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Versicherer und ihre Angst vor den Bakterien

30.11.2016 – Krankenhaus_NicoLeHe_pixelioDas deutsche Gesundheitssystem gehört zweifelsohne zu den teuersten der Welt. Bei der Frage der Qualität sieht es hingegen nicht besonders rosig aus, glaubt man dem Qualitätsbarometer 2017 des Wissenschaftlichen Institutes der AOK (WIdO). Mängel stellen Experten vor allem bei der Notfallversorgung von Herzinfarkten sowie bei der Behandlung von Brustkrebs fest. Für die Versicherer ist die manglende Hygiene in den Krankhäusern ein Problem.

Laut Studie verfügten demnach etwa 40 Prozent der Krankenhäuser, die 2014 Herzinfarkte behandelten, nicht über ein Herzkatheterlabor, das für die Versorgung von akuten Infarkten der Standard sein sollte. Besonders ausgeprägt war das Problem bei vor allem in den Kliniken mit den wenigsten Behandlungsfällen. Demnach verfügen 82 Prozent der Krankenhäuser, die 2014 weniger als 34 Herzinfarkt-Patienten pro Jahr versorgt haben, nicht über die optimale Ausstattung mit einem Herzkatheterlabor.

“Diese Kliniken behandeln zwar relativ wenige Fälle, nämlich etwa zehn Prozent aller Herzinfarkte. Aber das sind hochgerechnet knapp 22.000 Patienten pro Jahr, die keine optimale Versorgung bekommen, obwohl es in Deutschland sicher keinen Mangel an Herzkatheterlaboren gibt”, kritisiert Thomas Mansky, Leiter des Fachgebietes Strukturentwicklung und Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen der Technischen Universität (TU) Berlin und einer der Autoren des Qualitätsmonitors.

Ebenfalls nötig sei auch “eine besser gesteuerte Einweisung der Patienten in die richtigen Kliniken”, ergänzt Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes. Eine vernünftig organsierte Rettungskette mit Einbindung der Rettungsdienste sei notwendig: “Der Rettungswagen sollte nicht das nächste, sondern das am besten geeignete Krankenhaus ansteuern, das den Patienten optimal versorgen kann. Meist würden sich dadurch noch nicht einmal die Transportwege verlängern.” Litsch fordert einen neuen Anlauf für ein sektorenübergreifendes Konzept zur Notfallversorgung, das die Notaufnahmen der Kliniken, den ärztlichen Bereitschaftsdienst und den Rettungsdienst einbezieht.

Ähnliche Qualitätsmängel stellten die Studienautoren auch bei der Behandlung von Brustkrebs fest. “Auch hier zeigen sich strukturelle Mängel”, ergänzt Mansky. “So wurden in dem Viertel der Kliniken mit den geringsten Fallzahlen weniger als acht Fälle pro Jahr operiert – und das, obwohl es sich hier um einen planbaren und damit leicht zentralisierbaren Eingriff handelt.” Dabei fordert die Zertifizierungsstelle der Deutschen Krebsgesellschaft eine Mindestzahl von 50 Operationen pro Operateur und Jahr. Laut AOK-Monitor verfehlen die Kliniken mit wenigen Brustkrebs-OPs die Ziele der gesetzlichen Qualitätssicherung häufiger.

So zeige sich laut Mansky in der Versorgungswirklichkeit, dass das untere Fallzahlviertel der deutschen Kliniken 2014 weniger als acht Fälle pro Jahr versorgt. “Selbst die fallzahlmäßig untere Hälfte der Krankenhäuser versorgt noch weniger als 49 Fälle pro Jahr”, betont der Experte. Der höchste Anteil an Kliniken mit einer Fallzahl unter acht befinde sich demnach in Berlin (38,1 Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (38,1 Prozent) und Sachsen-Anhalt (34,4 Prozent). Der Anteil ist am niedrigsten im Saarland (16,7 Prozent), in Baden-Württemberg (14,5 Prozent), und in Sachsen (12,5 Prozent).

Ein weiteres kontroverses Thema in der öffentlichen Debatte um die Qualität in deutschen Krankenhäusern ist nach wie vor die Hygiene. Die größten Hygiene-Risiken in deutschen Krankenhäusern sind demnach Hände (80 Prozent), Wasser und die Betten mit jeweils zehn Prozent. Das sieht auch Deutschlands größter Versicherungsmakler im Heilwesen, die Ecclesia-Gruppe mit Hauptsitz in Detmold, so.

“Als Versicherungsmakler leisten wir Unterstützung durch die Zurverfügungstellung entsprechender Schadenauswertungen, um auf mögliche Probleme hinzuweisen. Dazu gehören Vorträge und andere Maßnahmen, um die Mitarbeiter der Krankenhäuser immer wieder für das Thema zu sensibilisieren. Auch die Abstellung von Dozenten für Lehr- und Studiengänge speziell zum Thema Hygiene sind wesentliche Maßnahmen, erläutert Peter Gausmann, Geschäftsführer der GRB Gesellschaft für Risiko-Beratung mbH.

Das Problem: Trotz einer umfassenden gesetzlichen Regelungen zur Hygiene und der Verpflichtung der Krankenhäuser zu einem professionellen Hygienemanagement gibt es keine Institution, welche die Vorgaben entsprechend kontrolliert. Dabei ist die mangelnde Hygiene ein europaweites Problem: Demnach ziehen sich europaweit jedes Jahr rund 2,6 Millionen Menschen Krankenhausinfektionen vor. Rund 91.000 Patienten sterben daran, davon allein 15.000 in Deutschland. Eine Folge: In Deutschland wird es immer schwieriger, einen Versicherer zu finden, das Haftpflicht- und Vermögensschadenrisiko absichern will. Viele Versicherer scheuen dieses Risiko und haben sich mittlerweile aus dem Heilswesenmarkt verabschiedet (vwh/td/wo)

Bildquelle: NicoLeHe / pixelio.de

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