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Enger erwartet “Katastrophe” bei Lebenspolicen

22.01.2018 – sven_enger_privatDroht ein “Crash” der Lebensparte mit einer “massenhaften Kapitalvernichtung”? Sollen Versicherte ihre Lebensversicherung kündigen? Mit diesen Aussagen sorgte der ehemalige Versicherungsmanager Sven Enger jüngst für Aufsehen. VWheute hat nun nachgefragt: “Mir ging es nicht um Panikmache”, betont der heutige Buchautor im Exklusiv-Interview. Aber: “So wie das System aufgestellt ist, funktioniert es nicht.”

VWheute: Zahlreiche Marktteilnehmer – unter anderem der GDV und Partner Life – kritisieren ihre Panikmache im Bereich Lebensversicherung.

Sven Enger: Mir ging es nicht um Panikmache, die ist zugegebenermaßen über den Teaser im Stern in die Thematik gekommen. Man kann nicht pauschal sagen, dass alle Lebensversicherungen gekündigt werden sollen, das muss man im Einzelfall anschauen, mir geht es um was ganz anderes.

VWheute: Ich höre.

Sven Enger: Mir geht es darum, dass die momentane Aufstellung von gesetzlicher Rente sowie privater und betriebliche Altersvorsorge vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und der erzielten Rendite nicht mehr funktionieren kann. Wir laufen in eine Katastrophe hinein: die Altersarmut. Darauf wollte ich hinweisen und eine grundsätzliche Diskussion anstoßen.

VWheute: Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten.

Sven Enger: Die Reaktionen sind wie immer die selben: Vorwurf der Panikmache, Beruhigung für die Kunden und die üblichen Beteuerungen. Es wäre besser, wenn sich alle Beteiligten einmal ehrlich in die Augen schauen würden.

VWheute: Was würden sie sehen?

Sven Enger: So wie das System aufgestellt ist, funktioniert es nicht, wir müssen an allen Stellschrauben drehen und Dinge verändern.

VWheute: Was meinen sie genau, wollen sie am System drehen?

Sven Enger: Genau, ich würde am Gesamtsystem arbeiten wollen. Da ich aus der Lebensversicherungsecke komme, nehme ich das zuerst in den Blick, hier liegt der Punkt der unternehmerischen Verantwortung, die Unternehmen sind ihren Kunden verpflichtet.

VWheute: Bleiben wir beim Thema LV. Wenn die Probleme so groß sind, dann haben ja Unternehmen, Aufsicht und Politik versagt.

Sven Enger: Aus meiner Sicht, gibt es mehrere Herausforderungen. Die Aufsicht schaut stark auf den europäischen Kontext und bricht folglich die Probleme nicht auf Unternehmensebene herunter. Es wird eher versucht, europaweite Standardisierungen wie Solvency II umzusetzen.

Zum anderen sind die Renditen eingebrochen. Die Kunden bekommen längst nicht mehr das, was ihnen vor Jahren versprochen worden ist. Diese Erfahrung haben heute schon viele Versicherte gemacht. Darf ein System auf Dauer existieren, dass Versprechungen macht, die nicht gehalten werden können? Wenn nicht, dann gehört man an einen Tisch und muss darüber sprechen und man ist gegenüber dem Kunden transparent und legt die Fakten auf den Tisch. Dann kann der Kunde entscheiden, was er tun möchte.

VWheute: Intransparenz ist ein harter Vorwurf.

Sven Enger: Das System ist heute aus Sicht des Kunden eine Blackbox, in die er Geld hineingibt, nicht weiß, was damit passiert und wo er über die gesamte Laufzeit keine Vorstellung davon hat, was er einmal bekommen wird. Sicher ist, das was ihm versprochen wurde, wird er nicht mehr bekommen.

VWheute: Reichen die Mitteilungen der Lebensversicherer nicht aus?

Sven Enger: Der Kunde bekommt lediglich einmal pro Jahr eine Gewinnstandsmeldung, die die Ablaufleistung bei gleichbleibender Einzahlung in die Zukunft prognostiziert. Für die meisten ist die Aufstellung zu kompliziert und der Kunde gleicht die Meldung in der Regel nicht mit dem einmal Versprochenen ab.

VWheute: Dass die LV die Zinsen nicht mehr erwirtschaften kann, ist ja auch eine Marktsache.

Sven Enger: Das ist richtig, aber wenn der GDV schreibt, dass man mit vier Prozent eine tolle Rendite hat, ist das nur die halbe Wahrheit. Jeder, der sich mit Lebensversicherung beschäftigt hat, weiß, dass von der Rendite die laufenden Kosten des Versicherers abgezogen werden. Rechnet man dann noch die Inflation ab, bleibt am Ende von den vier Prozent nicht viel übrig.

Mir geht es nicht um Versicherungs- oder GDV-Bashing, ich möchte, dass das Thema auf den Tisch kommt und wir darüber sprechen, wie ein in Schieflage geratenes System neu ausgerichtet werden kann.

VWheute: Wie sähe das aus?

Sven Enger: Meine Erwartungshaltung an die Versicherer, die Politik, die Verbraucherschützer und an Bildungsinstitutionen wäre, dass sie sich zusammensetzen und darüber sprechen, wie das System so zukunftsfit gemacht werden kann, dass wir als Gesellschaft die Altersarmut bekämpfen können. Dann kommen wir auch zu Themen wie Digitalisierung, eine genauere Betrachtung der existierende Rentenformel und zu dem unangenehmen Thema des Renteneinstiegsalters.

VWheute: Es gibt also ein Informationsdefizit?

Sven Enger: Das Gros der Menschen hat keine Vorstellung von ihrer finanziellen Situation im Alter. Viele denken immer noch, dass der Staat sich im Alter um sie kümmert. Die Experten kennen die Realität, aber es wird den Menschen nicht kommuniziert! Der Staat wird diese Menschen auffangen müssen, und zwar mit Steuergeldern. Ich habe das in verschiedenen Gremien angesprochen, bin aber auf taube Ohren gestoßen, deswegen formuliere ich die Thesen jetzt in einem Buch. In der Hoffnung, eine Auseinandersetzung anzustoßen.

VWheute: Was ist das Kernproblem?

Sven Enger: Wir haben ein System, an dem wir aus Gewohnheit festhalten und das jetzt nicht mehr in der Lage ist, die Altersarmut zu verhindern. Und noch einmal: Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern um die Lösung des Problems Altersarmut.

VWheute: Halten sie einen großen “Altersvorsorgetisch” für realistisch?

Sven Enger: Die Hoffnung wäre, dass dieser “Altersvorsorgetisch” nicht erst kommt, wenn der erste Lebensversicherer vom Markt verschwindet.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Hinweis der Redaktion: Sven Enger ist heute Abend auch zu Gast in der TV-Runde Hart aber Fair zum Thema “Crash der Lebensversicherung: Panikmache oder echte Gefahr?”. Weitere Gäste sind unter anderem Peter Schwark, Mitglied der Geschäftsführung des GDV.

Bild: Sven Enger (Quelle: privat)

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