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Insurtech: Versicherer brauchen Innovationsgeist

07.08.2017 – ilse_aigner_stmwibayernDie Digitalisierung hält auch im Versicherungstandort Bayern Einzug. Für Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner ist das Ziel im VWheute-Sommerinterview klar: “Im Silicon Valley, London und Singapur entstehen bereits Wissenszentren für Insurtech. Dies ist der Maßstab, an dem sich der Hub in den nächsten Jahren orientieren wird. Hier wollen wir vorne mitspielen”.

VWheute: Nach Ihrem politischen Wirken als Bundesministerin in Berlin sind Sie seit 2013 als Staatsministerin für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie wieder in Ihrer bayerischen Heimat politisch aktiv. Wenn Sie nun eine erste Bilanz ziehen würden: Wo liegen derzeit Ihre Erfolge und wo sehen Sie noch “politischen Nachholbedarf”?

Ilse Aigner: Wir haben in den vergangenen Jahren in entscheidenden Zukunftsthemen sehr viel erreicht. So haben wir mit den beiden Masterplänen zur Digitalisierung die digitale Infrastruktur, aber auch Forschung und Vernetzung entscheidend vorangebracht. Insgesamt wenden wir fünf Mrd. Euro auf, um Bayerns Wirtschaft wettbewerbsfähig zu halten und zukunftsfest aufzustellen.

Dabei geht es mir insbesondere auch darum, dass kleine und mittlere Betriebe in die Digitalisierung investieren, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, ihre Produktivität zu erhöhen und neue innovative Angebote zu machen. Dafür habe ich den Digitalbonus ins Leben gerufen, der auch enorm nachgefragt wird. Er bietet schnelle, einfache und effektive Unterstützung für kleine und mittlere Betriebe bei der konkreten Umsetzung der Digitalisierung. Weil so viele Betriebe die Chance ergreifen wollen, stocken wir die Mittel jetzt noch mit weiteren 100 Millionen Euro auf. Das gibt einen enormen Schub für die Digitalisierung des Mittelstandes.

VWheute: Welches Thema ist Ihnen noch wichtig?

Ilse Aigner: Ein weiteres Thema, das mir persönlich sehr am Herzen liegt, ist die Stärkung der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Ich habe daher am 24. Juli dieses Jahres dem Kabinett den ‘Pakt für berufliche Bildung’ vorgestellt und diesen im Anschluss gemeinsam mit allen beteiligten Partnern (IHK, HWK, vbw, StMAS, StMBW sowie der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit) unterzeichnet. Dieser sieht zusätzliche Mittel des Staates und der Wirtschaft vor, um die Qualität und den Stellenwert der beruflichen Aus- und Weiterbildung in der Öffentlichkeit zu stärken.

Trotz dieser Erfolge ist es wichtig, dass wir auch bei den anderen Themen nicht locker lassen. Wir müssen weiterhin dafür kämpfen, die Wettbewerbsfähigkeit gerade beim Mittelstand zu sichern. Dazu gehört für mich die Steuerliche FuE-Förderung. Diese darf auch nicht anstelle, sondern muss ergänzend zur erfolgreichen Projektförderung erfolgen. Zudem brauchen wir bessere Anreize für Wagniskapital, zum Beispiel eine steuerwirksame Sofortabschreibungsmöglichkeit beim Erwerb von Anteilen an begünstigten Start-ups und eine Umsatzsteuerbefreiung auf Verwaltungsleistungen bei Wagniskapitalfonds.

VWheute: Bayern gehört bekanntlich zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Bundesländern in Deutschland. “Lederhosen und Laptop” lautet ein geflügeltes Sprichwort, welches einst vom ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog beinahe liebevoll eben jene schlagkräftige Einheit und Altbewährtem und Zukunftsorientierung beschreibt. Was können andere Bundesländer Ihrer Meinung nach von Bayern lernen? Und “wie viel Bayern” verträgt Deutschland?

Ilse Aigner: Am bayerischen Erfolg sieht man, dass eine gute Wirtschaftspolitik auf Landesebene sehr viel bewirken kann. Nicht vermeintliche sozialpolitische Wohltaten kombiniert mit neuen bürokratischen und finanziellen Belastungen für unsere Unternehmen und Leistungsträger, sondern wirtschaftlicher Erfolg ist die Grundlage für Wachstum, Wohlstand und Arbeitsplätze. Wir müssen daher – sowohl in den Ländern als auch in Berlin wieder mehr über das Erwirtschaften und weniger über das Umverteilen sprechen. Um Zukunftschancen aktiv anzugehen, müssen wir Anreize für Investitionen und Innovationen setzen.

Neben den wichtigen wirtschaftspolitischen Impulsen sind solide Staatsfinanzen elementar für eine nachhaltige Politik. Eine nachhaltige Haushaltspolitik ist eine Frage der langfristigen wirtschaftspolitischen Handlungsfähigkeit sowie der Generationengerechtigkeit: Wir wollen nicht auf Kosten unserer Kinder und Kindeskinder leben. Wozu das führt, sehen wir in vielen südeuropäischen Ländern. Deswegen ist unser Ziel nicht nur, in den kommenden Jahren ohne Nettoneuverschuldung auszukommen, sondern auch, Schulden abzubauen und langfristig schuldenfrei zu bleiben.

VWheute: Werfen wir einen kleinen Blick auf den Versicherungsstandort Bayern: Mit Global Playern wie der Allianz und der Munich Re, aber auch regional verwurzelten Unternehmen – Stichwort: Versicherungskammer Bayern, Nürnberger oder Huk-Coburg – gehört der Freistaat zweifelsohne zu den bundesweit wichtigsten Branchenstandorten. Warum ist gerade Bayern aus Ihrer Sicht so beliebt bei Versicherern und was hat Bayern zu bieten, was andere nicht haben?

Ilse Aigner: Die Ansiedlung so vieler herausragender Unternehmen der Versicherungsbranche in Bayern ist natürlich ein Stück weit historisch bedingt. Allerdings hat es die Bayerische Staatsregierung seit jeher sehr erfolgreich geschafft, ein ideales Umfeld für Wachstum zu gestalten. An diese Politik knüpfen wir an und bereiten die Branche auf die kommenden Herausforderungen vor.

Ein ganz zentrales Thema ist auch in der Versicherungswirtschaft die Digitalisierung. Angetrieben durch diese Entwicklung wird sich die Versicherungsbranche mit vielen anderen Industriebranchen und Technologiethemen enger vernetzen. Mobilität, Gesundheit, intelligent vernetzte Maschinen und Anlagen sind Produktbranchen, in denen auch Versicherungsleistung neu gedacht werden muss. Neue Technologiethemen, wie Blockchain, Künstliche Intelligenz, Smart Data Analysis sind schon heute konkrete Anwendungsfelder für das künftige Versicherungsgeschäft.

Bayern bietet das perfekte Ökosystem aus global agierender hoch-technologisierter Industrie in verschiedensten Branchen, exzellenten Forschungseinrichtungen und ein große innovative und dynamische Startup-Szene. Diese Vernetzung über Unternehmensgrößen und Branchen hinweg fördern wir bereits heute sehr erfolgreich.

VWheute: Die bayerischen Versicherungsunternehmen wollen München mit der Gründung eines “Insurtech Hubs” zu einem globalen Knotenpunkt der Digitalisierung ausbauen. Unterstützt wird das Projekt vom Bund sowie vom Freistaat Bayern. Was versprechen Sie sich von einem solchen Projekt?

Ilse Aigner: Der Versicherungsstandort Bayern ist der größte Deutschlands und vereint eine aktive Szene aus erfolgreichen Regional- und Spezialversicherungen sowie internationalen Konzernen wie Allianz, Munich Re, Generali oder Huk-Coburg. Anspruch der beteiligten Partner ist es, einen InsurTech Hub zu schaffen, der im weltweiten Wettbewerb bestehen kann sowie an vorderster Front die digitale Transformation der Versicherungswirtschaft gestaltet.

Wir wollen auch künftig als Versicherungsstandort attraktiv für die besten internationalen Insurtech-Startups bleiben. Im Silicon Valley, London und Singapur entstehen bereits Wissenszentren für Insurtech. Dies ist der Maßstab, an dem sich der Hub in den nächsten Jahren orientieren wird. Hier wollen wir vorne mitspielen. Daher fördern wir den Insurtech Hub München.

VWheute: Schauen wir nun auf die Bundestagswahlen im September: Derzeit gehören die Rente und das duale Gesundheitssystem zu den größten politischen Baustellen. Wie halten Sie es mit einer vernünftigen Altersversorgung für die Menschen in Deutschland und wo sehen Sie dabei die Versicherer?

Ilse Aigner: Für eine zukunftsfähige Altersvorsorge müssen wir alle drei Säulen im Blick haben: Wir brauchen erstens eine gesetzliche Rente, die langjährigen Beitragszahlern ein Alterseinkommen in ausreichender Höhe ermöglicht. Hier müssen wir einen vernünftigen Mittelweg zwischen Beitragshöhe und Rentenniveau finden.

Gleichzeitig müssen wir zweitens die betriebliche Altersvorsorge noch attraktiver ausgestalten. Es bleibt abzuwarten, ob die Reformen der großen Koalition greifen. Und schließlich brauchen wir drittens gute Rahmenbedingungen für die private Vorsorge. Die Versicherer sind in diesem Dreiklang ein wichtiger Partner für die Politik.

VWheute: Stichwort PKV: Die SPD, Grünen und Linken bevorzugen ja eher das Modell der Bürgerversicherung. Wie bewerten Sie diese Pläne? Und fürchten Sie nicht, dass die PKV nicht doch ein Zweiklassen-Gesundheitssystem fördert? Kurzum: Wie sieht für Sie die ideale Krankenversicherung aus?

Ilse Aigner: SPD, Linken und Grünen fordern in ihren Wahlprogrammen die Abschaffung des bewährten Zwei-Säulen-Modells bestehend aus privater und gesetzlicher Versicherung und die Einführung einer Einheitsversicherung. Zudem spricht man sich für Beitragssatzparität sowie Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze von derzeit 52.200 Euro auf 76.000 Euro aus; die Linke plädiert sogar für eine völlige Abschaffung.

Eine solche Reform lehne ich rundweg ab: Einerseits hatte sie einen deutlichen Anstieg der Lohnnebenkosten zur Folge. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung geht von (kurzfristigen) Mehrbelastungen für Unternehmen durch die Bürgerversicherung von rund 12,5 Mrd. Euro aus, Anpassungsreaktionen auf dem Arbeitsmarkt noch nicht eingerechnet.

Eine weitere Erhöhung der ohnehin schon vergleichsweise hohen Lohnkosten in Deutschland hätte erheblichen Wettbewerbsnachteile zur Folge. Anderseits ist mit einer solchen Reform auch keine Entlastung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verbunden, da sie deren Beitragssätze nicht reduziert. Eine solche Reform macht daher schlichtweg keinen Sinn.

VWheute: Ein kleiner persönlicher Ausblick: Sie gelten seit langem als potenzielle “Kronprinzessin” von Ministerpräsident Horst Seehofer. Wie sehen Sie Ihre Chancen, demnächst in die Fußstapfen eines Franz-Josef Strauß, eines Edmund Stoiber oder Horst Seehofer zu treten?

Ilse Aigner: Über dieses Thema mache ich mir derzeit überhaupt keine Gedanken. Ich bin Wirtschaftsministerin in Bayern, eine Aufgabe die mir sehr viel Freude bereitet. Für die Bundestagswahl haben wir die CSU inhaltlich und personell sehr gut aufgestellt; und alles andere werden wir sehen.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

Bild: Ilse Aigner ist stellvertretende Ministerpräsidentin des Freistaates Bayern und Bayerische Staatsministerin für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie. (Quelle: Bayerisches Wirtschaftsministerium)

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