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“Autonome Schiffe werden Risiken nicht revolutionieren”

26.01.2017 – steuerad_pixelioAutonome Autos sind derzeit in aller Munde. Auf dem heute stattfindenden Deutschen Verkehrsrechtstag in Goslar beschäftigen sich die Experten hingegen auch mit rechtlichen Rahmenbedingungen in der autonomen Schifffahrt. VWheute sprach daher mit den Leitern der Transport- und der Luftfahrtsparte des Industrieversicherers HDI, Stefan Volle und Alexander Malik, über die Versicherbarkeit von autonome Schiffen und Flugzeugen.

VWheute: Die Diskussion um selbstfahrende Fahrzeuge ist bereits seit langem im Gange. Das Massachusetts Institute of Technology will nun in den Niederlanden die erste autonome Schiffsflotte der Welt ins Wasser bringen. Wie bewerten Sie als Transportversicherer diese Vorhaben?

Stefan Volle: Als Industrieversicherer begrüßen wir alle Fortschritte in der Transportwirtschaft, die den Warenverkehr in der Industrie nicht nur effizienter machen sondern gleichzeitig auch sicherer. Bei der hier angesprochenen autonomen Schiffsflotte handelt es sich nach unserem Kenntnisstand um ein Forschungsprojekt, bei dem in den Amsterdamer Grachten selbstfahrende Boote und Flöße in kleinem Umfang getestet werden. Es soll die Tauglichkeit dieser autonomen Wasserfahrzeuge für den Personen- und Warentransport ermittelt werden.

Mit der Industrie-Warentransportversicherung, wie wir sie heute kennen, hat das aus unserer Sicht wenig zu tun. Trotzdem beschäftigen wir uns seit einiger Zeit mit dem Thema der autonom fahrenden See- und Frachtschiffe. Wir verfolgen die technische Entwicklung und stellen diese in den Kontext der versicherten Waren und Prozessgefahren, prüfen also zum Beispiel auch, welche zusätzlichen Gefahren sich durch mögliche Cyber-Angriffe auf Schiffe ergeben können.

Dass der technische Fortschritt auch irgendwann Änderungen in den Transportsparten der großen Industrieversicherer nach sich ziehen wird, ist also gut möglich. Welche das dann aber im Einzelnen sein werden, bleibt noch abzuwarten.

VWheute: Technische Hürden gibt es angesichts der heutigen Technologie kaum noch. Wo sehen Sie hingegen potenzielle Hürden hinsichtlich der Versicherbarkeit? Lassen sich autonome Schiffe überhaupt versichern und was bedeutet dies für die Policierung bzw. Tarifierung?

Stefan Volle: Derzeit geht das Thema der vollautonomen Schifffahrt aus unserer Sicht nicht über den oben angesprochenen Forschungsstatus hinaus. Zu ungeklärt sind noch die technischen, infrastrukturellen und regulatorischen Voraussetzungen, um im Alltagsgeschäft autonome Schiffe in der Transportwirtschaft einzusetzen. Es gibt Forschungsprojekte, die genau diese Probleme als klärungs- und entwicklungsbedürftig beschreiben.

Zudem wird sich nach unserer derzeitigen Einschätzung durch autonome Schiffe keine Notwendigkeit ergeben, die Versicherung der Risiken der Seeschifffahrt zu revolutionieren. Die Gefahren der Seeschifffahrt bleiben grundsätzlich die Gleichen. Es verlagern sich lediglich die Fehler des menschlichen Steuerns auf See auf das Steuern vom Lande aus. Hinzu kommen etwaige Entwicklungsfehler in der Technik. Auch die Gefahr von Cyber-Angriffen nimmt bei zunehmender Digitalisierung der Schiffe zu. Schon heute bestehen hier erhebliche Cyber-Risiken. Dieser Trend wird bei autonomen Schiffen voraussichtlich noch weiter zunehmen.

Hinsichtlich des Seekaskogeschäfts ist momentan davon auszugehen, dass komplette Schiffsflotten für den autonomen Betrieb neu entwickelt, konstruiert und gebaut werden müssen. Je nach Auslegung der Schiffe und der damit vernetzten Bedingungen und Prozesse sind Schadenszenarien und –potentiale dann neu zu bewerten. In diesem Zusammenhang wird man auch die Frage stellen müssen, wie das volatile und seit Jahren schlecht verlaufende Seekaskogeschäft saniert werden kann. Nur dann ist der Rückversicherungsmarkt bereit, auch diese neuen Risiken aufzunehmen.

Ob durch die autonomen Schiffe die Schadenquoten der Versicherer möglicherweise steigen oder sinken, wird am Ende des Tages erst die Praxis zeigen. Bei der Schadenverhütung werden sich Transportversicherer allerdings wahrscheinlich bei autonomen Schiffen noch stärker als heute auf vorgelagerte Prozesse und mögliche Sicherheitslücken fokussieren. Dazu gehören z. B. Fehleinschätzungen bei der Verladung und Ladungssicherung, aber auch unzureichend geschultes Personal. Auf See kann dann schließlich weniger Einfluss auf die Transportbedingungen genommen werden.

VWheute: Werfen wir einen kleinen Blick weg vom Wasser hin zur Luft: Airbus-Chef Tom Enders will bis Ende 2017 einen Prototypen für ein selbstfliegendes Taxi vorstellen. Wie bewerten die Transportversicherer solche Pläne und inwieweit lassen sich solche autonomen Flugzeuge überhaupt versichern?

Alexander Malik: Für uns als Industrieversicherer gibt es theoretisch nichts, was wir nicht versichern können – solange wir die notwendigen Daten und Informationen dafür haben. Wir können also heute schon damit rechnen, dass es in der Zukunft geeignete Versicherungslösungen für autonome Fluggeräte geben wird. Allerdings sind auf dem Weg dorthin noch mehrere Fragen zu beantworten. In der heute üblichen klassischen Luftfahrtdeckung kennen wir beispielsweise die Halterhaftpflichtversicherung; es haftet also der Halter des Luftfahrzeugs für mögliche Schäden.

In Zukunft wird sich für Industrieversicherer und ihre Kunden voraussichtlich die Frage stellen, wer beim autonomen Fliegen für mögliche Schäden haftet: der Halter des Luftfahrzeugs oder der Hersteller? Oder vielleicht beide? Oder wird das vom Einzelfall abhängen? Eine mögliche Haftungsteilung kann nach unserer Einschätzung zu Diskussionen zwischen Haltern, Herstellern, Versicherern und anderen Beteiligten führen. Daher muss der Gesetzgeber aktiv werden und klare Regeln für diese Haftungsfragen schaffen.

Autofahrer in Deutschland sollen künftig ja unter Umständen einen Teil ihrer rechtlichen Verantwortung an Computer abgeben können, wenn sie autonome Fahrsysteme nutzen. Verursacht ein Autopilot einen Unfall, könnte der Fahrer dann nicht mehr beschuldigt werden, seine Sorgfaltspflicht verletzt zu haben. Ähnliche Überlegungen sind beim autonomen Fliegen anzustellen. Sind die Systeme komplett autonom oder muss vielleicht doch ein Pilot an Bord sein, der im Notfall eingreifen kann? Dabei ist vermutlich auch eine Frage, wie die technische und rechtliche Entwicklung fortschreitet.

Auch wenn technisch heute bereits einiges möglich ist, wird es nach unserer Meinung noch einige Zeit dauern, bis der Gesetzgeber autonome Flugzeuge erlauben wird und bis die Passagiere bereit sind, in ein Flugzeug ohne Pilot zu steigen.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

Bildquelle: sokaeiko / pixelio.de

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