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Versicherer: eine der ältesten “digitalen Branchen”

07.03.2016 – oliver-von-arnelm_adesso“Die Versicherungswirtschaft ist sicherlich eine der ältesten ‘digitalen Branchen’, die wir derzeit kennen”, konstatiert Oliver von Ameln, Geschäftsführer der adesso insurance solutions GmbH, im Exklusivinterview mit VWheute. Allerdings gebe es in den meisten Häusern “noch Verträge, die eher der Archäologie als der modernen Bestandsbearbeitung zuzuführen sind”.

VWheute: Wie stehen Versicherer hinsichtlich der Altsysteme im Vergleich mit anderen Branchen da?

Oliver von Ameln: Die Versicherungswirtschaft ist sicherlich eine der ältesten “digitalen Branchen”, die wir derzeit kennen. Von je her arbeiten wir hier ausschließlich mit Informationen, so dass hier, vergleichbar mit dem Bankenwesen, auch schon sehr früh auf die Digitalisierung umgestellt wurde. Dies führ natürlich heute, im Vergleich beispielsweise zu Internet-Startups oder auch z.B. Telekommunikationsunternehmen, zu gehörigen Altlasten.

Der Druck zur Erneuerung kommt üblicherweise von außen: Typischerweise entsteht deutlicher Wettbewerb, wie ihn derzeit die “Fintechs” bieten, gepaart mit gestiegenen Kundenerwartungen an digitale Prozesse. Bisher wurde die Motivation zur IT-Renovierung stärker durch den Wunsch nach Betriebsoptimierung geprägt, hier stand die Kostenreduktion im Vordergrund.

Die Banken, deren Portfolio mit dem der Versicherer am vergleichbarsten erscheint, haben deutlich früher in neue Kernbanksysteme investiert und planen auch heute noch mit relativ höheren IT-Etats. Der Grund hierfür liegt vornehmlich darin, dass Bankkunden mit vielfach gesteigerter Frequenz mit ihrer Bank interagieren. Kontenbewegungen passieren ja täglich, wo hingegen in der Schadenversicherung in Vergleich deutlich weniger Transaktionen passieren. E-Banking ist schon seit Jahren Standard; die Versicherer, mit denen man vollständig digital interagieren kann, sind dagegen die Ausnahme.

VWheute: Inwiefern sind Altbestände die Bremsklötze für die Digitalisierungsbemühungen von Versicherern?

Oliver von Ameln: In den meisten Häusern findet man natürlich noch Verträge, die eher der Archäologie als der modernen Bestandsbearbeitung zuzuführen sind. Und natürlich sind diese, beziehungsweise ihre meist nicht vorhandenen digitalen Zustände, ein Hindernis auf dem Weg zu Digitalisierung. Allerdings gibt es mittlerweile kluge Strategien, diesen Herausforderungen zu begegnen.

Wir haben bei adesso zum Beispiel ein Verfahren entwickelt, dass wir selbst “differenzierte Migration” nennen. Extrem vereinfacht dargestellt funktioniert das wie folgt: Wir überführen in sehr kurzer Zeit sämtliche alten Vertragsdaten in eine sog. nicht-relationale Datenbank, von der aus wir nach vorher festgelegten Migrationsregeln systematisch nur vollständig konsistente Informationen in das DB-Schema der neuen Bestandsführung übertragen.

Wir haben hier nicht den Anspruch, 40 Jahre alte Verträge mit dem selben Komfort wie das Neugeschäft digital zu prozessieren, das muss aber auch nicht sein, da bei diesem Schritt sämtlich Altdatenbestände zumindest noch menschenlesbar erhalten bleiben. Die Digitalisierung kann so in schnellen und schlanken Projekten vorangetrieben werden und die Altbestände dürfen in Ruhe weiter schlummern und mithelfen, die Digitalisierung zu Finanzieren.

VWheute: Welche Bedeutung bekommt in diesem Zusammenhang der gezielte Run-Off?

Oliver von Ameln: In der Lebensversicherungswelt ist das kein Einzelfall, sondern eher die Regel. Die Verträge, die nicht mit halbwegs aktuellem Garantiezins ausgestattet oder fondsgebunden sind, werden eigentlich nur noch abgewickelt

Einen vollständigen Run-Off sollte man nicht erwägen, nur weil man zu viele Altbestände verwaltet. Die Abwicklung und die Abkehr vom Neugeschäft wird vielmehr durch nicht wirtschaftlich zu verwaltende Verträge, vor allem mit Blick auf die zukünftigen Marktentwicklungen, in Betracht gezogen. Hierbei sind aber mehrere Faktoren im Spiel: Ein unvernünftiges Zinsniveau gepaart mit (IT-) Investitionsstaus und tarifgebundene Beschäftigungsverhältnisse aus deutlich besseren Zeiten. Qualifizierte Arbeitskräfte für die Versicherungswirtschaft werden aber ein immer knapperes Gut, insofern mag es wohl überlegt sein, einen Betrieb ohne größte Not zu verschlanken.

VWheute: Bestände bedeuten aber auch laufende Einnahmen: Welche Ansätze verfolgt hier ein Bestandsmanagement mit nachhaltiger Komponente und Qualitätsorientierung?

Oliver von Ameln: Da auf absehbare Zeit das Neugeschäft durch den Vertrieb allein nicht ausreichen wird, ist ein nachhaltiges, aktives Bestandsmanagement unverzichtbar. Um hier Qualitätssteigerungen erzielen zu können, muss man aber die Parameter seiner Bestände kennen, hier kommt wieder das Thema “differenzierte Migration” zum Tragen.

Ein wichtiges Zielt muss es aus meiner Sicht sein, die noch viel zu wenig ausgeschöpften Potentiale für Neugeschäft aus dem Bestand heraus zu erschließen. Hier können, vorausgesetzt der Datenhaushalt ist in Ordnung gebracht, die statistischen Verfahren unter dem Modebegriff “Big Data” ein echter Katalysator sein. Im Endeffekt handelt es sich hier im Wesentlichen um Korrelationsanalysen, die statistisch keine Raketenwissenschaft darstellen. Wir haben aber heute im Gegensatz zu früher die Feingranularität der Informationen, die diese Auswertungen wertvoll gestalten können. Wir können also heute sicherere Antworten auf die Frage geben, welchen Kunden man wann mit welchem Inhalt erfolgsversprechend kontaktieren sollte.

Um Nachhaltigkeit zu erreichen, muss der Bestand aber zu allererst aber stabil bleiben. Das funktioniert aber nur mit langjährig zufriedenen Kunden (z.B. durch zeitgemäße Services!!!), weshalb anzustreben ist, die Bestandspflege zur vornehmsten Aufgabe des Top-Managements zu erklären und die weiteren Führungsebenen entsprechend zu motivieren.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Oliver von Ameln, Geschäftsführer der adesso insurance solutions GmbH, spricht heute auf dem MCC Kongress “Innovatives BestandsführungsManagement und Produktmodellierung 2016″ zum Thema “Plattformstrategien für die moderne Bestandsführung im Zeitalter der Digitalisierung” (Quelle: adesso)

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