_Sascha SchulzAdele Sumner war Versicherungsfahnderin im Vereinigten Königreich – und zwar eine mit besonderem Verständnis für IT. Das verschaffte ihr vor 16 Jahren einen Job bei der RSA Group, dem zweitgrößten General Insurance Unternehmen Großbritanniens. Zurzeit erweitert sie das elektronische Fahndungssystem um Komponenten zur Abwehr organisierter Cyber-Kriminalität aus dem “Dark Web”.

Als Head of Fraud Intelligence & Strategic Development wirkte Sumner maßgeblich bei der Gründung des “Insurance Fraud Bureaus” mit – einer branchenübergreifenden Organisation unter dem Dach des britischen Versicherungsverbandes, das als taktische Eingreiftruppe bei Versicherungsbetrug agiert. Seit 2014 werden die Namen von Versicherungsbetrügern im Insurance Fraud Register veröffentlicht und sind so allen Versicherungsgesellschaften zugänglich.

Die Folge: Betrüger werden bei Schadensmeldungen durch eine teilautomatisierte Prüfung enttarnt. Vergleichbare Ansätze gibt es derzeit nur in den USA und sehr reduziert in den Niederlanden. Und das, obwohl das europäische Datenschutzrecht, das gleichermaßen für alle EU-Mitgliedsstaaten gilt, auch andernorts nach Meinung der Britin so interpretiert werden könne, dass Big Data-Analysen möglich wären.

“Die Mehrheit der Versicherungsbetrug ist opportunistisch und wird von Leuten begangen, die in Vollzeitbeschäftigung sind und eine Hypothek haben. Es wird geschätzt, dass in Großbritannien elf Prozent der Ansprüche (nach Umsatz) betrügerisch sind. Es ist daher schwierig, soziodemographische Schlussfolgerungen zu ziehen. Deshalb haben wir eine Typologie entwickelt, um die psychologische Motivation und die größten Ängste der Betrüger zu verstehen”, erklärt Sumner im Gespräch mit VWheute ihre Intention.

Durch Schadensansprüche verlor die britische Versicherungswirtschaft bei Antritt Sumners nahezu 90 Prozent ihrer Erlöse aus dem Policierungsgeschäft, und konnte sich nur durch Gewinne aus erfolgreichen Anlagestrategien über Wasser halten. Auch heute ist Versicherungsbetrug in Großbritannien noch ein Thema, die Schadensquote halbierte sich allerdings durch die holistische Verknüpfung von Technologie, Prozessen und einem nachhaltigen Betriebsmodell um mehr als die Hälfte: Aufgedeckt wurden 2015 nach einer Studie von ABI rund 1,3 Mrd. Pfund (1,1 Mrd. Euro), die Dunkelziffer wird immer noch auf 2,1 Mrd. Pfund (1,1 Mrd. Euro) geschätzt.

Wie sieht der typische Versicherungsbetrüger in England aus? “Überwiegend wie Du und ich. Rund fünf Prozent aller Versicherten begehen Betrug”, so Sumner. “Soziodemografische Rückschlüsse sind deshalb nur schwer möglich. Wir haben deshalb zunächst eine Typologie entwickelt, um die psychologische Motivation und die größten Ängste von Betrügern zu verstehen.” Heute unterscheiden Sumner und ihre Kollegen “Organisierte Betrüger” von “Gelegenheitsbetrügern”, die zum Beispiel nach einem Wohnungseinbruch bewusst die Schadenssumme durch das Hinzufügen imaginärer Verlustobjekte erhöhen.

Organisierten Betrug aufzudecken hatte erste Priorität und ließ sich durch die Anschaffung einer Software-Lösung von BAE Systems und die Vernetzung von Datenbanken verschiedener Gesellschaften relativ zügig lösen. Das System setzt “Red Flags”, wenn vermeintliche Betrüger Schäden melden oder neue Versicherungen beantragen. Die eingesetzte Software-Lösung waren zu Beginn weitgehend Standard.

Sie wurde in den Folgejahren um Funktionen erweitert, die Kunden-Evaluierung, KYC (“Know your Customer”), Fraud Management, Fraud-Identifikation und die Schnittstelle zur Versicherungspolizei unter ein Systemdach brachten und damit wertvoll sowohl für Underwriting, aber auch für Marketing und Sales & Service wurden.

“Unser System sorgte von Anfang an dafür, dass diejenigen abgeschreckt werden, die am meisten Angst davor haben, dass sie keine neue Versicherungspolice bekommen können, dass sie öffentlich verurteilt werden oder ins Gefängnis gehen müssen”, erläutert die Britin.

“Politischer Druck von Seiten des britischen Innenministers Jack Straw im Jahr 2011 lenkte den Fokus auf die steigenden Kosten der Kfz-Versicherung, die eine direkte Folge des ‘Crash for Crash’-Betrugs waren. Dies hat die Versicherungswirtschaft im Kampf gegen Versicherungsbetrug unterstützt.” Für das Team um Sumner war das auch der Kick-Off für die Gründung einer “Steuerbetrugs-Polizei”, der IFED Insurance Fraud Enforcement Department. Die Mitarbeitenden dieser Organisation haben im Vergleich zu Außendienstmitarbeitern von Versicherungen erweiterte Kompetenzen.

Trotz großer Erfolge in der Reduktion der Schadensquote ist der Fokus auf Versicherungsbetrug heute nicht mehr genug für Sumner. “Das Internet brachte neue Gefahren mit sich. Mittlerweile sind gefälschte Policen-Anträge auf Basis von gestohlenen Adressen aus dem Dark Web unser zweitgrößtes und damit ein immenses Problem.” Gemeinsam mit BAE Systems werden hierzu neue Lösungen entwickelt, die auch bei Near- und Realtime-Prozessen für mehr Sicherheit zu sorgen.

Das Gespräch führte VWheute-Korrespondent Sascha Schulz.

Bild: Adele Sumner (Bild: Sascha Schulz)

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