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Lars Gatschke: “Privatleben ist tabu für Versicherer”

27.09.2017 – Lars Gatschke - VzbvVerbraucherschützer sehen in Fitness- oder Vitalitytarifen die grundsätzliche Gefahr, dass die Versicherer sich damit immer mehr in die private Lebensführung einmischen. Das könnte sogar so weit gehen, dass die Gesellschaften die Lebensweise vorgeben. Außerdem könnten sie überprüfen, ob Vorgaben eingehalten werden. VWheute sprach darüber mit vzbv-Versicherungsexperten Lars Gatschke.

VWheute: Die Generali verspricht im Rahmen ihres Vitality-Programms Rabatte. Was halten die Verbraucherschützer generell von diesen Angeboten?

Lars Gatschke: Interessanterweise hat das Bundesversicherungsamt die Verwendung von Fitness-Apps im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung untersagt. Diese Fitness-Apps würden nicht dafür sorgen, dass hinreichend Gesundheitsprävention betrieben wird, argumentiert die Behörde. Insoweit stellt sich die Frage, ob wirklich nachhaltig Gesundheits-Effekte erzielt werden können.

VWheute: Sehen Sie besondere Gefahren für die Versicherten bei diesen Angeboten?

Lars Gatschke: Wir sehen vor allem die grundsätzliche Gefahr, dass sich die Versicherer damit immer mehr in die private Lebensführung mit einmischen. Letztendlich könnten die Gesellschaften mir mittelbar oder auch unmittelbar vorgeben, wie ich zu leben habe. Außerdem könnten sie überprüfen, ob ich mich an Vorgaben halte.

VWheute: Die Branche hält sich sehr zurück und ist der Generali noch nicht gefolgt. Was könnten Ihrer Meinung nach die Gründe dafür sein?

Lars Gatschke: Da muss man differenzieren. Bei Telematiktarifen ist das offener. Die Zurückhaltung betrifft vor allem den Bereich der Personenversicherung. Hier könnte die Zurückhaltung damit zusammen hängen, dass man eine große Datenbasis benötigt, um sauber zu kalkulieren. Da hat die Generali unter Umständen durch ihre Erfahrungen aus Südafrika einen gewissen Vorteil.

VWheute: Große Probleme sehen Sie als Verbraucherschützer generell in der Datenerfassung. Was sind da Ihre Argumente?

Lars Gatschke: Auf der einen Seite geht es um die Datenmenge, die den Einzelnen erfasst. Wir sehen zwar zurzeit nicht, dass die Daten direkt zum Versicherer gehen. Aber jemand anderes sammelt durchaus diese Daten. Ein weiterer Aspekt betrifft die Gefahr, meine Daten nicht unmittelbar für meinen Tarif zu nutzen, sondern für mögliche Weiterentwicklungen der Produkte. Ein anderer wichtiger Punkt, der aber nicht so sehr die Generali betrifft, sind Telematiktarife. Ich kann hier nie ausschließen, dass Dritte, wie Strafverfolgungsbehörden, auf solche Daten zugreifen können.

VWheute: Versicherer betonen immer wieder das Solidarprinzip. Wie sehen Sie das bei Fitness-Tarifen generell?

Lars Gatschke: Sicherlich wird das Risiko weiterhin kollektiv getragen. Neben dem Solidarprinzip ist auch die angemessene Berechnung der Prämie zu berücksichtigen. Hier stellt sich die Frage, wie sich dem Schadenerwartungswert gut angenähert werden kann, um für Prämiengerechtigkeit zu sorgen. Voraussetzung für eine Prämiendifferenzierung ist und bleibt, dass sie von der Versichertengemeinschaft akzeptiert wird. Das spielt dann wieder in den Bereich der Solidarität hinein.

VWheute: Stichwort Digitalisierung. Da werden riesige Datenmengen gesammelt. Alarmiert das die Verbraucherschützer?

Lars Gatschke: Sicherlich haben wir da ein erhebliches Problem. Wir können allerdings Big Data auch nicht aufhalten. In Zukunft wird es darum gehen, ob diese großen Datenmengen in sämtlichen Lebensbereichen verwendet werden dürfen und damit meine gesamten sozioökonomischen Beziehungen betreffen.

VWheute: Sie wollen die Datenproblematik von einer Ethikkommission diskutieren lassen. Was bewegt Sie zu diesem Vorschlag?

Lars Gatschke: Es geht um die grundsätzliche Frage, welche Parameter der private Lebensführung in der Versicherungskalkulation berücksichtigt werden dürfen. Hier gibt es Beispiele, bei denen der Gesetzgeber eingegriffen hat: bei den so genannten Ausländertarifen in der Kfz-Versicherung oder den Unisex-Tarifen. Warum soll ein Bäckerlehrling dafür „bestraft“ werden, dass er nachts zur Arbeit fahren muss? Darüber hinaus muss es klar benannte Schutzbereiche der privaten Lebensführung geben, die keinen etwas angehen. Nehmen Sie als Extremfall das Sexualleben jedes Einzelnen.

VWheute: Bei welchem Thema in der Versicherungswirtschaft drückt sie aktuell der Schuh am meisten?

Lars Gatschke: In der Niedrigzinsphase sind das die nach wie vorhandenen hohen Kostenbelastungen in den Altersvorsorgeverträgen. Die Produktinformationsblätter haben doch zu interessanten Transparenz-Ergebnissen geführt. Da stellt man sich schon die Frage, ob für Altersvorsorgeverträge Effektivkosten von 5,6 Prozent angemessen sind.

VWheute: Was halten Sie eigentlich von den “Run-Off”-Plänen in der Lebensversicherung?

Lars Gatschke: Grundsätzlich ist es eine unternehmerische Entscheidung, bestimmte Geschäftsmodelle zu fahren oder aufzugeben. Macht es Sinn, Versicherer dazu zu bringen, Produktlinien fortzuführen, auf die sie keine Lust mehr haben?

Das Gespräch führte VWheute-Korrespondent Wolfgang Otte.

Bild: Lars Gatschke, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). (Quelle: vzbv)

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