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“Geriatrie ist kein Add-on, sondern bessere Versorgung”

07.02.2017 – Dr. Norbert Luebke Kompetenz-Centrum GeriatrieHeute treffen sich auf dem Fachkongress “Health Aktuell: Geriatrie 2017″ in Köln führende Experten im Bereich Geriatrie zusammen, um über die Zukunft der Altersmedizin zu diskutiern. VWheute hat einen der prominentesten Köpfe zum Gespräch gebeten: Norbert Lübke, Leiter, Kompetenz Centrum Geriatrie des GKV-Spitzenverbands und der MDK-Gemeinschaft.

Die immer älter werdende Gesellschaft stellt die sozialen Sicherheitssysteme vor immer größere Probleme. Kann die Geriatrie ein Teil der Lösung sein, oder ist sie gar ein Teil des Problems? VWheute hat nachgefragt.

VWheute: Lassen Sie uns mit einem Zitat beginnen: “Wir gewinnen im statistischen Mittel zwei, drei Jahre pro Jahrzehnt”. Welche Auswirkungen hat das auf die Gesellschaft, die soziale Absicherung (Rente/Krankenversicherung) und die Medizin?

Norbert Lübke: Im Jahr 2050 werden knapp 30 Prozent der Deutschen über 65 und gut zwölf Prozent über 80 Jahre alt sein. Die Rolle des gesellschaftlichen Beitrags alter Menschen wird entsprechend zunehmen. Fragen des Generationenausgleichs müssen neu gestellt werden. Bei vielen Menschen besteht die Sorge, dass die Kosten im Gesundheitswesen und für die Pflege massiv steigen werden.

Es gibt jedoch ermutigende Hinweise darauf, dass dieses längere Leben auch länger in Gesundheit möglich ist, sich die Zeiten des Lebens in Krankheit und Behinderung sogar verkürzen könnten. Wir diskutieren das unter dem Schlagwort “Compression of morbidity”. Die entscheidenden Hebel hierfür sind der medizinische Fortschritt und präventive Maßnahmen.

VWheute: Wo sind die Grenzen der Geriatrie –finanziell und medizinisch? Was kann sofort verbessert werden?

Norbert Lübke: Prävention ist natürlich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die schon früher einsetzen muss. Die Geriatrie hat bisher ihren Schwerpunkt in der Versorgung alter Menschen mit meist schon mehreren Erkrankungen. Hier gilt es daraus resultierende Beeinträchtigungen und insbesondere natürlich Pflegebedürftigkeit soweit wie möglich abzuwenden oder hinauszuzögern. Sie handelt also nach dem Grundsatz: Nicht primär dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben geben. Insofern trifft die Sorge, alte Menschen kosteten die Krankenkassen doch schon so viel Geld und jetzt wolle die Geriatrie noch einen draufsetzen, den Kern nicht.

Gute Geriatrie ist meines Erachtens keine Add-on, sondern schlicht eine bessere Versorgung. Besser durch ihren klaren Fokus, nicht alles zu behandeln, was der alte Mensch an Krankheiten bei ausreichender Suche immer “hergibt”, sondern gezielt das, was etwas zum Erhalt und weitest möglicher Verbesserung von Selbständigkeit und Lebensqualität (und umgekehrt zur Verzögerung von Pflegebedürftigkeit) beiträgt. Das ist es, was für den alten Menschen wirklich zählt.

Um hier Ihre einleitende Bemerkung aufzugreifen: Teil des Problems ist nicht die Geriatrie, sondern eine stark zunehmende, leider weitgehend unkoordinierte Spezialisierung der Medizin unter der Vorstellung, alles was heute medizinisch-technisch möglich sei, nütze diesem Ziel. Das Gegenteil ist oft der Fall: Patienten mit 10-15 und mehr Medikamenten, von denen jedes nach irgendeiner Behandlungsleitlinie für irgendeine ihrer vielen Erkrankungen indiziert sein mag.

Und trotzdem geht es den Patienten nicht gut und oft besser, wenn die richtige Hälfte weggelassen wird. Weniger kann mehr sein. Umgekehrt wird in unserer heutigen Medizin aber auch der Beitrag anderer Maßnahmen – hier denke ich insbesondere an rehabilitative Interventionen – für diese Ziele unterschätzt.

VWheute: Wie sollte die geriatrische Versorgung in Deutschland aufgezogen werden, damit sie den Ansprüchen der Betroffenen und der Beitragszahler gerecht wird?

Norbert Lübke: Wir müssen zum einen mehr in eine bessere geriatrische Basisqualifizierung der Ärzte investieren. Eben nicht nur bei Spezialisten , sondern vor allem auch in der breiten hausärztlichen Versorgung. Gleichzeitig brauchen wir zur Entlastung der Ärzte den flankierenden Aufbau von Case- und Caremanagementstrukturen. Lange nicht alle Sorgen und Beschwerden alter Menschen in unseren Praxen sind medizinische Herausforderungen im engeren Sinne.

Vielfach stecken Fragen der sozialen Einbindung, des Wohnumfeldes, adäquater Hilfsmittel und personaler Unterstützung dahinter. Diese Fragen haben eine große Bedeutung im Alter, können aber oft nicht von den Ärzten, sondern oft viel besser von anderen Berufsgruppen Lösungen zugeführt werden. Daneben halte ich Screeningangebote zur frühzeitigen Erkennung entstehender Beeinträchtigungen und entsprechend frühzeitigem und konsequentem Einsatz sprechender Gegenmaßnahmen, nicht erst wenn der alte Mensch “in den Brunnen gefallen” ist, für sinnvoll.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz

Bild: Norbert Lübke (Quelle: privat)

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