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“Kfz-Versicherung wird auf keinen Fall obsolet”

15.02.2017 – Morawetz_GenReTelematik, selbstfahrenden Autos sowie einer automatisierten Schadenabwicklung gehören die Zukunft. Auch wenn die Prämieneinnahmen in der Kfz-Haftpflichtsparte langfristig rückläufig sind, ist sie dennoch “auf keinen Fall obsolet”, betont Marco Morawetz im Exklusiv-Interview mit VWheute. So bleibe die Kfz-Haftpflicht auch zukünftig “die zentrale Deckungskomponente zur Regulierung auftretender Schäden” – jenseits aller mobilen Zukunftsmusik.

VWheute: Als Rückversicherer müssen Sie die Entwicklungen auf dem Kfz-Markt vorhersehen. Was wird die Zukunft bringen – komplett automatisierte Schadenabwicklung, flächendeckende Telematik oder werden durch selbstfahrende Autos alle Versicherer obsolet?

Marco Morawetz: Die Gen Re ist nicht nur als Rückversicherer in der Kfz-Versicherungssparte tätig, vielmehr leisten wir mit unserer aktuariellen Consulting-Beratungseinheit einen aktiven Beitrag zur zukunftsorientierten Produkt- und Tarifgestaltung. Die von Ihnen aufgezeigten Bedrohungspotenziale sind nicht neu. Richtig ist, dass die Kfz-Versicherung langfristig rückläufig ist. Sie hat in den letzten 20 Jahren inflationsbereinigt etwa ein Viertel ihres Beitragsvolumens verloren.

Diese Tendenz wird sich durch technologische Fortschritte weiter fortsetzen. Obsolet wird sie aber auf keinen Fall, da selbst zukünftige vollautomatisierte Fahrzeuge nicht frei von Fehlverhalten sein werden. Unabhängig von der weiteren Entwicklung zukünftiger Mobilitätskonzepte bleibt die Kraftfahrt-Haftpflichtversicherung die zentrale Deckungskomponente zur Regulierung auftretender Schäden – im Sinne des Opferschutzes sollte an diesem Grundkonstrukt auch nicht gerüttelt werden.

VWheute: Täuscht der Eindruck oder sind deutsche Kfz-Versicherer bei der Einführung neuer Technik oder Verfahren konservativer als ihre europäischen Nachbarn – muss sich das ändern?

Marco Morawetz: Dieser Eindruck täuscht gewaltig, denn in der Realität stellt sich die Situation genau umgekehrt dar. Nehmen wir das Beispiel Telematik. Richtig ist, dass sich dieses Thema in Deutschland noch im Diskussions- bzw. Experimentier-Stadium befindet, während es in anderen europäischen Ländern, bspw. Italien, bereits seit Jahren im Einsatz ist. Der Grund liegt aber keineswegs in einer konservativen Grundhaltung, vielmehr behindern die innovativen Produkt- und Tarifoptimierungen der Vergangenheit den Zusatznutzen neuer Technologien und Ansätze. Die Einführung zahlreicher Innovationen in Produkte, Tarife, Schadenregulierung und Administration hat dazu geführt, dass Kunden für ihre Kfz-Versicherung inflationsbereinigt nur noch halb so viel bezahlen wie noch vor 30 Jahren. Auch im internationalen Vergleich steht die deutsche Kfz-Versicherung im Prämienvergleich ganz vorne – mit einer innovativen Aversion wäre diese Position kaum möglich.

VWheute: Zurzeit wird viel über Fahrprüfungen für Senioren geredet, was denken Sie darüber, was sagen die Zahlen?

Marco Morawetz: Mit Senioren, speziell der Altersgruppe ab 70 Jahren, beschäftigen sich die deutschen Kfz-Versicherer schon seit vielen Jahren. Die versicherungstechnischen Kennzahlen dieser Gruppe sind eindeutig: Ab 70 Jahren steigt die Schadenhäufigkeit signifikant an, ab 80 Jahren liegt diese sogar 50 Prozent oberhalb des Durchschnitts aller Fahreralter. Erschwerend kommt das Schadenfreiheitsklassensystem hinzu, das den Senioren im Regelfall 30 und mehr schadenfreie Jahre bescheinigt, bevor die Unfälle eintreten – verbunden mit sehr niedrigen Beitragsätzen und damit auch Beiträgen. Die hieraus resultierende versicherungstechnische Schieflage wird inzwischen im Markt durch sehr hohe Tarifzuschläge ausgeglichen.

Obwohl diese Aufschläge grundsätzlich risikoadäquat erhoben werden, sind sie zunehmend Gegenstand gesellschaftlicher Diskussionen (Stichwort Altersdiskrimierung). Aus diesem Grund sollte zumindest über eine vorgeschriebene Gesundheitsprüfung politisch nachgedacht werden, um das Schadenpotenzial insgesamt so weit wie möglich zu reglementieren – auch wenn diese Risikogruppe aus versicherungstechnischer Sicht kein Problem darstellt. Vor allem vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sollte dies in Erwägung gezogen werden, da der Anteil an Senioren als aktive Verkehrsteilnehmer signifikant ansteigen wird.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Bild: Marco Morawetz, Leiter Consulting der Gen Re (Quelle: Gen Re)

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