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“Führung und Auftritt werden sich ändern”

27.06.2017 – christoph_netta_headsSeit einigen Jahren erleben die deutschen Versicherer einen rasanten Wechsel in den Führungsetagen. Patriarchen vom Typus eines Nikolaus von Bomhard folgen junge und agile Konzernlenker à la Oliver Bäte und Thomas Buberl. Althergebrachte hierarchische Strukturen seien heute aus der Mode, sagt Christoph Netta im Exklusiv-Interview mit der Versicherungswirtschaft.

Versicherungswirtschaft: Die Digitalisierung verändert das Image der Versicherer. Braucht man deswegen junge und agile Führungskräfte?

Christoph Netta: Wie andere Industrien auch, wird die Digitalisierung die Versicherungswirtschaft zügig und nachhaltig verändern. Aber der Veränderungsprozess wird nicht so schnell kommen, wie wir es bislang in anderen Industrien gesehen haben. Die Digitalisierung hat zunächst banale Geschäftsmodelle ersetzt wie den Stellenmarkt in den Zeitungen oder den Vertrieb von Musiktiteln.

Es macht einen großen Unterschied, ob man Bücher ins Netz stellt oder eine komplexe, regulierte Industrie digitalisieren will. Natürlich braucht die Versicherungswirtschaft agile Führungskräfte wie die beiden genannten prominenten Beispiele. Es gibt darüber hinaus aber eine Vielzahl von Herren übrigens aber auch von hochtalentierten Damen.

Vergessen Sie bitte nicht, dass wir von einer Industrie sprechen, die mit über die bestens ausgebildeten Manager verfügt. Dagegen völlig vergessen können wir das Klischee von der tollen jungen Nachwuchskraft in Sneakers und Hoodie. Wenn es nur danach geht, wäre mein 17-jähriger Pflegesohn schon längst CEO.

Versicherungswirtschaft: Patriarchen alter Schule sind bei Versicherern als CEO nicht mehr gefragt. Gleichzeitig holt man die Ex-Vorstände oft direkt in den Aufsichtsrat. Kann dadurch überhaupt ein echter Wandel vollzogen werden und welche Risiken birgt das?

Christoph Netta: Die Patriarchen alter Schule gibt es tatsächlich nicht mehr. Die Fälle, die Sie vielleicht im Auge haben, wird es künftig nicht mehr geben. Es gibt dagegen sehr positive Beispiele. Denken Sie nur an den neuen Aufsichtsratschef der Allianz. Trotz seines Alters ist Michael Diekmann sicherlich agiler und für neue Themen aufgeschlossener als so mancher junger Kollege.

Versicherungswirtschaft: Althergebrachte hierarchische Strukturen mit entsprechenden Verhaltensmustern lehnen junge Führungskräfte ab. Warum sollte der neue Managertypus überhaupt bei einem Versicherer anfangen, wenn er diese Strukturen im ganzen Konzern erst aufbrechen muss, damit er damit Erfolg hat?

Christoph Netta: Die Frage ist zu kurz gegriffen. Vergessen wir nicht: absichern, finanzieren und vorsorgen gehören wie auch die Mobilität zu den elementaren Grundbedürfnissen der Menschen. Und die Versicherungswirtschaft ist eine der finanzstärksten Industrien im Lande.

Das hat eine starke Anziehungskraft. Sprechen Sie mit den diversen Insurtech Gründern. Die sind nicht nur von dem Thema Versicherung begeistert sondern haben den ureigensten Wert dieser Industrie verstanden. Und nicht alle Hochschulabgänger sind IT- und Techno- Nerds. Die Mischung aus beiden Welten wird uns in der Zukunft bereichern. Kultur und Führung werden sich ebenso ändern wie der Auftritt, die einen mit, die anderen ohne Krawatte.

Und vergessen wir bitte nicht: Die jungen Fintechs haben Ideen aber kein Geld und keine Kunden, die Versicherungen dagegen haben Geld und Millionen Kunden aber keine Ideen. Die Kunst wird darin liegen, beide Welten zusammenzubringen.

Die Fragen stellte VW-Redakteur David Gorr.

Bild: Christoph Netta ist Managing Partner von Heads. (Quelle: Heads)

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