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Blockchain: “Rechtssicherheit systemisch garantiert”

24.11.2017 – wadim_doulger_kpmgDie Blockchain-Technologie bewegt die Versicherungsbranche. Neuer technologischer Trend sind dabei die sogenannten “Smart Contracts”. “Die ‘normale’ Blockchain speichert die Daten ‘stumpf’ ab. Mit Hilfe von Smart Contracts können aber auf Basis der hinterlegten Daten bestimmte Aktionen ausgelöst werden”, konstatiert KPMG-Experte Wadim Doulger im Exklusiv-Interview mit VWheute.

VWheute: Blockchain gilt seit langem als revolutionäre Technologie in der Versicherungsbranche. Sie vertreten dabei die Ansicht, dass diese praktisch nichts anderes sei, als eine neue Form des Datenbankmanagements. Beschreiben Sie doch bitte, was dies konkret für einen Versicherer bedeutet.

Wadim Doulger: Die Blockchain ist eine Datenbank, die gleichzeitig bei Ihnen, Ihren Kunden und gegebenenfalls weiteren Parteien abgelegt ist. Ein Beispiel aus der Versicherungswirtschaft: Die Versicherungsverträge sind in einem System gespeichert, welches gleichzeitig dem Versicherer, dem Versicherten und unter Umständen weiteren Parteien, zum Beispiel Kfz-Werkstätten, gehört. Der Vorteil ist: Eine einvernehmliche Änderung wird bei allen Beteiligten gleichzeitig vorgenommen und aktualisiert. Keine der beteiligten Parteien kann einseitig Veränderungen an den Verträgen vornehmen. Das heißt: Alle haben eine Rechtssicherheit.

Diese Rechtssicherheit wird bei der Blockchain systemisch garantiert. Es bedarf also keiner Institution oder Regulierungsbehörde, um die Rechtssicherheit für Kunden aufrechtzuerhalten. Im internationalen Kontext erweisen sich Blockchain-basierte Versicherungssysteme als ganz besonders nützlich, da diese frei von Korruption und krimineller Energie Vertragsbeziehungen abbilden können. Für Versicherungssysteme in entwickelten Ländern, wo Versicherer und Banken als relativ sicher und verlässlich gelten, sind dabei die Smart Contracts von größerer Bedeutung.

VWheute: Sie sprechen dabei von sogenannten “Smart Contracts”. Was heißt dies genau? Ist dies nur eine andere Form einer sogenannten Kurzzeit-Versicherung?

Wadim Doulger: Smart Contracts können als eine Weiterentwicklung der Blockchain-Idee gesehen werden. Die “normale” Blockchain speichert die Daten “stumpf” ab. Mit Hilfe von Smart Contracts können aber auf Basis der hinterlegten Daten bestimmte Aktionen ausgelöst werden. Erste Startups zeigen bereits Anwendungsfelder für solche Versicherungs-Smart-Contracts auf. Es gibt Beispiele für eine Flugausfall- und Flugverspätungsversicherung.

Wenn sich ein Flug für eine gewisse Zeit verspätet oder gar ausfällt, erhält der Kunde eine bestimmte Geldzahlung, mit der er zum Beispiel ein Hotelzimmerbuchen kann. Die Geldleistung wird sofort ausgezahlt, was ja auch einen gewissen Charme in Notsituationen hat. Das Besondere: Die Bedingungen, unter denen eine Aktion ausgelöst werden, sind – genau wie die Daten – irreversibel und für alle transparent in der Blockchain abgelegt.

VWheute: Welche Vorteile bieten Smart Contracts außerdem?

Wadim Doulger: Da sowohl die Versicherungsbedingungen, die Informationen über Kunden auch die Gelder selbst in der Blockchain gespeichert werden, wird systemisch eine Vertrauenswürdigkeit hergestellt. Es braucht keinen finanzstarken Anbieter, der seit Langem auf dem Markt ist. Mit anderen Worten: etablierte Anbieter verlieren – zumindest bei solchen einfachen Produkten – Wettbewerbsvorteile wie Finanzkraft, Erfahrung oder auch Markenstanding komplett. Für den Wettbewerb ist dies ein nicht zu unterschätzender Faktor.

VWheute: Werfen wir den berühmten Blick in die Glaskugel von VWheute: Wie wird Blockchain die Versicherungsbranche in Zukunft verändern?

Wadim Doulger: Wir werden zahlreiche interessante Angebote auf Blockchain-Basis sehen – ähnlich der Flugverspätungsversicherung, die ich bereits erwähnt habe. Diese Angebote werden derzeit hauptsächlich von Start-ups aus dem Insurtech-Bereich gemeinsam oder mit Hilfe des Kapitals von Rückversicherern entwickelt. Denn: Rückversicherer leiden unter der Konkurrenz des alternativen Risikotransfers und treten die Flucht nach vorne an – auch nach vorne entlang der Wertschöpfungskette.

Diese Angebote greifen die etablierten Versicherer an, dürften aber – gemessen an der entgangenen Prämie – nicht weh tun. Dennoch führen diese Angebote zu gravierenden Veränderungen. Denn Kunden werden erkennen, dass Versicherungsschutz auch anders bereitgestellt werden kann und dass es dafür keinen Versicherer mit langer Historie braucht.

VWheute: Was bedeutet das für die Versicherer?

In Folge dürften Kunden ihren Versicherungsschutz situativer, kleinteiliger und bei mehreren Anbietern einkaufen. Das steht in Diskrepanz zum Vertriebsmodell der meisten deutschen Versicherer, die auf ihre Ausschließlichkeitsvertreter bauen. Diese wiederrum benötigen eine möglichst umfängliche Kundenbeziehung um zu überleben und um auch aus Sicht des Versicherers wirtschaftlich zu bleiben.

VWheute: Und wie sieht in 20 Jahren die “Versicherung der Zukunft” aus?

Wadim Doulger: Es dürfte – ganz allgemein gesprochen – zwei Arten von Versicherern geben: solche, die mit Hilfe der Blockchain eigene Angebote entwickeln, sei es auch nur, um die Kundenbeziehung abzusichern. Und eben solche, die bedauerlicherweise auch in 20 Jahren weder die Vorstellung noch das Know-how zur Blockchain haben werden.

Diese Versicherer werden dann nur mit Hilfe erheblicher finanzieller Mittel zum Beispiel für die Übernahme entsprechender Start-Ups und dem verstärkten Einsatz von Unternehmensberatern ihren strategischen Rückstand wieder aufholen können. Daher halte ich es bereits heute für ratsam, dass Versicherer mit kleinen, praktikablen Lösungen – sogenannten “Use-Cases” – die Technologie für sich entdecken und für das eigene Haus entwickeln.

Bild: Wadim Doulger ist Senior Manager im Bereich “Financial Services” bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. (Quelle: KPMG)

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

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