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Typisches Risiko: Ausblenden des gesunden Menschenverstands

28.10.2015 – arzt_FotoliaÜber objektive Qualitätsstandards hinaus fordern Maximilian Gaßner und Jens M. Strömer Zulassungsbeschränkungen und eine aufsichtsbehördliche Überwachung für Gesundheits-Apps. Die Experten vom Versicherungsbundesamt sehen in ihrem Beitrag für VersR dieses Bedürfnis auch bei Anwendungen, bei denen der medizinische Aspekt nicht im Vordergrund steht.

Ein Bedürfnis nach Standardbildung ist für die Anwendungsgebiete offensichtlich, in denen mHealth-Anwendungen über das Stadium einer bloßen Spielerei hinausgehen und der Einsatz von mHealth-devices tatsächlich medizinisch relevant wird.

Bei mHealth-Anwendungen mit ernsthafter medizinischer Relevanz können auch ohne Einbindung eines Arztes (oder auch gerade wegen der fehlenden Einbindung eines Arztes) erhebliche Gefahren für den Nutzer entstehen, ohne dass er insoweit durch das Arzthaftungsrecht geschützt ist. Daher besteht bei mHealth-Anwendungen mit primär medizinischer Zielrichtung auch eine verfassungsrechtliche Schutzpflicht des Staates (Art. 2 Abs. 2 GG, Untermaßverbot und Wesentlichkeitstheorie), für den Schutz der Bevölkerung Sorge zu tragen.

Dessen ungeachtet ist ein gewisses Gefahrenpotenzial aber auch bei vermeintlich harmlosen mHealth-Anwendungen nicht zu unterschätzen.

Daher besteht auch bei mHealth-Anwendungen, die primär außermedizinische wie z. B. eine sportliche Zielrichtung verfolgen, aber die Gefahr einer nicht unerheblichen Gesundheitsgefährdung des Nutzers und eine verfassungsrechtliche Schutzpflicht des Staates (Art. 2 Abs. 2 GG; Untermaßverbot und Wesentlichkeitstheorie). Fehler bei der mHealth-Versorgung können aus technischen Unzulänglichkeiten, aus typischen Anwendungsfehlern und auch aus falschen Schlussfolgerungen des Anwenders resultieren.

So könnten beispielsweise bei der Verwendung einer Smartwatch zur Herzfrequenzmessung über einen optischen Sensor am Handgelenk dadurch falsche Ergebnisse erzielt werden, dass der optische Sensor der Smartwatch technisch nicht ausgereift ist (technische Unzulänglichkeit), dass der Anwender die Smartwatch nicht an der richtigen Stelle am Handgelenkt positioniert oder sie bei der Nutzung verrutscht (Anwendungsfehler) oder dass die die Herzfrequenz auswertende Fitness-App falsche Empfehlungen generiert (falsche Schlussfolgerungen des Anwenders).

Eine Reihe tragischer Zwischenfälle bei anderen mobilen Anwendungen (wie z. B. bei Navigations-Apps) lassen auf ein typisches Risiko schließen, dass manche Nutzer durch blindes Vertrauen auf die Angaben einer (unter Umständen fehlerhaften) App den gesunden Menschenverstand ausblenden. Eine spezifische Gefahr kann bei mHealth-Anwendungen auch dann bestehen, wenn eine mHealth-Anwendung beim Nutzer fälschlicherweise die Vorstellung eines echten, dem medizinischen Standard entsprechenden Diagnoseverfahrens erzeugt und der Nutzer durch das Vertrauen auf ein falsches Ergebnis einer mHealth-Anwendung davon abgehalten wird, sich einem dem medizinischen Standard entsprechenden Diagnoseverfahren zu unterziehen.

In vielen Fällen wäre es also gesünder, anstelle einer fehlerhaften Messung gar keine Messung durchzuführen. Die vorgenannten Beispiele sollen aber vor allem verdeutlichen, dass Anwendungen mit mHealth-Charakter auch unabhängig von der eigentlich konzipierten Zielrichtung im Einzelfall bedeutsame medizinische Relevanz entfalten können. Oder anders formuliert: Auch wenn eine mHealth-Anwendung hauptsächlich als Motivationshilfe für träge “Bürohengste” gedacht ist, kann ihre Nutzung bei Fehlern auch einmal böse enden.

Bildquelle: Fotolia

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Ausführlicher Expert: Mobile Health Applications – haftungsrechtlicher Standard und das Laissez-faire des Gesetzgebers. Maximilian Gaßner, Präsident des Bundesversicherungsamtes, und Jens M. Strömer, Referent im Bundesversicherungsamtes, in VersR 28/2015 (Einzelbeitrag, 5,24€)

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