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Artus: Großrisiken werden restriktiv behandelt

29.01.2018 – alexandra_ganz-cosby_artusVersicherer warnen vor einer Überzeichnung des Cyber-Risikos und glauben, dass es viele naive Kapazitäten im Markt gebe. Das bestätigt Alexandra Ganz-Cosby, seit Anfang des Jahres neue Vorstandsvorsitzende des Industrieversicherungsmaklers Artus AG. Großrisiken sowie infrastruktur-relevante Unternehmen, wie z.B. Energieunternehmen, würden durchaus von den Versicherern sehr restriktiv behandelt, weiß die Expertin.

VWheute: Cyberrisiken werden von deutschen Unternehmen -vor allem im Mittelstand- als größte Bedrohung eingestuft. Sorgen die Unternehmen auch entsprechend vor?

Alexandra Ganz-Cosby: Grundsätzlich kann man attestieren, dass sich die meisten Unternehmen mit den Bedrohungen in den letzten Jahren beschäftigt haben. Je nach Branche und Tätigkeitsgebiet wurden entsprechende Investitionen in die IT-Sicherheit vorgenommen und auch langfristig budgetiert.

Auch die 2018 in Kraft tretende Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) führt dazu, dass die Unternehmen sich mit den spezifischen Risiken auseinandersetzen. Mittlerweile ist außerdem schon auffällig, dass Abnehmer im Hinblick auf das Supply-Chain-Management entsprechenden Versicherungsschutz für Cyber fordern. Insofern steigt auch der Druck auf die Unternehmen eine Absicherung für diesen Bereich vorzuhalten.

VWheute: Was sind bei Cyber die größten Schreckensszenarien?

Alexandra Ganz-Cosby: Diese Frage ist nicht so ganz einfach zu beantworten, da es je Branche sehr stark abweichende Schadensszenarien geben kann. Vom Grundsatz her sehen produzierende Unternehmen einen Betriebsstillstand und Lieferverzögerungen als größte Bedrohung an.

Firmen im Bereich der Auftragsdatenverarbeitung sehen neben diesem “Stillstand-Szenario” auch einen erheblichen Reputationsverlust als unternehmerisch bedrohlich an, gerade im Hinblick auf die verschärfte Datenschutzgrundverordnung und die daraus abzuleitenden Geldbußen und Sanktionsmaßnahmen.

Im Bereich des E-Commerce ist die Nichtverfügbarkeit der Verkaufsplattform bzw. des Web-Shops im Fokus. Bei Transport und Logistikunternehmen steht wiederum der Ausfall des Lager/Auftragsprogramms an erster Stelle. Softwareunternehmen und IT-Dienstleister sehen vor allem unter Haftungsgesichtspunkten mögliche Einfallstore für Hacker und Viren bei Ihren Programmen und Dienstleistungen als Bedrohungsszenarien an. Wie Sie daraus erkennen können, gibt es mannigfaltige Schadensszenarien, die unsere Kunden beschäftigen.

VWheute: Wie gehen Sie als Makler vor, um Ihren Kunden das mögliche Schadenpotential zu verdeutlichen?

Alexandra Ganz-Cosby: Das A u. O ist es, mit unseren Mandanten ganz individuell die jeweiligen Unternehmensprozesse und die Wertschöpfungskette zu durchleuchten. Im Zuge der vielen “Cloud-Lösungen” können jetzt bereits schon wichtige Betriebsprozesse ausgelagert sein oder zukünftig ausgelagert werden. Neben den potenziellen Eigenschadensszenarien nehmen wir im Detail auch potenzielle Drittschadensszenarien unter die Lupe, z.B. durch Weitergabe eines Virus über EDV-Schnittstellen mit Abnehmern und Zulieferern.

Die Erfahrungen haben gezeigt, dass dieser profunde, kontinuierlich durchgeführte Beratungsprozess sehr positiv von den Mandanten aufgenommen wird. Wir führen diese Leistung auch nach Vertragsabschluss weiter, um die Cyber Police ständig auf dem neuesten, bedarfsgerechten Stand zu halten.

Wichtig für den Mandanten ist, dass unsere Dienstleistung ihm einen fundierten Überblick über die sehr unterschiedlichsten Deckungskonzepte am Markt verschafft und wir somit gemeinsam die individuell richtige Auswahl eines Risikoträgers vornehmen können. Gerade bei international tätigen Unternehmen sollte der Versicherungsschutz nicht an einer Ländergrenze enden, sondern auch darüber hinaus vereinbart sein.

VWheute: Versicherer warnen schon vor einer Überzeichnung des Cyber-Risikos und meinen, dass es viele naive Kapazitäten im Markt gebe. Sehen Sie das auch so?

Alexandra Ganz-Cosby: Großrisiken sowie infrastrukturrelevante Unternehmen, wie z.B. Energieunternehmen, werden durchaus von den Versicherern sehr restriktiv behandelt. Eine ausreichende Deckungskapazität für solche Unternehmen ist, wenn überhaupt, nur mit mehreren Versicherern darstellbar. Bei normalen Risiken sehen wir aktuell noch keine Kapazitätsrisiken, es sei denn, dass diese Rückwirkungsschäden durch einen IT-Dienstleister explizit mitversichern wollen. Dabei kann es mitunter vorkommen, dass einzelne IT-Dienstleister „überzeichnet“ sind. Hier sieht man auch, dass die Versicherer eine Kumulkontrolle betreiben und die gesteigerte Anfrage zu Kapazitätsproblemen führen kann. Erfahrungsgemäß ist es jedoch möglich hier Abhilfe über einen anderen Versicherer zu finden.

VWheute: Die Risikokalkulation wird bei Cyber auch dadurch erschwert, dass es durch den rasanten technischen Wandel kaum historische Schadenerfahrungen gibt. Wie stellen Sie sich diesem Problem?

Alexandra Ganz-Cosby: Dieses Änderungsrisiko stellt unseres Erachtens vor allem die Versicherer vor Probleme, die zunächst einfach Deckung für Cyberattacken geben. Problematisch ist die ständige Veränderung der “Bottlenecks” durch Auslagerung von IT-Dienstleistungen, Installation neuer Software und Arbeiten in der Cloud. Insofern ist es wichtig, dass wir unsere Mandanten eng begleiten und somit Ausfallrisiken frühzeitig erkennen können. In einem schnellen Markt muss eben auch der Makler schnell sein.

VWheute: Cyberdeckungen, die auch Angriffe auf alle Lieferanten abdecken, sind wegen der Unüberschaubarkeit für den Versicherer besonders gefährlich. Finden sie da überhaupt noch ausreichend Deckung für Ihre Kunden?

Alexandra Ganz-Cosby: Wie bereits erläutert ist das Management dieser “Supply-Chain” nur durch intensive Beratung möglich. Eine Absicherung der ersten Lieferkette ist durchaus unproblematisch möglich. Die Vernetzungsrisiken und die Auswirkungen in der zweiten Lieferkette sind ungleich komplexer, da Versicherer im Hinblick auf die zuvor zitierte Kumulkontrolle die jeweiligen Dienstleister namentlich in der Police aufführen wollen.

Eine ausreichende Deckung kann bezogen auf einen fixen Zeitpunkt sehr wohl generiert werden. Die ständige und schnelle Veränderung innerhalb der Kette und die somit erforderliche Anpassung des Versicherungsschutzes sind nur mit sehr viel Zeitaufwand zu gewährleisten zumal unsere Mandanten von manchen dieser Änderungen nicht sofort Kenntnis haben bzw. überhaupt haben können.

VWheute: Die Digitalisierung in der Industrieversicherung steckt noch in den Anfängen. Wie erleben Sie auf diesem Gebiet die Versicherer?

Alexandra Ganz-Cosby: In der Industrieversicherung, insbesondere in der Sachversicherung, aber auch bei komplexen Haftpflichtrisiken ist die persönliche Kenntnis des Underwriters, etwa durch Besichtigung und Risikoerfassung vor Ort, weiterhin von entscheidender Bedeutung. Die vom Underwriter durchzuführende Folgebearbeitung ist verstärkt automatisiert, viele Plausibilitätsprüfungen sind IT gebunden. D

ies gilt auch hinsichtlich der Prämienkalkulation. Zunächst ist das eine Arbeitserleichterung. Jedoch stellen wir fest, dass die hinterlegten Parameter von Versicherer zu Versicherer unterschiedlich sind und damit zu ganz unterschiedlichen Prämienangeboten führen. Für den Industrieversicherungsmakler bedeutet dies, die Zusammenstellung eines Versicherer-Konsortiums wird deutlich aufwändiger.

Bisher haben sich die am Markt vorhandenen Ausschreibungsportale noch nicht durchgesetzt, was unter anderem mit dem hohen Informationsbedarf im Industriebereich zusammenhängt. Letztlich erfolgt die Kommunikation zwischen Versicherer/Underwriter und Versicherungsmakler auf klassische Art und Weise.

VWheute: Wie stellen Sie sich als internationaler Makler auf den Brexit ein?

Alexandra Ganz-Cosby: Unsere Zusammenarbeit mit unseren Partnern in UK wird durch den Brexit nicht wesentlich beeinflusst, denn der erforderliche lokale Versicherungsschutz in UK im Rahmen internationaler Versicherungsprogramme für unsere Kunden ist weiterhin sichergestellt.

In unserem Metier beeinträchtigt der Brexit vor allem die UK-Makler selbst. Rund 2.700 britische Versicherungsmakler verfügen über so genannte “Passport-Rechte” für Geschäft in der EU. Je nachdem, wie hart der Brexit ausfällt, können diese Makler nicht mehr auf Basis der Dienstleistungsfreiheit im Raum der Europäischen Union Risiken platzieren. Der Brexit setzt nicht nur die Versicherungsbranche unter Zugzwang, sondern beeinträchtigt vor allem die Kunden aus Industrie und Gewerbe.

Es ist zu erwarten, dass sich UK- Niederlassungen von deutschen Unternehmen z .B. nach Irland verlagern. Hier gilt für uns der Grundsatz, wir folgen dem Kunden, wohin er auch immer gehen will.

VWheute: Die US-Steuerreform kann sich auch auf Ihr Geschäft auswirken. Wie sehen sie das Problem?

Alexandra Ganz-Cosby: Die Trump-Administration hat die Körperschaftssteuer von 35 Prozent auf 21 Prozent reduziert. Davon profitieren zunächst die in den USA zugelassenen Versicherer. Laut Süddeutscher Zeitung und Handelsblatt werden in den USA tätige Versicherer, wie z.B. die Allianz, in 2018 innerhalb der USA eine Steuerersparnis in dreistelliger Millionenhöhe erzielen.

US-amerikanischen Fachzeitschriften zufolge stellt die Steuerersparnis einen “huge win” für die Sach- und Haftpflichtversicherungsindustrie dar. Mittelfristig werden deshalb auch sinkende Prämiensätze in diesem Bereich erwartet. Von dieser Steuerersparnis profitieren auch die US Niederlassungen unserer Kunden, was sie motivieren wird, ihren Umsatz in den USA zu steigern.

Bisher gelang es Donald Trump, die Produktion von einigen US Konzernen in den USA zu halten, anstatt auf Billiglohnländer auszuweichen. Dadurch werden zusätzliche Aufträge für Zulieferer generiert, die sich in Nähe von US-Kunden niederlassen und dort produzieren.

Das Interview führte VWheute-Korrespondent Wolfgang Otte.

Bild: Alexandra Ganz-Cosby (Quelle: Artus)

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