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“Müssen verstehen, wie sich Risiken verschieben”

07.03.2017 – elisabeth_stadler_treichAuch in der österreichischen Versicherungswelt spielt die Digitalisierung eine große Rolle. Die Vorstandsvorsitzende der Vienna Insurance Group (VIG), Elisabeth Stadler, zeigt sich gegenüber VWheute von den enormen Vorteilen der neuen Techniken überzeugt. Mit rund neun Mrd. Euro Beitragseinnahmen ist die VIG eine der größten börsennotierten Versicherer in Zentral- und Osteuropa (CEE).

VWheute: Welche Auswirkungen hat die digitale Welt auf die österreichische Versicherungsbranche?

Elisabeth Stadler: Eine sehr ähnliche wie auf die deutsche, europäische bzw. globale Versicherungsbranche. Es geht darum, unser Geschäftsmodell dem geänderten, vor allem technisch getriebenen, Nutzungsverhalten und damit Bedürfnissen der Kunden anzupassen. Wir sehen das Thema Digitalisierung in drei Bereiche geteilt.

Interne digitale Prozesse, die wir effizienter gestalten, davon bekommen Kunden weniger mit. Vertrieb, wo es nicht nur um die Erweiterung von Onlineversicherungen, sondern auch um künftige erweiterte Vertriebsmöglichkeiten geht. Der dritte Bereich umfasst Serviceangebote und Kommunikation.

Hier setzen wir zahlreiche Maßnahmen innerhalb unserer Gruppe. Die Wiener Städtische Versicherung zum Beispiel nutzt Webchat und Videoberatung sowie die sozialen Medien als neue Kommunikationskanäle. Das Unternehmen bietet ganz aktuell die Schadensmeldung mittels Video-App an.

VWheute: Gibt es Unterschiede bei diesem Thema in Österreich zu Deutschland?

Elisabeth Stadler: Ich glaube nicht, dass es große Unterschiede zwischen den beiden Ländern gibt. Es gibt wohl viel eher Gemeinsamkeiten, die ich darin sehe, dass bis auf einige wenige Ausnahmen sowohl die deutsche als auch die österreichische Versicherungsbranche in Sachen Digitalisierung ziemlich großen Aufholbedarf haben.

VWheute: Verstehen die österreichischen Unternehmen, bzw. deren Vorstände, die Komplexität des Veränderungsprozesses?

Elisabeth Stadler: Ich kann diesbezüglich nur im Namen meines eigenen Unternehmens sprechen. Wir nehmen die Herausforderungen, die mit der Digitalisierung einhergehen, sehr ernst. So sondieren wir unsere Märkte mit Blick auf neue digitale Entwicklungen und Produktlösungen. Unser Ziel ist es, interessante und zukunftsträchtige digitale Ideen aufzugreifen und Synergieeffekte in unserer gesamten Versicherungsgruppe zu schaffen.

VWheute: Können Sie dazu Beispiele nennen?

Elisabeth Stadler: Ja, das kann ich gern. In Polen etwa wird von unserer Konzerngesellschaft der Abschluss einer Kfz-Versicherung via App oder eigens aufgestellten “Polizzomaten” in nur wenigen Minuten ermöglicht. Dort sind am Zulassungsschein in einem QR-Code alle relevanten Daten des Fahrzeugs, dessen Halter und der Vorversicherungen gespeichert, die mit der App oder dem Automaten gescannt werden und eine Angebotserstellung binnen Sekunden ermöglicht.

Eine VIG-Gesellschaft in Ungarn wiederum bietet eine Reiseversicherung an, die dem Kunden nach Grenzübertritt automatisch per SMS angeboten wird und die sofort abgeschlossen werden kann. Die Prämie wird mit der Handyrechnung eingezogen.

VWheute: Manchmal scheint es geradezu einen Digitalisierungswahn zu geben. Ist dem in Österreich auch so?

Elisabeth Stadler: Die Versicherer haben mit dem Aufkommen des Internet-Geschäfts und den Direktversicherungen bereits eine Welle der Digitalisierung hinter sich. Sie müssen darüber hinaus verstehen, wie sich Geschäftsmodelle ihrer Unternehmenskunden oder Konsum- und Lebensgewohnheiten von Privatkunden wandeln und wie sich die Risiken dadurch verschieben.

Die aktuell zu beobachtenden Digitalisierungsmaßnahmen zielen vermehrt auf die Berücksichtigung des Wandels der Mediennutzung und das zunehmende Kundenbedürfnis nach ausgeprägten Selbstverwaltungsmöglichkeiten und einfacheren, schnelleren und transparenten Prozessen ab. Zudem sollen Kosteneinsparungen insbesondere im Schaden- und Betriebsbereich realisiert werden.

VWheute: Was erwarten Sie noch für die Zukunft?

Elisabeth Stadler: Welche zukünftigen Veränderungen die Digitalisierung in der Versicherungswirtschaft mit sich bringen wird, hängt einerseits von der technischen Weiterentwicklung, andererseits von der Kundenakzeptanz ab.

Zudem wird auch das Thema Datenschutz eine wichtige Rolle spielen. Die heute schon zu beobachtenden Entwicklungen in den Bereichen vernetztes Haus und Gesundheitswesen zeigen auf, das die Digitalisierung es grundsätzlich ermöglicht, Präventions- und Schadenmanagement-Maßnahmen auszuweiten.

Den Versicherern bietet die Digitalisierung damit im Bereich Wohnen und Gesundheit die Chance, neben dem Risikotransfer verstärkt Präventions- und umfassendere Schadenmanagement-Dienstleistungen anzubieten.

Das Gespräch führte VWheute-Korrespondent Wolfgang Otte.

Bild: Elisabeth Stadler, Vorstandsvorsitzende der Vienna Insurance Group (VIG). (Quelle: Sebastian Reich)

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