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“Finanziell steht bei Olympia sehr viel auf dem Spiel”

09.02.2018 – MichaelFurtscheggerHeute starten im südkoreanischen Pyeongchang die Olympischen Winterspiele. Für die Versicherer nicht unbedingt ein Anlass zum Feiern. Die Risiken sind aufgrund der politischen Spannungen um den unberechenbaren nördlichen Nachbar kaum einzuschätzen. Das spiegelt sich auch in der versicherungstechnischen Bewertung für Ausfalldeckungen wieder. Im Interview spricht AGCS-Manager Michael Furtschegger über die größten Gefahren.

VWheute: Wie bewerten Sie die Sicherheitslage für die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang – vor allem mit Blick auf die politischen Spannungen um Nordkorea – aus versicherungstechnischer Sicht?

Michael Furtschegger: Die Teilnahme Nordkoreas an den Winterspielen hat zu einer Deeskalation des Konflikts zwischen Nord- und Südkorea beigetragen. Beobachter rechnen nicht mit neuerlichen Waffentests oder Provokationen. Gleichwohl bleibt die politische Situation angespannt. Daher sind die Sicherheitsrisiken für die Spiele in Pyeongchang höher einzuschätzen als bei vorangegangenen Olympischen Spielen. Das spiegelt sich auch in der versicherungstechnischen Risikobewertung für Ausfalldeckungen wieder. Diese würde den Organisatoren in- und außerhalb des Gastgeberlands finanziellen Ausgleich zusichern, wenn die Spiele wegen Kriegsgefahr bzw. -androhung von offizieller Seite abgesagt würden.

Andere Ausfallsrisiken wie Terror oder die Gefahr einer Seuche fallen dagegen bei den Winterspielen in Südkorea weniger ins Gewicht. Diese waren bei früheren Spielen deutlich kritischer – denken Sie an das grassierende Zika-Virus in Brasilien oder die Terrorgefahr bei den Spielen in Sotschi oder in London. Dagegen könnten Cyberangriffe bei den Spielen in Südkorea durchaus ein größeres Thema werden. Denkbare Szenarien sind nur durch den Einfallsreichtum von Hackern begrenzt: Diese könnten sich beispielsweise in die Video Walls einloggen und Panik in den Stadien verbreiten, die Wettkampfergebnisse manipulieren oder die Zahlungsdaten von den Smartphones der Gäste stehlen. Durch die allgegenwärtige Vernetzung und Digitalisierung sind die Olympischen Spiele – wie jede andere Organisation auch – zunehmend angreifbar.

VWheute: Der Präsident des Deutschen Skiverbands, Franz Steinle, sagte kürzlich, dass es keinen Plan B gäbe. Bei einer Bedrohung würden die Spiele ausfallen. Wie steht es um die wirtschaftlichen Folgen einer Absage?

Michael Furtschegger: Eine Absage  oder ein Ausfall von Olympischen  Spielen wäre ein noch nie  dagewesenes Ausnahmeereignis. Historisch ähnelt die gegenwärtige Situation in Südkorea jener der Sommerspiele 1984 in Los Angeles: In einer Hochphase im “Kalten Krieg” wurden die Spiele trotz Boykotts einiger Staaten erfolgreich durchgeführt. Bisher wurden die Olympischen Spiele immer abgehalten und eine kurzfristige Verlegung oder wie ein auch immer gearteter Plan B wären aufgrund der Größe dieses Events nur schwer umsetzbar. Sollte es wider Erwarten – das ist jetzt rein spekulativ – zu einer akuten Bedrohung oder gar Kriegshandlung und  damit zu einer Absage der Spiele kommen, wären die wirtschaftlichen Folgen weitreichend.

Es steht finanziell so viel auf dem Spiel wie bei keinem anderen Großsportereignis: Werbegelder und Übertragungsrechte, milliardenschwere Investitionen im Gastgeberland und von Sponsoren, die Vorbereitung und der finanzielle Einsatz der nationalen Sportdelegationen und nicht zuletzt all die privaten Reiseaufwendungen von Millionen aus aller Welt angereisten Zuschauer. Die Kosten der Olympischen Winterspiele in Sotschi, die als die bisher teuersten gelten, beliefen sich auf 50 Milliarden US-Dollar. Wenn solchen enormen Ausgaben keine Einnahmen gegenüberstehen, kann man sich die verheerende wirtschaftliche Bilanz vorstellen.

VWheute: Welche Konsequenzen hätte das für die Versicherungsindustrie?

Michael Furtschegger: Wenn man das Szenario einer Absage oder eines Abbruchs weiter durchspielt, wären die Folgen für die Versicherungsindustrie natürlich ebenfalls erheblich. Hier wären in erster Linie die führenden Rückversicherer und globalen Industrieversicherer betroffen, die über Konsortien Veranstaltungsausfalldeckungen tragen, die die Organisatoren mit hohen Kapazitäten in der Regel bereits einige Jahre im Voraus abschließen. Eine Absage träfe dann in zweiter Reihe auch viele weitere Versicherer, die finanzielle Interessen von nationalen Unternehmen oder Sponsoren versichern, Reiseausfallpolicen anbieten oder über zahlreiche andere Deckungen indirekt betroffen sein könnten. Ein anderes Szenario wäre ein Terroranschlag mit Verletzten oder Todesopfern, der nicht zwangsläufig zu einem Abbruch führen müsste. Hier würden dann verschiedene Haftpflicht- und Sachdeckungen für Privatpersonen und Unternehmen zum Einsatz kommen.

VWheute: Hat sich das Risiko für Sportevents im Allgemeinen aus Ihrer Sicht erhöht?

Michael Furtschegger: Sportevents werden größer und technisch aufwändiger, damit stehen höhere Summen auf dem Spiel. Dagegen haben sich die Risiken für Ausfall, Absage oder Abbruch nicht wesentlich verändert, die wichtigsten sind Terror und Naturgefahren. Grundsätzlich hat sich jedoch die Sicherheit in Stadien und Arenen kontinuierlich verbessert. Das betrifft das Sicherheitsniveau direkt in den Sportstätten selbst, aber auch die Sicherheitskonzepte und Notfallpläne, die Veranstalter gemeinsam mit den zuständigen Behörden entwickeln.

Wie auf jedem Live-Event bleibt natürlich immer ein gewisses Restrisiko. Höher als die Terrorgefahr schätze ich allerdings Naturgefahren und Wetterrisiken ein. Starke Regenfälle, Schneefälle oder Stürme stellen für Veranstalter große Sicherheitsrisiken dar und führen immer wieder zu Ausfällen, Absagen und Verlegungen. Cyberangriffe könnten sich künftig zu einer neuen Gefahr für Großveranstaltungen entwickeln, hier geht es Veranstaltern nicht anders als Industrieunternehmen oder Privatpersonen.

VWheute: Versicherer wollen nach eigenem Bekunden nicht nur im Schadenfall für den Kunden da sein, sondern auch strategisch-präventiv agieren. Wäre das im Falle eines Mega-Events wie den Olympischen Spielen mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Unwägbarkeiten überhaupt machbar? Wenn ja, an welchen Stellschrauben zur Erhöhung der Sicherheit könnte man drehen?

Michael Furtschegger: Als Versicherer unterstützen wir unsere Kunden auch beim Risikomanagement, also bei der Gefahrenprävention und Schadenminderung. Wir haben Experten, die sich auf Risiken von Großveranstaltungen spezialisiert haben. Sie achten auf alles, was bei einem Event zum Problem werden könnte – von der Kennzeichnung der Fußwege über die Stabilität der Bühne und die Kontrolle der Menge durch das Sicherheitspersonal bis hin zur Notfallevakuierung.

Wenn diese Experten von unserem Kunden frühzeitig eingebunden werden, können sie durch ihre Beobachtungen und  Empfehlungen erheblich zur Erhöhung der Sicherheit beitragen. Dies geschieht in der Regel in enger Zusammenarbeit mit dem Veranstalter und den lokalen Sicherheitsbehörden. Oft sind unsere Experten auch schon weit im Vorfeld eines Großevents bei der Planung und dem Bau von Stadien, Sportanlagen und Infrastruktur als Sparringspartner beteiligt, um die Locations so sicher und vorausschauend wie möglich zu bauen.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Michael Stanczyk.

Bild: Michael Furtschegger, Head of Entertainment International, Allianz Global Corporate & Specialty (Quelle: AGCS)

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