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Ex-Linde-Chef verteidigt private Krankenversicherer

08.12.2017 – wolfgang_reitze_dpaDer Ruf nach einer Bürgerversicherung ist in den letzten Tagen unüberhörbar geworden. In der Debatte um Pro und Contra erhalten die privaten Krankenversicherer nun unerwartete Rückendeckung vom ehemaligen Linde-Chef Wolfgang Reitzle. Sein Vorwurf: “Mit der Einführung einer Bürgerversicherung würde in Zukunft dem Gesundheitssystem eindeutig weniger Geld zur Verfügung stehen”.

“Wer heute eine reine Kassenpraxis besucht und anschließend eine Praxis mit hohem Anteil von Privatpatienten, erkennt den Unterschied: Überfüllte Warteräume, veraltete Geräte hier, neueste medizinische Technik und hohe Standards mit gut ausgebildetem Personal dort”, konstatiert der ehemalige Vorstandsvorsitzende und heutige Aufsichtsratschef des Münchener Flüssiggasherstellers in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt.

Desweiteren “profitieren die gesetzlich versicherten Patienten in allen Praxen mit nennenswertem Privatpatientenanteil von einem solchen höheren Standard – sprich: einer Quersubventionierung durch die höheren Honorare von den Privatversicherten”, ergänzt Reitzle. Mit einer Bürgerversicherung würde “hingegen nicht nur zu einem Absinken des Versorgungsniveaus, sondern auch zu einer starken Verzögerung der Einführung innovativer Behandlungsmethoden führen”.

Reitzle weiter: “Schließlich wird die Zukunft der Medizin in einem noch nie da gewesenen Ausmaß durch die Digitalisierung transformiert – die sogenannte “regenerative Medizin” und insbesondere die Stammzellenforschung werden revolutionäre Verbesserungen in der Bekämpfung und Behandlung von Krebs, Parkinson, Diabetes und bei Herzkrankheiten bringen. [...] Nur das System der privaten Krankenversicherung wird die Finanzierung dieser lebensverlängernden Errungenschaften sichern können”.

Als Negativ-Beispiel für eine einheitliche Krankenversicherung führt der frühere Linde-Manager – wenig verwunderlich – das Gesundheitssystem in Großbritannien ins Felde: “Dort ist die medizinische Versorgung für die Bevölkerung dank Einheitskasse auf ein nicht mehr tragbares Niveau abgesunken. Lediglich in reinen Privatkliniken und -praxen wird für gut zahlende Patienten noch so gesorgt, wie dies aus gesundheitlicher Sicht notwendig und wünschenswert ist. Das bedeutet: Die Einheitsversicherung für alle fördert gerade das, was sie zu bekämpfen vorgibt, nämlich die Zwei-Klassen-Medizin”.

Mit seine Position gehört Reitzle jedenfalls zur Mehrheit unter Deutschlands Führungskräften. Laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Roland Berger lehnt eine überwältigende Mehrheit von 72 Prozent der Entscheider eine solche ab. Demnach sehen 42 Prozent der 125 Befragten vor allem aus prinzipiellen Gründen: So finden diese, dass es das Wahlrecht zwischen gesetzlicher und privater Versicherung auch in Zukunft geben sollte.

Solide Finanzrücklagen bei der GKV

Die gesetzlichen Krankenkassen können sich derzeit jedenfalls auf einem dicken Finanzpolster ausruhen. Wie das Bundesgesundheitsministerium am Mittwoch mitteilte, haben die Krankenkassen im 1. bis dritten. Quartal des Jahres 2017 einen Überschuss von rund 2,52 Mrd. Euro erzielt. Die Überschussentwicklung hat sich damit im Vergleich zum 1. Halbjahr (1,41 Mrd. Euro) weiter beschleunigt. Damit steigen die Finanzreserven der Krankenkassen bis Ende September 2017 auf rund 18,6 Mrd. Euro.

Gleichzeitig standen den Einnahmen in Höhe von rund 174,7 Mrd. Euro Ausgaben von rund 172,2 Mrd. Euro gegenüber. Damit sind die Einnahmen der Krankenkassen um 4,2 Prozent und die Ausgaben insgesamt um 3,7 Prozent gestiegen, teilte das Bundesgesundheitsministerium weiter mit. (vwh/td)

Bild: Wolfgang Reitzle (Quelle: dpa)

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