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Unerwünschte Wettbewerbsanreize durch Fitness-Tarife?

18.02.2016 – Stock_FH_KoelnDie Mehrzahl aktueller Apps für Wearables und Fitness-Tracker basiert nicht auf anerkannten Konzepten der Verhaltensforschung und Prävention, kritisiert Gesundheitsökonomin Stephanie Stock. Sie moniert im Interview mit VWheute bei aktuellen Produkten “große Unsicherheiten bezüglich der Qualität und der Validität der gesammelten Daten.”

VWheute: Wie kann man Menschen dazu bringen, gesünder zu leben? Wie bewerten Sie den möglichen Beitrag von Wearables und Fitness-Trackern

Stephanie Stock: Verhaltensänderungen unterliegen komplexen sozial-kognitiven Prozessen. Der Einsatz neuer Technologien wie Wearables und Gesundheits-Apps sollen Versicherten helfen, diese Hürden zu überwinden. Sie haben durchaus Potenzial, Versicherte bei einer gesundheitsförderlichen Lebensführung zu unterstützen. Allerdings liegen bisher zu wenig belastbare Daten vor, um abschätzen zu können, ob solche Angebote wirklich kosten-effektiv sind. Zudem basiert die Mehrzahl der aktuellen Apps nicht auf anerkannten Konzepten der Verhaltensforschung und Prävention. Auch bei sogenannten Fitnesstarifen stellt sich die Frage nach der Kosten-Effektivität. Die Erfahrungen der Bonusprogramme in der Gesetzlichen Krankenversicherung lehren, dass geeignete Programme Einsparungen erreichen können. Es ist jedoch unklar, in welchem Maße diese auf Mitnahmeeffekten durch die Einschreibung von bereits gesundheitsbewussten Versicherten beruhen.

VWheute: Welche politischen, ethischen und technischen Herausforderungen sehen Sie?

Stephanie Stock: Mit Hilfe der neuen Technologien können in kurzer Zeit große Mengen sensibler Daten über einzelne Versicherte gesammelt werden. Hier sind noch nicht alle datenschutzrechtlichen Probleme gelöst. Zudem ist eine sichere und interoperable IKT-Infrastruktur Voraussetzung für den breiten Einsatz. Die rechtlichen Rahmenbedingungen zum Datenschutz, -speicherung und -sicherheit von personenbezogenen sensibler Gesundheits- und medizinischen Daten müssen an die heutigen technischen Möglichkeiten angepasst werden. Insbesondere muss die Datensouveränität und Privatsphäre der Nutzer gewährleistet sein. Es darf nicht zu Einschränkungen der informationellen Selbstbestimmung und der Autonomie des Versicherten kommen. Zudem bestehen große Unsicherheiten bezüglich der Qualität und der Validität der gesammelten Daten. Nur wenige Gesundheits-Apps sind als Medizinprodukte anerkannt. Die derzeit verfügbaren Gesundheits-Apps berücksichtigen mehrheitlich nicht aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur Verhaltensprävention. Darüber hinaus besteht kein ausreichendes regulatorisches Zulassungs- bzw. Qualitätssicherungsverfahren. Aus gesellschaftlicher Perspektive ist zu diskutieren, inwieweit die geplanten Fitness-Tarife zu unerwünschten Wettbewerbsanreizen führen.

VWheute: Wie sieht in Ihren Augen ein gangbarer Weg aus?

Stephanie Stock Bei Einführung von Tarifen, die auf neuen Technologien basieren, sollten meines Erachtens gesundheitsökonomische, ethische und gesellschaftliche Aspekte berücksichtigt werden: Die Entwicklung von Angeboten zur Verhaltens- und Lebensstilveränderung sollte sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen von Modellen der Gesundheitsförderung orientieren. Die Anwendungen und Tarife sollten im Rahmen einer wissenschaftlichen Evaluation auf ihre Kosten-Effektivität überprüft werden, um Fehlallokationen und falsche Wettbewerbsanreize zu vermeiden. Für eine breite Akzeptanz und Nutzung sind verpflichtende Qualitätssicherungs- und Zulassungsverfahren ebenso bedeutsam wie die Edukation der Nutzer im Umgang mit digitalen Medien. Aus gesellschaftlicher Perspektive wäre es wünschenswert solche Programme und Anwendungen bei Nachweis ihrer Effektivität in eine präventive Gesamtstrategie einzubetten.

VWheute: Wo liegt das größte Potenzial von Internetmedizin & E-Health?

Stephanie Stock: Internetmedizin und E-Health-Lösungen machen Gesundheitsversorgung und Prävention zielgruppenspezifischer, erhöhen ihre Reichweite und verbessern Workflow und Kommunikation aller Beteiligten. Angebote können individualisiert zeitlich und räumlich flexibel angeboten werden. Dies ist z.B. im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements von Vorteil. Weitere wichtige Anwendungsgebiete bestehen in unterversorgten und ländlichen Gebieten. Erfolgreiche Konzepte bestehen bereits z.B. in telemedizinischen Anwendungen.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: GesundheitsökonominStephanie Stock hat in Köln eine Professur für angewandte Gesundheitsökonomie und patientenzentrierte Versorgung inne und eröffnet morgen den MCC-Kassengipfel.

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