Versicherungswirtschaft-heute

          Mobilversion

 


- Anzeige -

Insurtech Trends: Von Blockchain über Pull-Plattformen bis zur Künstlichen Intelligenz

28.04.2017 – Digitalisierung_GDVVon Reggy de Feniks und Roger Peverelli, die Gründer der im Mai stattfindenen weltweit größten Konferenz für Insurtechs “Digital Insurance Agenda”: Trendprognosen tauchen gerade zu Beginn des Jahres an jeder Ecke auf. Doch ein wirklicher Trend ist mehr als nur eine hippe Idee, denn Innovationen müssen auch umsetzbar sein. Wir beobachten den Markt seit über 20 Jahren und haben die zehn wichtigsten Entwicklungen für die Branche herausgesucht.

Als Berater für mehrere Blue-Chip-Unternehmen, Sprecher auf Konferenzen und Teilnehmer an Vorstandssitzungen, treffen wir täglich Führungskräfte von Versicherungen. Daher haben wir eine gute Vorstellung davon, was gerade ganz oben auf ihrer Agenda steht, mit welcher Geschwindigkeit der angestrebte Wandel tatsächlich stattfinden wird und welche Insurtech-Lösungen dazu geeignet sind, die geplanten Vorhaben zu realisieren. Diese Einblicke sind es, die wir in den zehn Top Insurtech-Trends zusammenfassen und anhand von Unternehmen veranschaulichen, die wir auf unserer ersten Konferenz, der Digital Insurance Agenda 2016 in Barcelona, kennengelernt haben.

Trend 1: Massive Kosteneinsparungen durch Digitalisierung bei Forderungen, Betrieb und Kundenakquise

Der Trend zu Kosteneinsparungen durch Digitalisierung von Abläufen ist nicht unbedingt etwas Neues, wird aber noch in diesem Jahr deutlich an Fahrt gewinnen. Digitalisierung ist absolut notwendig, um Prozesse zu verbessern und Kosten zu senken. Nahezu jeder Versicherer, egal ob groß oder klein, wird nach Wegen suchen, um in jedem Kosten verursachenden Bereich effizienter zu arbeiten. Dazu gehören beispielsweise Schadenaufwendungen, Betriebskosten oder Kundenakquisitionskosten. Technologiekäufe und -investitionen von Versicherungsunternehmen werden in diesen Bereichen weiter wachsen – ebenso Insurtechs, die Lösungen in diesem Bereich anbieten.

Mit der CynoClaim-Lösung von OutShared können beispielsweise mehr als 60 Prozent aller Forderungen automatisch verwaltet werden, was zu niedrigeren Kosten und erhöhter Kundenzufriedenheit führt. Die ersten Ergebnisse: bis zu 50 Prozent Rückgang der Kosten, 40 Prozent Anstieg der Kundenzufriedenheit. Die Lösung braucht sechs bis neun Monate, um implementiert zu werden – was für die Versicherungsbranche extrem schnell ist.

Trend 2: Innovationen für die Kundenbindung

Trotz der vielen Vorteile sind digitalisierte Prozesse und Kostenminimierung keine bahnbrechenden Innovationen. Keinem Versicherer ist es bisher gelungen, seine operative Leistungsfähigkeit zu einem nachhaltigen Wettbewerbsvorteil zu machen. Immer mehr Unternehmen erkennen, dass Innovation in Sachen Kundenbindung der nächste Schritt in der digitalen Transformation ist. Aus Kundensicht geht es also nicht um einen neuen Look des Versicherungsdienstleisters, sondern um eine komplette “Verjüngungskur”.

Beispiel: Amodo verbindet Versicherungsunternehmen mit der neuen Kundengeneration. Mit der Kunden-Suite von Amodo nutzen Versicherungen alle digitalen Kanäle und Geräte, um Kunden zu gewinnen und zu binden. Amodo sammelt Daten von Smartphones sowie anderen Endgeräten und baut damit umfassende Kundenprofile auf, um bessere Einblicke in das Gefahrenpotential und die Bedürfnisse der Kunden zu erhalten. Nach der Analyse können Risikopräventionsprogramme, individuelle Preisgestaltung sowie personalisierte Versicherungsprodukte auf den Markt gebracht werden.

Trend 3: Das Internet der Dinge kommt: Datenanalyse und künstliche Intelligenz

Viele Versicheer haben in den letzten Jahren IoT-Initiativen begonnen, insbesondere im Bereich der Kfz-Versicherungen. Italien ist hier ganz klar Vorreiter. Hausversicherungen sowie Kranken- und Lebensversicherungen hinken dagegen hinterher. Alle Pilotprojekte haben den Versicherern bisher gezeigt, dass ihnen die Kenntnisse im Umgang mit Daten fehlen, um mit all den neuen Datenströmen fertig zu werden. Es fehlt vor allem die Fähigkeit, diese Daten in neue Erkenntnisse zu verwandeln und daraus Kundenbindungsmaßnahmen zu entwickeln. Insurtechs, die an hochentwickelten Datenanalysen, maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz arbeiten, haben das Potenzial, das Internet der Dinge für die Versicherungsbranche zugänglich zu machen. BigML, Gewinner des DIAmond Award 2016, hat eine maschinelle Lernplattform aufgebaut, die zu diesem Zweck fortschrittliche Analysen für Unternehmen aller Größenordnungen entwickelt.

Trend 4: Die Bedenken hinsichtlich Privatsphäre und Datenschutz ausmerzen

Viele Verbraucher denken bei großen Datenmengen gleich an Überwachung. Versicherungen, die über die Verwendung von persönlichen Daten nachdenken, müssen sich das Vertrauen erst hart erarbeiten. Ziemlich verständlich. Um die Vorteile von vernetzten Geräten und den damit eingehenden Daten wirklich zu nutzen, müssen sich die Versicherungen um ihre Datenschutzbestimmungen kümmern.  Traity, ein weiterer Gewinner des DIAmond Award 2016, ermöglicht es Verbrauchern, ihre eigene Reputation zu “besitzen”. Traity nutzt alle möglichen neuen Datenquellen wie Facebook, AirBnB und LinkedIn, um Kunden zu helfen, ihre Vertrauenswürdigkeit zu zeigen. Die Münchener Rück Rechtsschutzmarke DAS hat mit Traity zusammengearbeitet, um neue Dienstleistungen anzubieten.

Trend 5: Kontextuelle Pull-Plattformen

Die Märkte haben sich von Push- zu Pull-Märkten verschoben. Bisher haben die meisten Versicherer ihre Kundenbindungsstrategien jedoch kaum angepasst. Im Jahr 2017 werden wir die Umstellung zu Pull-Plattformen als Teil der Anpassung der Kundenbindungsmaßnahmen beobachten. Während es bei Push-Lösungen darum geht, dem Kunden Produkte aufzudrängen, geht es in einem Pull-Markt darum, das Bedürfnis des Kunden zu verstehen und eine Lösung dafür zu finden. Risikoüberlegungen von Kunden passieren in der Regel nicht im Büro des Versicherungsmaklers, sondern in diversen Lebenssituationen. Versicherer müssen in diesen Situationen des täglichen Lebens präsent sein und neue Dienstleistungen über die traditionellen Produkte hinaus anbieten. VitaHealth Software, gegründet unter anderem von der US-amerikanischen Mayo Clinic, hat E-Health-Lösungen insbesondere für Menschen mit chronischen Krankheiten wie Diabetes, Krebs und Alzheimer entwickelt. Alle Lösungen haben Zugang zu den elektronischen Gesundheitsakten. Die VitalHealth Software wird beispielsweise von OSDE, dem größten Krankenversicherer in Argentinien, verwendet.

Trend 6: Das Marktplatzmodell wird die Versicherungen erobern

Das Marktplatzmodell kommt bereits im Banking auf und auch die Versicherungsbranche wird bald folgen. So gut wie jede Versicherung bietet eine Bandbreite an eigenen Produkten an. Alles wird inhouse entwickelt. Immer mehr Träger realisieren, dass man einfach nicht der Beste in jedem Segment sein kann und dass die Ressourcen zu knapp sind, um mit jeder neuen Entwicklung mithalten zu können. Auf einem Marktplatz bieten die Versicherer ihren Kunden Zugang zu Drittanbietern mit den besten Produkten, der besten Kundenzufriedenheit und den niedrigsten Kosten. Axa hat sich mit Trōv, ebenfalls DIAmond Award-Gewinner 2016, zusammengetan, um britische Millenials gezielt anzusprechen. Trōv bietet maßgeschneiderte Hausratversicherungen an, bei denen – im Gegensatz zu standardisierten Lösungen – individuelle Gegenstände wie Laptops, Fahrräder oder teure Kopfhörer mit abgedeckt werden.

Trend 7: Offene Architektur

Ein neues Ökosystem aus Akteuren, die Daten sammeln (zum Beispiel Hersteller von Connected Devices wie Smartphones und Wearables) und Akteuren, die neue Nutzenversprechen auf Grundlage dieser Daten entwickeln, zeichnet sich ab. Versicherer müssen in Zukunft noch viel mehr mit Unternehmen aus diesem Ökosystem kooperieren. Die Backbase Omnichannel-Plattform basiert auf diesen offenen Architektur-Prinzipien. Sie nutzt die Kapazitäten bestehender Versicherungs-Systemverwaltungen und fügt eine moderne Customer-Experience-Ebene hinzu. Dazu haben sie Direct-to-Consumer-Portale ins Leben gerufen und bieten damit sowohl die Möglichkeit, die besten neuen Apps zu integrieren als auch Vertreter- und Arbeitnehmer-Portale zu verbessern. Swiss Re, Hiscox und Legal & General nutzen die Plattform bereits.

Trend 8: Blockchain wird aus dem Experimentierstadium ausbrechen

Als Goldman Sachs, Morgan Stanley und Banco Santander entschieden, die R3 Blockchain-Gruppe zu verlassen, war das für viele ein Beweis dafür, dass die Blockchain-Technologie offenbar nicht so vielversprechend war, wie ursprünglich erwartet. Das Gegenteil ist richtig. Es ist nicht ungewöhnlich, einer Arbeitsgemeinschaft beizutreten, um die Lernkurve zu beschleunigen, dann auszusteigen und das neu gewonnene Wissen zu nutzen, um eigene Modelle umzusetzen. Besonders mit einer Technologie, die so leistungsfähig wie Blockchain ist. Wir glauben, dass bei der B3i-Initiative kein ähnliches Szenario stattfinden wird, da der Gedanke an Kooperation und Ökosysteme inzwischen tiefer im Bewusstsein der Versicherungsindustrie verankert ist. Außerdem gibt es eine Reihe an Use-Cases, die beides vereinen: sowohl die Verbesserung der operativen Leistung und Kosteneffizienz als auch die Kundenbindung.

Everledger greift beispielsweise die teuren Betrugs- und Diebstahlprobleme der Diamantenindustrie an. Das Unternehmen bietet ein unveränderbares Hauptbuch für Diamantbesitz und verwandte Transaktionsverlaufsüberprüfung für Versicherer. Das System nutzt die Blockchain-Technologie, um Objekte kontinuierlich zu verfolgen. Durch Everledgers Anwendungsprogrammierschnittstelle kann jeder von ihnen aktuelle Daten über den Status eines Steins aufrufen und bereitstellen, einschließlich Polizeiberichten und Versicherungsansprüchen.

Trend 9: Nutzung von Algorithmen in der Beratung

Algorithmen, die menschliche Berater ersetzen, sind momentan das Lieblingsthema der Presse. Computer-Beratung wird sicher Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben und aus Kostensicht mag sie attraktiv erscheinen. Aus Kundensicht könnte das aber anders aussehen. Um nah an ihren Kunden zu bleiben, müssen Finanzinstitute Emotionen aufbauen. Menschen reagieren nicht wie Maschinen, sondern mit Emotionen, Empathie, Leidenschaft und Kreativität. Banken und Versicherer müssen auch digital eine ähnliche Verbindung herstellen. Mit so vielen Menschen, die in Finanzinstituten arbeiten, gibt es doch auch die Möglichkeit, das Beste aus beiden Welten zu schaffen. Wir sehen bereits die ersten Versicherer, die maschinelle Beratung einsetzen, um menschliche Berater, Makler und Vertreter zu unterstützen. AdviceRobo versorgt Versicherer mit präventiven Lösungen, die Daten aus strukturierten und unstrukturierten Quellen und maschinellem Lernen kombinieren. Daraus lässt sich das Risikoverhalten der Verbraucher vorhersagen – zum Beispiel über Ausfall, Schulden, Vorauszahlungen und die Wahrscheinlichkeit der Kündigung.

Trend 10: Symbiotische Beziehung mit Insurtechs

Versicherer und Insurtechs werden viel intensiver zusammenarbeiten. Alle Beispiele, die in den letzten neun Trends genannt wurden, machen dies deutlich. Versicherungsunternehmen werden in naher Zukunft nach Wegen suchen, um noch mehr von den Insurtechs zu lernen, in die sie investieren. Dabei geht es sowohl um spezifische Fähigkeiten als auch um konkrete Lösungen. Aber auch die Arbeits- und Unternehmenskultur der Insurtechs kann für die etablierten Organisationen interessant sein. Wir sehen eine wachsende Zahl von Versicherern, die schlanke Startup-Methoden verwenden und die inhouse Accelerators und Inkubatoren geschaffen haben, um Innovationen im Unternehmen zu beschleunigen. Die Aviva Digital Garages in London und Singapur sind dafür perfekte Beispiele. Sie sind keine Ideenlabors, sondern sie betreiben Avivas digitales Business. Von MyAviva bis zu einigen der Startups, in die Aviva Ventures investiert – alle sitzen unter einem Dach und bilden eine Einheit, um Synergien auf mehreren Ebenen zu nutzen.

Die Autoren sind die Gründer der Digital Insurance Agenda, die am 10. und 11. Mai in Amsterdam stattfindet, und sowohl für die jungen Insurtechs als auch für die Entscheider aus alteingesessenen Versicherungsunternehmen die Gelegenheit bietet, sich in zwei Tagen auf den aktuellen Stand zu bringen.

Bildquelle: GDV

- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

 

VVW | Kontakt | AGB | Datenschutzerklärung | Impressum | Mediadaten