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World Risk and Insurance Economics Congress: Zukunftsfragen und wissenschaftliche Impulse

03.08.2015 – Richter_LMUAndreas Richter, Lehrstuhlinhaber an der LMU München, forscht als Impulsgeber für die Branche an der Optimierung von Telematik- und E-Health-Produkten zur Kundenakzeptanz, erklärt er im Interview mit VWheute. Er ist Veranstalter des World Risk and Insurance Economics Congress. Nikolaus von Bomhard (Munich Re), Allianz Chief Risk Officer Tom Wilson und Nikhil Srinivasan (CIO, Generali) positionieren sich dort zu aktuellen Themen.

VWheute: Welchen Beitrag kann die Wissenschaft leisten zur Gestaltung der Versicherungswelt der Zukunft?

Andreas Richter: Die Wissenschaft kann hier sicherlich Impulsgeber sein und wie im Zuge der Entwicklung alternativer Garantiemodelle Produktinnovationen vorschlagen und analysieren. Vor allem kann die Wissenschaft als unabhängige Instanz, sofern entsprechende Daten zur Verfügung stehen, durch Analysen des Kundenverhaltens auch unternehmensübergreifend Entwicklungsprozesse begleiten. Außerdem bietet der Blick des Wissenschaftlers von außen auf die Branche die Möglichkeit, langfristige Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, die dem Praktiker im Tagesgeschäft vielleicht entgehen.

Andreas Richter: Ein Forschungsschwerpunkt an meinem Institut ist der Bereich „Behavioral Insurance“. Verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse liefern einen großen Beitrag zum Verständnis des Verhaltens von Versicherungsnehmern. Will man beispielsweise Lösungen für die geringe Nachfrage nach Versicherungen gegen Elementarschäden finden, spielen verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse eine entscheidende Rolle. Die gewonnenen Forschungsergebnisse können auch Versicherern wichtige Hinweise für die Gestaltung neuer Produkte liefern. Insbesondere bei der Ausgestaltung von Telematik- oder E-Health-Versicherungen können Privacy-Bedenken der Kunden ein Innovationshemmnis darstellen. Daher würden meiner Ansicht nach aus verhaltenswissenschaftlicher Sicht optimierte Versicherungslösungen die Kundenakzeptanz deutlich erhöhen. Eine ähnliche Argumentation finden Sie bei der Einführung von neuen Lebensversicherungsprodukten mit alternativen Garantielösungen. Viele der angesprochenen Punkte lassen sich auch unter dem Begriff „Nudging“ zusammenfassen. Die Entscheidungsarchitektur soll so ausgestaltet werden, dass sie den Versicherten hilft, die richtigen Entscheidungen, z.B. ausreichende finanzielle Vorsorge für das Alter oder vorsichtige Fahrweise, zu treffen.

VWheute: Welches sind die zentralen Themen und Highlights des WRIEC 2015 in München?

Andreas Richter: Die Bandbreite reicht von neuen Garantieprodukten in der Lebensversicherung über klassische versicherungsökonomische Fragen im Zusammenhang mit asymmetrischer Informationsverteilung bis hin zu recht exotischen Themen wie die Wechselwirkung zwischen Religion und Nachfrage nach Mikroversicherung. Wenn ich allerdings das Programm in seiner Gesamtheit betrachte, lassen sich einige Schwerpunkte erkennen: Klimawandel und die Herausforderungen durch Elementarrisiken für die Versicherungswirtschaft, Altersvorsorgeprodukte aus Versicherer- und Konsumentensicht und der Einfluss von Regulierung auf Versicherungsmärkte. Highlights sind sicherlich die Keynotes von Nikolaus von Bomhard – über aktuelle Herausforderungen für die Versicherungswirtschaft – und von Nikhil Srinivasan – über das Asset-Management in der Eurokrise. Dazu kommen die Plenary Sessions zu Big Data und zum Klimawandel und schließlich unsere Geneva Risk Economics Lecture, die sich mit Rückversicherungszyklen befasst.

VWheute: Welches sind in Ihren Augen die größten Herausforderungen der Branche? Wo können diese existenzielle Ausmaße annehmen?

Andreas Richter: Bekanntermaßen steht im anhaltenden Niedrigzinsumfeld die klassische, deutsche Lebensversicherung vor großen Herausforderungen. Alternativen zu den traditionellen Garantieprodukten sind gefragt und werden auch im Rahmen des WRIEC 2015 diskutiert. Ein weiteres Thema, das derzeit Wissenschaft und Praxis umtreibt, sind die Folgen der Digitalisierung für die Branche. Big Data, Health Apps, Telematik etc. sind in aller Munde. Neue Technologien bieten vielfältige Möglichkeiten z.B. für Risikoklassifizierung, Produktgestaltung, Vertrieb und Prozessgestaltung. Allerdings ist sich die Branche auch der Gefahr für das traditionelle Geschäftsmodell durch neue Wettbewerber bewusst. Sowohl Automobilhersteller als auch Technologieunternehmen können sich aufgrund ihres Zugangs zu Daten und ihrer Expertise zwischen Versicherer und Kunde schieben. Für die Branche wird es von existentieller Bedeutung sein, sich im Hinblick auf die für ihr Geschäftsmodell relevanten Digitalisierungstrends schnell zukunftsfähig aufzustellen.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Andreas Richter, Lehrstuhlinhaber an der Ludwig-Maximilians-Universität. (Quelle: LMU München)

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