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Deutsche Gesundheitsbranche wird digital

15.03.2017 – EKG - Herzfrequenz Gesundheit - Quelle Allianz DeutschlandDer demografischer Wandel wird das Gesundheitswesen in den nächsten Jahre zur wachstumsstärksten Branche machen. Dadurch gewinnt die Digitalisierung zunehmend an Bedeutung. Anlässlich des “Health Executives Day” verkündeten der IT-Dienstleister adesso insurance solutions GmbH und der Verlag Versicherungswirtschaft die gemeinsame Ausschreibung eines Innovationspreises für Krankenversicherungs-Produkte und –Services aus dem Umfeld von GKV und PKV. Verliehen werden soll der Preis im Frühjahr 2018.

Über Themen rund um die Digitalisierung im Gesundheitswesen sprach VWheute exklusiv mit Jürgen Wasem, Lehrstuhlinhaber für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen und mit Stephan Sigrist, Chef der Schweizer Denkfabrik W.I.R.E.

VWheute: Wie wird die Digitalisierung unser Gesundheitssystem verändern?

Stephan Sigrist: Die grundlegenden Veränderungen betreffen jeden Sektor im Gesundheitssystem. Zum einen geht es um mehr Transparenz rund um den Patienten, zum anderen um die Automatisierung von Prozessen. Außerdem entsteht eine intelligente Infrastruktur, die dabei hilft, Dinge bei höherer Qualität und niedrigeren Kosten zu vereinfachen und Geräte miteinander kommunizieren zu lassen. In der Konsequenz steht die Effizienzsteigerung im Vordergrund, um stärker auf Patientenbedürfnisse eingehen zu können.

Jürgen Wasem: Es geht bei der Digitalisierung nicht nur um höhere Effizienz sondern gleichzeitig um eine deutliche Erhöhung der Effektivität. Wir haben vor allem die Möglichkeit, Daten besser auszuwerten, um eine zielsichere Gesundheitsversorgung zu gewährleisten.

VWheute: Die Digitalisierung im Gesundheitswesen steckt noch in den Kinderschuhen. Ist dem so?

Jürgen Wasem: Das ist grundsätzlich richtig. Wir haben außerhalb der Krankenversicherung zwar eine Fülle an Entwicklungen mit Apps. Aber was die Versorgung in den Krankenhäusern und Arztpraxen mit digitalisierten Daten angeht sowie die Kommunikation der Anbieter von Gesundheitsleistungen untereinander, da sind wir wirklich noch in den Kinderschuhen.

VWheute: Sind die deutschen Krankenversicherer schon ausreichend auf das digitale Zeitalter vorbereitet?

Stephan Sigrist: In der Schweiz gibt es zurzeit viele Initiativen der Krankenversicherer. Die Botschaft ist angekommen, dass Digitalisierung mehr ist als nur Apps zur Verfügung zu stellen. Das Thema hat eine hohe Komplexität. Ich hoffe nicht, dass die Digitalisierung letztendlich doch nur auf das Bereitstellen von Apps reduziert wird.

Jürgen Wasem: Wir sind in Deutschland tatsächlich noch nicht ausreichend vorbereitet. Alle Akteure stehen aber schon in den Startlöchern. Es gibt auch eine ganze Reihe an Pilotprojekten. Was allerdings noch fehlt, sind ein einheitliches Verständnis aller Beteiligten, gemeinsame Schnittstellen und die Integration der Digitalisierung in die Prozesse. Hier sind wir noch lange nicht am Ziel.

VWheute: Der Datenschutz will auch ein gehöriges Wort mitreden. Bremst das die Digitalisierung aus?

Jürgen Wasem: Natürlich ist der Datenschutz für bestimmte Auswertungen ein Problem. Ich bin mir allerdings nicht immer sicher, inwieweit das nur vorgeschoben ist. Um ehrlich zu sein, die Branche lebt von Verschwiegenheit und wenig Transparenz. Datenschutz ist dann das Schiff, auf dem man segelt, um seine eigenen Interessen verfolgen zu können.

VWheute: An welcher Stelle steht der Mensch, der Patient, bei der Digitalisierung?

Stephan Sigrist: Grundsätzlich steh der Mensch im Zentrum. Wir vermessen uns quasi selbst. Der Mensch braucht aber auch eine eigene Entscheidungsmöglichkeit, das zu steuern. Dabei muss man sehen, dass eine große Maschinerie entsteht. Die Herausforderung besteht darin, die Menschen zu befähigen, diese Systeme auch steuern und mit großen Datenmengen umgehen zu können. Dadurch haben wir zum Beispiel die Möglichkeit, Patienten zielgerichtete Therapien vorzuschlagen.

VWheute: Was halten Sie von Apps ohne Kontrolle durch die Medizin?

Jürgen Wasem: Es gibt sicher sehr nützliche Apps, aber auch solche, die Schaden anrichten können. Die viel spannendere Frage ist aber, wie es uns gelingt, mit der Vielzahl an Apps im organisierten Gesundheitswesen umzugehen. Da gibt es noch keinen vernünftigen Zugriff. Viele Apps wären für eine ärztliche Behandlung sinnvoll. Wir sind aber meilenweit davon entfernt, zu wissen, wie diese Apps in die Versorgung integriert werden können.

VWheute: Wann kommt endlich die elektronische Gesundheitskarte in der GKV?

Jürgen Wasem: Viel wichtiger ist die Beantwortung der Frage, was die Gesundheitskarte überhaupt kann. Wir sind auch nach zehn Jahren immer noch nicht in der Lage, sie mit intelligenten digitalen Inhalten zu füllen. Das liegt daran, dass im Gesundheitswesen starke Interessengruppen aktiv sind, die an jedem Millimeter elektronischer Gesundheitskarte zerren, um sie in ihre eigene Richtung zu beeinflussen.

VWheute: Wie wird die Digitalisierung das Gesundheitswesen generell verändern?

Jürgen Wasem: Die Digitalisierung wird alle Gesundheitsbereiche grundlegend verändern. Ärzte und Krankenhäuser können auf eine Vielzahl an qualifizierten Daten zugreifen, die für Therapie und Diagnostik genutzt werden können. Auch für die Patienten wird es möglich sein, auf eine Vielzahl an Informationen zuzugreifen. Die Kommunikation der Ärzte und Krankenhäuser miteinander erhält eine andere Qualität.

Das Interview führte VWheute-Korrespondent Wolfgang Otte.

Bildquelle: Allianz Deutschland

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