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Umwölkte Perspektiven

14.09.2015 – Casino Mote Carlo und die Bronzeskulptur - cptAus Monte Carlo berichtet VWheute-Korrespondent Philipp Thomas. Die Skulptur  Adam and Eve von Fernando Botero auf der Promenade von Monte Carlo erinnert irgendwie an Bulle und Bär. Jedenfalls bewegt sich zwischen diesen perspektivischen Richtungen das derzeitig stark umwölkte Rendez-vous de Septembre in Monte Carlo. Der Rückversicherungsbranche könnten einige kritische Jahre bevorstehen.

Gar manches ist in den letzten Jahren aus dem Ruder gelaufen: Die Kapitalanlagen rentieren kaum und dank ausgebliebener großer Marktschäden sowie des Eindringens externer renditeheischender Kapitalanleger (Neugründung bzw. Kauf von Rückversicherern sowie auch Kauf von Cat-Bonds) sinken die Prämienraten beharrlich. Noch sind die publizierten Ergebnisse der großen Player erfreulich, doch erklärt sich dies schon seit Jahren maßgeblich mit die Abspeckung von Vorjahresschadenreserven (KÖPFE). Man kann nur hoffen, dass gegenwärtig immer noch ähnlich strikte Reservierungsstandards herrschen mögen.

David Priebe, stellvertretender Vorsitzender bei Carpenter, sprach mit Bezug auf den US-Markt auf eine unterdurchschnittliche Cat-Belastung sowie Reserve-Abspeckung. Beides kaschiere die wahre Ertragslage der Branche. Der Prämienabrieb habe auch im ersten Halbjahr 2015 angehalten, nun aber nähere man sich einem Gleichgewichtszustand, wo Rückversicherer sich weiteren geforderten Konzessionen widersetzten und gelegentlich ein Programm zur 100%ige Platzierung auch mit etwas verbesserten Bedingungen aufwarten müsse. James Nash, bei GuyCarp für Asia Pacific zuständig, bezifferte den laufenden Prämienabrieb auf 10 bis 20 Prozent.

Die Chemie-Kettenexplosion in der chinesischen Hafenstadt Tianjin hat gezeigt, dass manche Exponierungen bislang noch weit unterschätzt werden. GuyCarp kalkuliert die Kosten auf zwischen 1,6 bis 3,3 Mrd. US-Dollar, allerdings ohne BU sowie Aufräum- und Dekontaminierungskosten. Basis der Schätzung sind Satellitenbilder und Datenbanken hinsichtlich der betroffenen Industrieparks. Chinesische Stellen lassen immer noch keine ausländischen Loss Adjuster vor Ort. Dies könne einer der komplexesten Marktschäden werden, insbesondere auch was mögliche Regresse gegen die verantwortliche und angeblich zwei Mrd. US-Dollar werte Lagergesellschaft betrifft.

Mittelfristig muss die Branche darauf gefasst machen, dass die allmählich noch im Privatbesitz stehenden und daher mit geringen Selbstbehalten versicherten Privat-PKW durch Car-Sharing und Uber-Flotten abgelöst werden, die zunehmend selbstlenkend sein werden und somit kaum das bisherige Volumen an Motorprämie aufbringen können. Die Rückversicherer würde dies nicht im Rahmen der Motor-Schadenexzedenten treffen, sondern auch hinsichtlich der in vielen Ländern gerade im Zuge von Solvency II wieder in Mode kommenden den Eigenkapitalbedarf reduzierenden “Surplus-Relief”-Motorquoten. Auch in Wahrheit von Rückversicherern qua Quotenübernahmen gesteuerte Fronting-Erstversicherer wie Admiral in Großbritannien hätten dann weitgehend ausgedient, ihren Geschäftsfluss zu den Sponsoren gäbe es nicht mehr.

Das entgehende Geschäft ließe sich durchaus ersetzen, doch tut sich die Branche bereits jetzt schwer aus neuen, bislang ohne aktuarielle Datenbasis dastehenden Risikofeldern wie Cyber und Supply-Chain hinreichend große Prämienvolumina zu ziehen. Nationalstaaten können auch nur mit Mühe überredet werden nationale Infrastruktur gegen Naturkatastrophen zu versichern. Geschieht dies im Rahmen von Weltbank-Projekten muss man ihnen einen Großteil der Prämie schenken.

Die Preise, die derzeit für große Assekuranzorganisationen gezahlt werden, könnten sich in einigen Jahren retrospektiv betrachtet als aberwitzig erweisen. Zurich gedenkt RSA für 5,6 Mrd. Britische Pfund zu erwerben, Mitsui-Sumitomo ist die in Lloyd’s operierende Amlin 3,47 Mrd. Pfund wert und Exor (Agnelli-Gruppe) zahlte für Partner Re 6,3 Mrd. US-Dollar. Den Vorgang könnte man auch als “Merger-Mania” bezeichnen. Er führt zu einer weitergehenden Marktkonzentration bei den größten der Branche, deren Gruppenselbstbehalte zulasten der Abgaben an externe Rückversicherer steigen. Schon seit Jahrzehnten gilt der böse Spruch, man solle sich in der Assekuranz vom zyklischen Verhalten japanischer Konkurrenten leiten lassen … und just das Gegenteil tun.

Bild: Spielbank Monte Carlo, im Vordergrund die Adam- und Eve-Bronzeskulptur des kolumbianischen Bildhauers Fernando Botero. (Quelle: Philipp Thomas)

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