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Radermacher: “Die Branche muss ehrlich kommunizieren”

19.10.2017 – FJRadermacher-Portrait“Always in motion is the future”. Franz-Josef Radermacher, Professor für Informatik an der Universität Ulm, wagt heute auf dem Nordbayerischen Versicherungstag 2017 einen Blick in selbige. Für die Branche sieht er angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen derzeit “kein gutes Umfeld”. Denn: “Es ist sehr schwierig, mit Geld Geld zu verdienen”, konstatiert er gegenüber VWheute. Im Exklusivinterview spricht er vorab über Wirtschaftswachstum, globale Katastrophen und die Rolle der Versicherer in einer unsicheren Welt und die Zukunft der Altersvorsorge.

VWheute: Was kommt auf uns zu und warum wird ihre Einschätzung im Gegensatz zu der vieler anderer zutreffen?

Franz-Josef Radermacher: Meine Überlegungen gehen etwas weiter in die Zukunft und sind eher abstrakt. Ich habe aber mit diesen Überlegungen schon oft – auch über längere Zeiträume betrachtet – Recht behalten. Aktuell sehe ich im Moment weltweit eine riesige Wertschöpfungslücke. Das heißt wir können die Produktion von Gütern und Dienstleistungen nicht in dem Umfang steigern, wie das die Menschen weltweit erwarten und wie das für gut ausgestattete Staatsfinanzen und für das weitere Wachstum der Wirtschaft wünschenswert wäre. In diesem Umfeld öffnet sich fast überall die soziale Schere, die Bürger reagieren höchst unzufrieden, wir beobachten Bewegungen hin zu Re-Nationalisierung und irritierende politische Verwerfungen wie Brexit und Trump.

VWheute: Das klingt nicht gut.

Franz-Josef Radermacher: Wir sind weltweit zusätzlich konfrontiert mit einer massiven Vergrößerung der Weltbevölkerung, territorialen Konflikten, massiver Migration, Terror und dazu korrespondierend mit einem zu geringen weltweiten sozialen Ausgleich, mit erheblichen Belastungen auf der Umwelt- und Klimaseite, die massiv auf die Ökonomie zurückwirken (Stichwort: Dekarbonisierung) und ebenso mit zunehmenden Klimaproblemen und, wie schon erwähnt, daraus resultierenden Migrationsbewegungen aus der armen in die reiche Welt.

VWheute: Was heißt das für die Versicherungswirtschaft?

Franz-Josef Radermacher: Das ist ganz allgemein kein gutes Umfeld, auch nicht für Versicherungen, über die man sich ja möglichst gegen alle diese Risiken gerne absichern würde, wobei aber das ökonomische Umfeld nicht existiert, in dem Versicherungen die bestehenden Erwartungen, insbesondere auch an das Wachstum von Geldanlagen, befriedigen können. Es ist sehr schwierig, mit Geld Geld zu verdienen. Mittlerweile artikuliert sich eine zunehmende politische Unzufriedenheit bezüglich der sich öffnenden “sozialen Schere”, es kommt zu politischen Verwerfungen, teils auch in Reaktion auf die erfolgenden Migrationsprozesse, womit Trends zur Renationalisierung verbunden sind, die den internationalen Handel bedrohen. Die EU muss gleichzeitig mit Zerfallserscheinungen kämpfen.

VWheute: Wie kann sich die Branche wappnen oder profitieren?

Franz-Josef Radermacher: Klugerweise sollte man in realökonomische Investition Zeit und Geld hineinstecken, denn kluge realökonomische Innovationen eröffnen die größte Chance auf gute Renditen. Und die Welt braucht viele Innovationen dieses Typs, wenn die bestehenden Herausforderungen gemeistert werden sollen. Ansonsten muss die Branche ehrlich kommunizieren. Die an Versicherungen Interessierten müssen die Kosten übernehmen, auch wenn Geld kaum Geld verdient. Sie müssen dann mehr von ihrem Einkommen oder Vermögen abgeben, um sich zu versichern.

VWheute: Wie wird die Zukunft der Sachversicherung aussehen und wie die der Altersvorsorge?

Franz-Josef Radermacher: Sachversicherung ist einfacher als Altersvorsorge, denn Altersvorsorge betrifft sehr lange Zeiträume und hohe Unsicherheiten, zum Beispiel in der Folge des medizinischen Fortschritts. In der Altersvorsorge scheint mir für die meisten Menschen eine kluge Einbindung der gesetzlichen Rente als wichtig. Ansonsten muss kommuniziert werden, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Wenn wir immer älter werden, wenn die Medizin ständig Fortschritte macht und wenn gesellschaftlich eine Wertschöpfungslücke besteht, heißt die Finanzierung der Vorsorge für ein potenziell immer längeres Leben eine Absenkung des mittleren Lebensstandards, den man erreichen kann.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Bild: Franz-Josef Radermacher (Quelle: privat)

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