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“Unser Geschäft wird immer komplexer”

04.02.2016 – Urs_Berger_quelle SVV“Wir nehmen den Schutz unserer Kunden ernst. Wo wir Lücken orten, bieten wir Hand zu sinnvollen Maßnahmen und ergreifen auch im Rahmen der Selbstregulierung Initiativen”, sagt Urs Berger, Präsident des Schweizerischen Versicherungsverbandes, im Exklusiv-Interview mit VWheute. Mit dem geplanten Finanzdienstleistungsgesetz befürchtet er jedoch “mehr Regulierung und auch mehr Kosten für die Kunden”.

VWheute: Welches sind die aktuell größten Herausforderungen für die Schweizer Versicherer?

Urs Berger: Unser Geschäft wird immer komplexer und wir stehen vor verschiedensten Herausforderungen. Zu nennen sind der demographische Wandel, die Digitalisierung der Wirtschaft, die rekordtiefen Zinsen, der sich abzeichnende Fachkräftemangel und unser Verhältnis zur EU.

Diese Herausforderungen stellen hohe Ansprüche an unsere fachliche Kompetenz, um im Interesse unserer Kunden neue, wertsteigernde Ansätze zu entwickeln. Dafür brauchen wir Freiräume, denn nur so bleiben wir innovations- und wettbewerbsfähig. Vor diesem Hintergrund beobachten wir die aktuellen regulatorischen Entwicklungen mit Sorge. Vielfältige Ansprüche aus unterschiedlichen Bereichen wie Steuern, Finanzstabilität oder Aufsichtsrecht führen zu zahlreichen, unkoordinierten Regulierungen.

In der Schweiz steht derzeit das geplante Finanzdienstleistungsgesetz zum Schutz der Kunden zur Diskussion. Wir nehmen den Schutz unserer Kunden ernst. Wo wir Lücken orten, bieten wir Hand zu sinnvollen Maßnahmen und ergreifen auch im Rahmen der Selbstregulierung Initiativen. So haben wir etwa unter dem Namen Cicero ein Qualitätslabel für Versicherungsvermittler geschaffen. Zusätzlich zum bereits bestehenden Versicherungsrecht würde das neue Finanzdienstleistungsgesetz mehr Regulierung und auch mehr Kosten für die Kunden bedeuten.

VWheute: Was fehlt zur Chancengleichheit für die Branche im europäischen Wettbewerb?

Urs Berger: Die EU hat die Gleichwertigkeit der Schweizer Regulierung und Aufsicht für Privatversicherer mit Solvency II anerkennt. Damit hat die Schweiz als erstes Land überhaupt drei Etappenziele auf dem Weg zu einem Level Playing Field für die Schweizer Versicherer mit ihren Konkurrenten aus der EU erreicht. Die EU erkennt erstens die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma als globalen Gruppenaufseher an. Auch werden die Zulassungspflichten und die Solvenzanforderungen der Schweiz, der Schweizer Solvenztest SST, als gleichwertig mit Solvency II anerkannt. Schließlich sind neu Schweizer Rückversicherer gegenüber EU-Rückversicherern gleichgestellt.

Mit der Äquivalenz der Aufsichten ist jedoch noch keine Chancengleichheit im Wettbewerb zwischen Schweizer und EU-Versicherern erreicht. Die Kapitalanforderungen unter dem Schweizer Solvenztest bleiben bedeutend höher als diejenigen unter Solvency II. Das ist für die Schweizer Versicherer ein entscheidender Wettbewerbsnachteil: Sie müssen mehr Kapital hinterlegen als EU-Versicherer und somit höhere Prämien von ihren Kunden verlangen. Wir fordern deshalb, so rasch wie möglich die Kapitalanforderungen für Schweizer Versicherungen jenen der EU-Konkurrenz anzupassen.

VWheute: Welche konkreten Aufgaben leiten Sie für Ihren Verband daraus ab?

Urs Berger: Die Versicherungen sind ein zentraler Bestandteil der Volkswirtschaft. Sie erbringen im Schadenfall Leistungen, die den Einzelnen vor sozialer Not bewahren. Unternehmen können sich ohne Versicherungen nicht entfalten. Wir setzen uns deshalb für Rahmenbedingungen ein, die den Versicherern erlauben, ihre Aufgaben unter optimalen Voraussetzungen wahrzunehmen. Dazu verfolgen wir die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen aufmerksam und bringen unsere Anliegen ein. Dafür stehen wir mit der Politik im Dialog, nicht nur in der Schweiz, sondern über den Europäischen Versicherungsverband Insurance Europe auch in der EU.

Zudem möchten wir enger mit Konsumentenschutzorganisationen zusammenarbeiten, insbesondere im Bereich der Kundeninformation. Eine Befragung von Versicherungskunden in der Schweiz hat ergeben, dass sie besser aufgeklärt sein wollen, und dass die Information verständlicher sein soll. Dafür möchten wir uns auch auf die Kompetenzen von Konsumentenschutzorganisationen abstützen und sie einbeziehen.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Urs Berger ist Präsident des Schweizerischen Versicherungsverbandes. (Quelle: SVV)

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